Stumpfe Kalauer-Comedy – Musical-Uraufführung „ZZaun“ in Dresden


(nmz) -
Noch vor Ablauf der ersten Jahresfrist sollte im Werk Mitte, der neuen Spielstätte der Staatsoperette Dresden, die erste Uraufführung stattfinden. Die Maag Halle Zürich hatte den Musicalautor Tilmann von Blomberg mit dem Songdichter und Komponisten Alexander Kuchinka beauftragt, zur Produktion kam es dort allerdings nicht. Beim ersten „Creators Autorenwettbewerb“ des Schmidt-Theaters in Hamburg schaffte es „Zzaun! – Das Nachbarschaftsmusical“ ins Finale und Intendant Wolfgang Schaller sicherte es sich sofort. Wegen des Wasserschadens im Oktober 2017 musste die Premiere der stumpfen Kalauer-Comedy allerdings auf den 4. März 2018 verschoben werden.
05.03.2018 - Von Roland H. Dippel

 

Weil „Womanizer“ Horst versehentlich eine Latte vom Zaun zum Grundstück seiner frisch vermählten männlichen Nachbarn bricht, eskaliert die Situation. Die mückenzarte Verstimmung wächst zum elefantengroßen Wettrüsten: Konflikt, Aggression, Anwalt, Versicherungsbetrug, Stimmenfang, Parteienbildung, Korruption, Lobbyismus, Krieg. Schwulenfeindlichkeit ist hier keine Ursache, aber ein potenzielles Mittel zum strategisch passenden Zeitpunkt. Schließlich stehen zwei Atomsprengköpfe startbereit auf den teppichgroßen Rasenflächen und die gegnerischen Spitzen-Streithähne drücken einträchtig aufs Weltvernichtungsknöpfchen. Doch das ist nur ein (Tag-)Traum. Zum Schluss reißt das nachbarschaftliche Quartett den kaputten Zaun nieder und wetzt mit süßlichem Lächeln das nächste Messer: „In unsern Eigenheimen soll die Eintracht keimen“ – alle sind happy.

Alle? Letztlich doch. Auf der einen Seite Horst, mit dem sich der frühere Countertenor-Star Axel Köhler noch weiter ins Musical-Charakterfach hineinbeißt. Erst am Grill, dann wie Fidel Castro. Zu ihm gehört das grellblonde, emotional kompetente Liebchen Leonie, neben der schon die schlichte Audrey aus dem „Kleinen Horrorladen“ den Intelligenzappeal einer Harvard-Absolventin versprüht. Vor Leonies Dummheit kapituliert sogar ein angehender Musicalstar wie Olivia Delauré. Dann Horsts iPhone-geiles Töchterchen Michelle zwischen „Black“-Fashion und „Sabbath“-Sound: Lucille Mareen-Mayr, die am PC die wahrscheinlich beste Email-Arie des jungen Jahrtausends hinrotzt – und schließlich die durch Süßigkeiten korrumpierbare Beamtin Sonnschein (Silke Richter standesgemäß damenhaft).

Auf der „rosa Seite“ des Wohnparks: Roland, dem die Autoren ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Homosexualität andichten. Deshalb darf Christian Grygas auf Regiebefehl kein Klischee vermeiden. Deshalb brilliert er souverän im heteronormativen Gossenslang und demütigt seinen Mann Felix, eine mit Tafelservice und Backblech wedelnde Ikone der stillen Häuslichkeit: Jannik Harneit spielt den naiven Schwulen von nebenan, der in seelischer Not mit der ebenso in schöner Regelmäßigkeit heruntergeputzten Leonie anbandelt. Dazu feiert die Musik in ekstatischen Disney-Klängen die platonische Verlobung von „First Lady“ und „First Gay Husband“ als wunderschöne neue Utopie.

Trotzdem gebricht es etwas an Mumm zum echt krassen Melodram. Die vormoderne Schwulenkritik-Munition von Felix‘ Mutter paart sich aus dem Mund von Cornelia Drese superstimmig mit Mediengeilheit. Ihr Schreckensruf „Hippiekommune“ – ein Anachronismus par excellence! Wie vieles in „ZZaun!“ stammt die Floskel aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Zum Figurenarsenal gehören noch ein Anwalt wie Trump (Elmar Andree), ein Versicherungsvertreter (Bryan Rothfuss) und ein zum Waffenlieferanten aufsteigender Zaunverkäufer (Marcus Günzel). Das Ensemble spielt sich in die Spitzenliga einer powergewaltigen Konkurrenz zu RTL und Super-Illu. Die vom Publikum unerwartet verhalten honorierten Dialoge holt man mehrheitlich aus den unteren bis untersten Schubladen.

