Subnormal Europe – die Münchener Biennale live im ZKM Karlsruhe


(nmz) -
„Point of New Return“ ist die „Münchner Biennale – Festival für Neues Musiktheater 2020/21*“ überschrieben. Ein kleines Sternchen im Programmbuch führt zu folgender Untertitelung: „Dynamisierte Festivalausgabe aufgrund der Corona-Pandemie mit unterschiedlichen Uraufführungsterminen und Spielorten in München und außerhalb“. Was darunter zu verstehen ist, konnte man vergangenen Sonntagabend im Medientheater des ZKM erleben. Ein Bericht von Andreas Kolb.
16.06.2020 - Von Andreas Kolb

Die Festival-Live-Premiere fand nicht im Münchener Gasteig, sondern im ZKM, dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, statt. Statt der 300 Zuseher, die im Medientheater Platz gefunden hätten, waren pandemiebedingt etwas über 20 geladene Gäste anwesend, neben der Presse auch ZKM-Chef Peter Weibel, der Leiter des Hertz-Labor, Ludger Brümmer, die beiden Intendanten Daniel Ott und Manos Tsangaris sowie andere illustre Gäste. An digitalen Besuchern des Premieren-Streams wurden knapp 100 gezählt.

Dem Abend, der zweigeteilt war in die Welturaufführung der Biennale Produktion „Subnormal Europe“ von Belenish Moreno-Gil und Óscar Escudero, sowie daran anschließend in den „Salon des Wunderns und der Sichten“, hing eine seltsame Mischung aus Tristesse und Euphorie an. Erstere hatte ihren Ursprung in der pandemisch verursachten Exklusivität der Veranstaltung – das Schönbergsche Konzertformat der Privataufführung feierte hier neue Urständ.

Euphorie war deshalb zu spüren, weil es für alle Beteiligten das erste – oder doch eines der ersten – Live-Ereignisse seit dem Lockdown vor drei Monaten war. Man war aber nach Karlsruhe nicht nur ausgewichen, weil man in München noch nicht durfte, sondern weil in der Fächerstadt die Produktionsbedingungen für ein multimediales Kompositionsprojekt ideal waren und der Auftrag an das junge spanische Künstlerduo Moreno-Gil und Escudero als Koproduktion von Biennale, dem Hertz Labor des ZKM, dem Schweizer Gare du Nord und ZeitRäume Basel sowie des Festivals Wien Modern im Netzwerk für formübergreifende Musiktheaterformen vergeben worden war. Damit ist auch schon die Frage beantwortet, ob neues Musiktheater denn nicht häufiger gespielt werden müsste als nur am Tag seiner Uraufführung.

„Subnormal Europe“ ist Konzeptkunst, die den Fortschritt im Bereich der Audiovision in verschiedenen Metaebenen thematisiert. Es geht um die erste Tonaufnahme der Geschichte, die erste Bewegtfilmsequenz oder die erste große Veranstaltungsübertragung 1936 von den Olympischen Spielen in Berlin. Um diese paradigmatischen Materialien der Dokumentation und der Repräsentation herum schufen die beiden Komponisten mit dem Toningenieur Sebastian Schottke und der Kontra-Altistin und Performerin Noa Frenkel eine Live-Aufnahmesession, die ihren aus der Improvisation gewonnenen Charakter nicht verbergen wollte. Die Komponisten und der Toningenieur jagten Noa Frenkel eine Stunde lang durch Massen von Texten und Visuals. Ihre komplizierten Gänge über die Bühne, schnell wechselnde Positionen und Gesten im Rhythmus der Bilder – beinahe schon Tanztheater –, dazu Frenkels Stimm- und Gesangsakrobatik machten die Zuschauer schwindeln. Sehenswert auch das digitale Bühnenbild, vom Hertz-Labor Ludger Brümmers auf drei großen bühnenfüllenden Leinwänden inszeniert. Man zeigte, was man drauf hat im ZKM.

Im Anschluss trafen sich alle Beteiligten, die israelische Performerin Noa Frenkel, die Komponisten, die Dramaturgen, die Kamera- und Tonleute, die Fotografen, die Rezensenten und andere Medienmenschen im „Salon des Wunderns und der Sichten“ in der schönen Architektur des blauen ZKM-Kubus. Geladen hatten Daniel Ott und Manos Tsangaris und wer eine langweilige Gesprächsrunde erwartet hatte, sah sich angenehm enttäuscht. Wortbeiträge gingen fließend in Musikbeiträge über: Der Komponist Tsangaris entpuppte sich als versierter Improvisator und strukturierte Zeit dezent mit einfachen Perkussionsinstrumenten. Ott unterlegte Gespräche mit Klängen aus einem präparierten Flügel. Davon angesteckt waren Escudero und Moreno-Gil nicht faul und erinnerten mit einem wunderbar dahingehauchten Lied aus Federico Garcia Lorcas Liedersammlung „Canciones populares españolas“ an ihre spanische Identität. Aus „Europe subnormal“ wurde Europa pur.

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