Ein Tag der Extreme: zum Abschluss des Ultraschall-Festivals in Berlin


(nmz) -
Mit zwei sehr diversen Konzerten ist das Berliner Festival für Neue Musik „Ultraschall“ zu Ende gegangen. Am Nachmittag bestritt das berühmte Arditti Quartett kammermusikalische Werke aus den letzten Jahren, während das Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin sich am Abend auf eine Gegenüberstellung von Pionierswerken aus den 1960er Jahren und Kompositionen aus allerjüngster Zeit konzentrierte.
03.02.2011 - Von Barbara Eckle

Problematisch war in erster Linie die Wahl des Komponisten Bernhard Gander, der mit drei Werken das Programm des Nachmittagskonzert beherrschte. Obschon sein Schaffen im Programmheft hoffnungsvoll als unverkünstelt, schräg, fetzig mit einem Fokus auf haptische Klangqualitäten beschrieben war, so war bei aller Bemühung kaum eine der dort angepriesenen Eigenschaften in der Musik wiederzuentdecken. Selbst im Klavierstück “Peter Parker” (2004), konkret inspiriert von der Comic- und Filmfigur Spiderman, gelang es nicht, die angeblichen Bewegungssequenzen und Perspektivwechsel in der Musik zu erkennen, vermochte man sie allenfalls in den blinden Aktionismus, die springenden Tonklustern unter diffusen Anleihen an Jazz und Filmmusik und anderen Stilen hinienzuinterpretieren. Mit einem ähnlichen Problem sah man sich bei den anderen beiden Werken “schöne worte” (2007) und “kluh” (Verarbeitung des Comics “der unglaubliche Hulk”, 2007) konfrontiert. Im Klavierquartett “schöne worte” schien sich der Klavierpart (Klavier Hsin-Huei Huang) im Gestus erstaunlich wenig vom Klavierstück “Peter Parker” zu unterscheiden und die deklarierte Hommage an Rap war von blossem Ohr kaum auszumachen.

Nichts spricht gegen eine Hommage an die Trivialkultur, doch stellte sich hier die Frage, wie die Trivialkultur in dieser Musik repräsentiert ist, denn wollte man Trivialkultur durch einen vergleichsweise niedrigen Grad an intellektuellem Anspruch und einen hohen Unterhaltungsgrad definieren, so ist es überraschend, dass die Musik, die ausdrücklich dieser Kultur huldigen möchte, nebst geringem intellektuellen Anspruch einen ebenso niedrigen Unterhaltungswert aufwies. So zeigte sich die Musik in Struktur und Klang flach, linear, ohne Nuance, ohne Raffinesse und schliesslich ohne Aussage. Doch vielleicht war gerade dies die Absicht?

In starkem Kontrast dazu standen die Streichquartette der Komponisten Pattar, Manoury und Steen-Andersen, bei denen auch das konzentrierte, präzise Spiel des Arditti Quartetts klanglich aufblühte und die Musik mit echter Spannung erfüllt wurde. Eindrücklich die dialogische Kraft, die “Quatuor à cordes” (2004/5) von Frédéric Pattar an den Tag legte. Dass es nebst intrumentalem Dialog auch gleichsam ein Dialog mit der Vergangenheit ist, zeigte sich in der bedingungslosen Expressivität, die er mit modernen unkonventionellen Spieltechniken der Streichkörper hervorbringt. Die Instrumente behandlet er als ein einziges. So kommt die Melodie zu Ende des Stücks sowie die Verdunkelung des Klangs durch vereinheitlichendes Heruntersitmmen der Instrumente dieser Vorstellung entgegen. Eine komplexe Entwicklung liess sich in Philippe Manourys Streichquartett “Stringendo” (2010) verfolgen. Sein modus operandi, die Komposition minutiös durchzuplanen, um sich dann der Notwendigkeit des Augenblicks zu stellen, führt zu einer sich immer verdichtenden Struktur, die schließlich im Choral, einer Art Über-Ordnung, endet.