Im Aroma der Schlagerretorten von 1970

Irritationen gibt es nicht nur bei den Koordinaten Zeit und Ironie: Walter Vogelweiders Wohnpark enthält zwei schicke City-Schachteln. Sowas kennt man vom Alaunpark in Dresden-Neustadt bis… Dazu bewegen sich Manfred Honetschlägers Arrangements für große Orchesterbesetzung mit Keyboard, E-Gitarre und Harfe gerne im Aroma der Schlagerretorten von 1970. Peter Christian Feigel gießt viel Öl in die orchestralen Flämmchen, da hat die Vorauswahl zum „Eurovision Song Contest“ weitaus mehr Kontur. Schließlich stammt der künstliche Dackel auf Rädern, ein Fremdkörper in der Ausstattung, aus den hundert Jahre alten Operetten-Tipps von Karl Kraus. Hätte Regisseur Andreas Gergen einige mehr von diesen beherzigt, hätte er vielleicht doch noch manches Malheur vermeiden können. Ulli Kremer war für ihre Kostüme höchstwahrscheinlich Dauerkundin bei „Olymp und Hades“.

Mit geistigen Rammböcken geklotzt

In „ZZaun!“ fechtet man nicht mit dem Florett, sondern klotzt mit geistigen Rammböcken. Kein Kalauer fehlt und so manch überwunden geglaubtes Klischee feiert seine quietschfidele Renaissance. Ironisch selbstverständlich, und damit unangreifbar. Selten zeigt die Substanz höhere Ambitionen als das Sendefenster „Shopping Queen“. Das hat zur Folge, dass die auftanzende Military-Crew nur silbrig-flippig wirkt, nie absurd oder gar strukturbildend wie die Ensembles etwa in „Linie 1“. Aus einem Wasserball-Globus entweicht die Luft, bevor man überhaupt an Charlie Chaplins „Großen Diktator“ denken kann. Das Hauptrequisit Nusskringel besteht primär aus Bröseln von Loriots legendärem „Kosakenzipfel“. Roland und Felix sind wie Georges und Albin, die es aus dem „Käfig voller Narren“ von 1975 ins Heute verschlägt. Ironie oder Radau schlagender Klamauk? Das unterscheidet sich nicht so einfach. Das Interesse an den groben Figuren-Karikaturen verflüchtigt sich noch vor der Pause. Sogar der finale Friedensappell zieht vorbei wie ein x-beliebiger Werbejingle.

Verpuffung

Schade, denn der Stoff und die vom kleinen Anlass zur drastischen Wirkung auflaufende Klimax hätten Aktualitätsbezug und leidlich Aussagekraft zur Verdrossenheit an der sich überstürzenden Weltpolitik. Das verpufft, weil der Musical-Jugend-Chor der Staatsoperette Dresden zwar viel Elan investiert, sich aber nicht einmal von einem kundigen Choreographen wie Danny Costello in die mit dem Ballett der Staatsoperette konforme Stilisierung bringen lässt. Die Kriegstreiberei der Handlung strotzt von verwegener bis verantwortungsloser Banalität. Klumpende Übertreibung aber ist kein Garant für Esprit. Vielleicht lässt sich da bei einer nächsten Inszenierung mit hintergründigem, vielleicht sogar schwarz-bösen Witz noch etwas nachjustieren. Ganz aussichtslos scheint das nicht. Immerhin zeigen Tilmann von Blomberg und Alexander Kuchinka plausibel, wie alle Figuren von verifizierbaren bzw. alternativen Fakten gebeutelt sind.

Wo sich „Cool!“ auf „Schwul!“ reimt

Wie ein Nachbarschaftsmusical humorvolle Tiefenschärfung gewinnt, ließe sich bei Zaufkes und Lunds scharfsinnig ausbalanciertem Märchenmusical „Grimm!“ studieren. „Muss man immer stark und schlau sein?“ fragt Nachbar Felix aus der rosaroten Perspektive. Ja: Es empfiehlt sich in “Zzaun!“ genau ab da, wo sich „Cool!“ auf „Schwul!“ reimt. Ab da wird man nämlich den Eindruck nicht mehr los, dass „ZZaun!“ Vorurteile und Klischees lieber betoniert als neutralisiert. Das Programmheft stellt „Horst zusammen mit seiner Freundin Leonie in harmonischer Nachbarschaft mit dem schwulen Pärchen Roland und Felix“ vor. Genau: „Schwules PärCHEN“ contra „Er MIT ihr“. Wer ist da auf Augenhöhe, wer im Verkleinerungsmodus? Und so geht es weiter. Dummerweise gerät „ZZaun! – Der Nachbarschaftsschwank“ am gleichen Abend in empfindliche Konkurrenzsituation zum Bayerischen Fernsehen, in dem die Aufzeichnung des Stücks „Bäcker braucht Frau“ als Weltpremiere das wertkonservative Genre des Volkstheaters mit einer schwulen Hauptfigur bereichert, zur allerbesten Sendezeit um 20.15 Uhr.

  • Wieder am 21., 22. April - 24., 25. Mai - 2., 3. (in Kooperation mit dem CSD) Juni: www.staatsoperette.de – Zur Premiere ist eine CD erschienen.