Suggestiv, mäandernd – Toshiro Mayuzumis Oper „Der Tempelbrand“ in Straßburg


(nmz) -
Ein junger, psychisch labiler Mönch kann die Schönheit eines goldenen Buddha-Tempels nicht ertragen. Der überirdische Glanz wirkt für ihn wie ein hämischer Kommentar zu den Trümmern seines Lebens – gegenüber seinen eigenen Verletzungen, die er aufgrund seiner Behinderung immer wieder erfahren hat, aber auch gegenüber den Problemen in der japanischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Deshalb zündet er im Jahr 1950 den Kinkakuij-Tempel in Kyoto an. Der japanische Schriftsteller Yukio Mishima hat für seinen Roman „Kinkakuji“ (1956) die wahre Geschichte poetisch verarbeitet; der Komponist Toshiro Mayuzumi nahm sie zur Vorlage seiner Oper „Der Tempelbrand“, die 1976 an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt wurde.
23.03.2018 - Von Georg Rudiger

Nun hat die Straßburger Opéra national du Rhin das Werk wieder ausgegraben und mit poetischen Bildern und suggestiven Klängen auf die Bühne gebracht. Die französische Erstaufführung fand im Rahmen des spartenübergreifenden, fünfwöchigen Festivals „Arsmondo“ (noch bis 15. April) statt, mit dem die neue Intendantin Eva Kleinitz bereits in ihrer ersten Saison künstlerische Begegnungen schaffen möchte zwischen Europa und dem Rest der Welt (jedes Jahr mit einem anderen Länderschwerpunkt). Aber auch innerhalb der Stadt hat die rührige Theatermacherin verschiedene Institutionen wie die Universität, die Nationalbibliothek, das Schauspielhaus (TNS) oder das Programmkino Odyssée miteinander vernetzt, um die Kultur Japans in Konzerten, Ausstellungen, Diskussionen und einer Filmreihe zu beleuchten und ihre Wechselwirkung mit der Europas zu untersuchen.

Die beiden Welten vermischen sich auch in der Musik von Toshiro Mayuzumi. Das Philharmonische Orchester Straßburg findet von Beginn unter der Leitung von Paul Daniel zu einer suggestiven Musiksprache, die Streichertremoli mit rituellen Rhythmen und einer ausgreifenden Melodik verbindet. Spezielle Instrumente wie Gongs, Röhrenglocken oder die japanische Shakuhachi-Flöte schaffen Atmosphäre. Eine besondere Bedeutung verleiht der Komponist dem Chor (Leitung: Sandrine Abello), der schon in der ersten Szene in dem geschlossenen Tempelraum steht und den Protagonisten mit den deklamatorisch gestoßenen Zeilen vorstellt: „In die Zeit geboren, ein kleiner Mensch, die eine Hand verkrüppelt.“ Der so beschriebene Mizoguchi, dem Simon Bailey mit seinem sonoren, konturierten Bariton und der hervorragenden Textverständlichkeit Klarheit verleiht, fasst sogleich den Entschluss: „Der Kinkakuji muss brennen!“ Die Oper wird in Rückblicken erzählt, wobei keine Chronologie die Handlung strukturiert. Es ist eine Reise ins Mizoguchis Kopf – zu seinen Ängsten und seine Wahnvorstellungen, aber auch zu seinen weniger dunklen Erinnerungen. Mit dem Tänzer Pavel Danko hat Regisseur Amon Miyamoto einen stummen Doppelgänger installiert, der es ermöglicht, dass Mizoguchi wie von außen sein Leben betrachtet. Die leere, dunkle Bühne, deren Boden gelegentlich spiegelt, wird mit von der Seite hereingefahrenen Wohnräumen belebt, die die Szenen des Lebens pantomimisch vor Augen führen, wenn sich die Mutter (Michaela Schneider) mit einem jungen Liebhaber trifft oder der unter einem Klumpfuß leidende Bekannte Kashigawi (mit hellem Tenor: Paul Kaufmann) ihm seine Geliebte überlässt. Die sensible Lichtregie (Felice Ross) und die spektakulären Videos von Bartek Macias helfen, die assoziative, mäandernde Geschichte in einprägsame Bilder zu setzen. Digitaler Schnee mischt sich mit echten Flocken. Die Kostüme von Kaspar Glarner sind ästhetisch und erinnern in den Kimonos an das traditionelle Japan.

In den langen, rezitativähnlichen Textpassagen kommt eine gewisse Langatmigkeit auf. Musikalisch tritt die Oper gelegentlich in ihren Ostinati und Liegetönen auf der Stelle. Jazzig wird’s, wenn ein GI mit Sonnenbrille die Szenerie betritt, aber auch die Schrecken der Vergangenheit nach dem Atombombenangriff der US-Amerikaner spiegeln sich in der Musik und den Videos. Dominic Große schenkt Mizoguchis Freund Tsurukawa Empathie. Yves Saelens ist ein besorgter Vater. Am Ende zündet Mizoguchi den Tempel wirklich an und erklimmt die schräge Bühnenwand mit vorsichtigen Schritten. Feuer als Katharsis? Befreiung oder Katastrophe? Das bleibt unbeantwortet.

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