Mit einigem Humor ging Simon Steen-Andersen (der inoffizielle diesjährige “composer in festival”) bei seinem “Streichquartett” (1999) vor, in dem er physikalische Prozesse bei der Umwandlung energetischer Zustände thematisiert. So scheint der Komponist zuweilen selbst präsent zu sein wie ein Marionettist, der die Bewegungen und somit Energieaufwand und Richtung von aussen dirigiert. Diese scheinbare Unmittelbarkeit verleiht dem Stück Witz und Spannung.

Das Alte im Licht des Neuen sehen und das Neue im Licht des Alten war die Idee des Abschlusskonzerts am Abend mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Lucas Vis im großen Sendesaal des rbb. So brachte eine Gegenüberstellung unter diesem Gesichtspunkt wieder einmal zum Vorschein, wie stark sich die kompositorische Arbeit am Klang entwickelt und intensiviert hat im Vergleich zu rein konzeptuell revolutionären und politisch reflektiven Werken wie Matthijs Vermeulens “Symphonie Nr. 7” (1963-65), wo er ein freies Zeitmaß durch Aufheben von Haupt- und Nebenstimmen anstrebt. Die Tatsache, dass das DSO in dieser Klangwelt weitaus mehr zu Hause ist als in jener der neuen Werke auf dem Programm, vermochte diesen Kontrast in der Klangentwicklung umso stärker zu verdeutlichen. Dies kam auch der Interpretation von “Three Questions with two Answers” (1962/63) von Luigi Dallapiccola zugute. Obschon Vertreter der Zwölftonmusik, lässt der Komponist eine egalitäre Koexistenz von Empfindung und Konstrukt zu, also die strenge Regelung der Dodekaphonie und eine ausgeprägte, zeitweise sogar tonale Melodik.

Viel Arbeit am Klang geschah in Oscar Bianchis “Ajna Concerto” (2010), einem Werk, das sich auf eines der sechs Chakren bezieht und sich thematisch mit einem erweiterten Verständnis der Dinge befasst. Der Prozess, langsam zu einer einheitlichen Stimmung des Intruments Orcherster zu finden, spiegelte diese Relativierung der Perspektiven auf eine subtile und intime Weise.

Im Kontext des Programms mutete der Bezug des holländischen Komponisten Richard Rijnvos zur Stadt New York - im Vergleich zu heute einst Ursprungsort etlicher Neuaufbrüche - etwas naiv an und liess sein Werk “Union Square Dance” (2008) mit viel unterhaltsam Bernsteinschem Einfluss umso anachronistischer erscheinen. Viel mehr noch erstaunte es, dass der Komponist die Aufteilung in zwei identische Orchester kompositorisch kaum nutzte, sondern die beiden Teile vorwiegend im Einklang spielen liess.

Das meiste Aufhorchen an dem Abend verursachte wohl das Stück “Loses” (2006) der jungen polnischen Komponistin Joanna Wozny. Ihr Schaffensprinzip, von einem imaginierten Klang auszugehen und diesen quasi einer subtilen Evolution zu unterziehen, erwies sich in diesem Fall als eine wahre Gehörsprobe. Es ist eines dieser Stücke, das gleichzeitig verstört und fasziniert; verstört aufgrund des omnipräsenten klanglichen Grundausdrucks, der per se nicht schön, sondern mit abrupten Ansätzen und trockenen, aggressiven Crescendi gequält und in seiner Wirkung quälend ist. Ein Ansatz, der mehr durch seine Radikalität und Konsequenz in der Umsetzung besticht, als durch die Ästhetik und den Klang, obschon gerade dieser im Zentrum steht. Die prägende Wirkung dieses erschreckenden Klangentwurfs führt interessanterweise dazu, dass auch nach beträchtlicher Metamorphose des besagten Klangs zu Ende des Stücks sein Ursprung in der Erinnerung mitklingt. Ein Beispiel von Musik, die bewegt, ohne schön zu sein. Diese Aufhebung vermeintlicher Gegensätze in einem Werk, das ausdrücklich keine Synthesen anstrebt, sondern die Entwicklungsstränge in alle Richtungen lose auslaufen lässt, hat im wahrsten Wortsinn etwas Phänomenales.

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