Spannungsverluste im Halbdunkel – „Don Carlos“ am Theater Basel


(nmz) -
Dieser „Don Carlos“ beginnt im Halbdunkel im blauen Wald von Fontainebleau – und er endet in der Inszenierung von Vincent Huguet auch dort. Nahezu die gesamte vierstündige Oper in der fünfaktigen französischen Fassung lässt der Regisseur im voll belegten Theater Basel im Halbdunkel spielen. Selbst die große Autodafé-Szene im dritten Akt, wenn die vom Inquisitionsgericht verurteilte Ketzerin im Käfig in den Theaterhimmel fährt, ist nur in spärliches Licht getaucht. Eine Atmosphäre der Angst wollte Huguet damit erzeugen, wie er im Programmheft erläutert. Bedrohlich wirkt das Setting aber auf Dauer nicht.
14.02.2022 - Von Georg Rudiger

Die fehlende Differenzierung (Lichtdesign: Irene Selka) sorgt für Spannungsverlust. Man vermisst Kontraste und Zuspitzungen. Auch das aus verschiebbaren Quadern bestehende, klobige, wenig inspirierte Bühnenbild von Altmeister Richard Peduzzi, der einst mit Patrice Chéreau zusammengearbeitet hat, erzählt in seiner abstrakten Statik wenig von den großen Spannungen, die in Giuseppe Verdis 1867 für Paris geschriebene Oper zu finden sind. Es bleibt Kulisse.

Mit gleich sechs Hauptpartien, gewaltigen Chorszenen und einem plastisch eingesetzten Orchester ist Verdis „Don Carlos“ nach dem dramatischen Gedicht von Friedrich Schiller opulent besetzt. Der junge italienische Dirigent Michele Spotti sorgt im Orchestergraben für eine reiche Palette an Klangfarben, Kontrasten und Emotionen, auch wenn das Sinfonieorchester Basel in den hohen Streichern hin und wieder in Sachen Koordination und Intonation schwächelt. Aber der satte Hörnerchor im zweiten Akt, das berührende Cellosolo vor Philipps Einsamkeitsarie im vierten Akt oder die von Posaunen und Kontrafagott düster gezeichnete Szene mit dem Großinquisitor bleiben in bester Erinnerung. Auch der Chor (Einstudierung: Michael Clark) zeigt eine große Bandbreite. Vor allem schafft es Spotti, die Spannung zu erzeugen, die der Inszenierung mit ihrer ungenauen Personenführung, ihrer Statik und dem nicht präzisen Timing fehlen.

Darstellerisch ist beim Ensemble deshalb auch Luft nach oben, sängerisch aber bleiben wenige Wünsche offen. Am ehesten noch bei Joachim Bäckströms lyrisch angelegtem Don Carlos, der in dramatischeren Passagen zu eng und forciert erscheint. Die von Don Carlos geliebte, aber seinen Vater Philippe II heiraten müssende Elisabeth von Valois findet in Yolanda Auyanet eine beeindruckende Verkörperung – von wuchtigen Ausbrüchen bis zu ganz nach innen gerichteten, leuchtenden Phrasen. Philippes Zeichnung als brutaler König und dominanter Vater findet im kernigen Bassbariton von Nathan Berg seinen Widerhall. Die Begegnung mit dem Großinquisitor (präsent und abgründig: Vazgen Gazaryan) im vierten Akt wird zum eindrucksvollen Kräftemessen mit finalem Kuss des Bischofsrings (Kostüme: Camille Assaf). Großartig agiert Kristina Stanek als zunächst intrigierende, dann bereuende Prinzessin Eboli – mit dunkler Tiefe und wunderbar ausgesungenen Linien. John Cests kantabler Bariton macht aus Don Carlos‘ Freund Rodrigue eine echte Sympathiefigur. Nur seine Sterbeszene wird leider von der Regie verschenkt. Aber es bleibt die Musik!

Die nächsten Vorstellungen: 17./22./25./28. Februar 2022, www.theater-basel.ch

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