Szenen einer Ehe mit Verdis „Un Ballo in Maschera“ in Oldenburg


(nmz) -
Oft haftet in Operninszenierungen die Verlegung in die heutige Zeit etwas angestrengt Gewaltsames an, auch wenn die Ergebnisse in der Regel auch viel Spannung haben. Nicht so beim Deutschlanddebüt der griechischen Regisseurin Rodula Gaitanou, die jetzt Giuseppe Verdis Schmerzensoper „Un ballo in Maschera“ in die Jetztzeit und darüber hinaus in das Milieu der Mafia versetzte.
09.12.2019 - Von Ute Schalz-Laurenze

Aus dem schwedischen König Gustav III, von dessen 1792 erfolgter Ermordung die Oper erzählt, wird mit Riccardo „der Boss“ einer mafiosen Struktur. Er ist eigentlich ein Wohltäter, schützt seine Leute und wird von ihnen geliebt. Aber eben nicht von allen. Und so schließt sich sein bester Freund und Berater Renato den Verschwörern an, nachdem er herausgefunden hat, dass seine Frau Amelia ein Verhältnis mit dem Boss hat. Diese „Szenen einer Ehe“ werden gradlinig und gut erzählt, es gelingt Gaitanou, tief und differenziert in die liebenden, wütenden, seelisch verletzten Personen hineinzuhorchen und sie mit großer, oft krimihafter Spannung agieren zu lassen.

Hatte Michael Talke vor gut einem Jahr in Bremen den Fokus auf die politische Verschwörerstory gelegt, spielt bei Gaitanou die Dreiecksgeschichte die Hauptrolle. Und das kann sie sich ohne jede Tendenz zur Sentimentalität gut leisten: Sie hat mit der kasachischen Sängerin Lada Kyssy, mit der ein neues Ensemblemitglied begrüßt wird, eine moderne und leidenschaftliche Amelia zur Verfügung, die so selbstbewusst auftritt, dass man ihr die Gewissenbisse und den ängstlichen Gang zur Wahrsagerin Ulrica nicht ganz abnimmt. Die große Eheauseinandersetzung spielt in der Bibliothek der Eheleute mit schönen Ledersesseln: Dazu passt es dann weniger, wenn in diesem aufgeklärten und intellektuellen Klima Renato in seinen eher komisch wirkenden Racheeifer verfällt: du musst sterben.

Musikalisch stand die Interpretation unter der Leitung von Hendrik Vestmann auf höchstem Niveau. Das Oldenburgische Staatsorchester wartete mit unerhörter dramatischer Wucht auf, erreichte einfach tolle bedrohliche Crescendi und kontrastierte mit zartesten Instrumentalfarben (Flöte, Klarinette). Auch gelang das ganz besondere dieser Partitur – der Wechsel zwischen Party- und Operettenstimmung und tragischen Klangfarben – überzeugend. Nachdem Lada Kyssys Stimme zu Anfang etwas grell und metallisch klang, fand sie im Lauf der Aufführung zu berückenden Klangfarben. Jason Kim als Riccardo war erkältet, was man nicht hörte, und den ergreifenden Schlussgesang des Sterbenden sang dann Remus Alăiăzaroe. Kihun Yoon als Renato brachte viel seiner Verzweiflung in seine Stimme ein, Martyna Cymerman war ein brillanter Oscar und Maiju Vaahtoluoto präsentierte sich als Ulrica als eine besondere Figur; eine Reinigungskraft, die über hellseherische Fähigkeiten verfügt. Gut ergänzende Akzente setzten Leonardo Lee als Sylvano und Illhoon Choung und Stephen Forster als die Verschwörer Tom und Samuel. Besonderes Lob dem Chor, der mit vielen einzelnen, auch komischen Charakteren auftrat. Besonders lang anhaltender Beifall.

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