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Tomasz Stanko. Foto: Hans Kumpf
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Tómasz Stańko: Eine Trompetenstimme, rau und herzlich, ist verstummt

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WARSCHAU. Oft bin ich mit dem Öffentlichen Nahverkehr in Warschau bei dem riesigen Gebäudekomplex des im südlichen Stadtteil Ursynow gelegenen Onkologie-Zentrums vorbeigekommen. Wenn jemand an den betreffenden Haltestellen aus dem Bus stieg, fragte ich mich: Ein Besucher für einen Todkranken? Ein angstvoller Patient vor der Untersuchung? [Erinnerungen an den polnischen Jazzmusiker von Hans Kumpf.]

Am Morgen vom 29. Juli 2018 verstarb dort Tómasz Stańko wenige Tage nach seinem 76. Geburtstag. Als der prominente Trompeter im Frühjahr einen Arzt konsultierte, dachte er selbst zunächst noch an eine Lungenentzündung. Die Diagnose fiel schlimmer aus.  Alsbald musste der weltweit gefeierte Künstler geplante Auftrittstermine absagen. Nun, nach der schnell verbreiteten Todesmeldung, bekundete auch der Präsident Andrzej Duda in einer Twitter-Nachricht sein herzliches Beileid und rühmte Stankos Verdienste um die polnische Kultur. Dieser werde in seinen Werken weiterleben.

Erstmals traf ich Tómasz Stańko im Mitte Oktober 1970 im Restaurant „Ochsen“ gleich neben Donaueschingens „Donauhalle“. Bei den dortigen Musiktagen für Zeitgenössische Tonkunst spielte er in Alexander von Schlippenbachs „Globe Unity Orchestra“. Der Trompeter aus dem Ostblock, damals 28 Jahre alt, hatte sich wie selbstverständlich in das aufmüpfige West-Ensemble integriert. Tomasz Stanko galt bis zu seinem Tode als führender polnischer Jazzmusiker, der auf seiner Trompete einen ganz individuellen Sound pflegt, den ich gerne als „rau und herzlich“ bezeichne.

In seinem Heimatland stieg Stańko sogar zu einer Hauptfigur der Boulevard-Presse auf (oder ab?). Da wurde getitelt: „Tomasz Stańko i Kasia Kowalska mają identyczne hobby – dywany!“ – der Jazzer sammelt also (wie die Schlagersängerin mit dem Allerweltsnamen) wertvolle Teppiche, mit denen er auch seine im Wohnzimmer positionierte Übekabine schalldämmend sowie orientalisch-heimelig ausstaffiert hat. Und er trat häufig bei Talk-Shows im Fernsehen auf – besonders nach dem Erscheinen seiner viel beachteten Autobiografie „Desperado“, in der er sein Drogen-Vorleben und diverse Frauen-Vorlieben nicht verheimlichte. Markant blieb seine Kollektion von aufgesetzten Krempenhüten, die seine – seit dem Twen-Zeitalter stetig wachsende – Glatze kaschieren sollten.

1991, also zwei Jahre nach dem gesellschaftspolitischen Wechsel an der Weichsel, befragte ich ihn beim Jazz-Baltica-Festival in Kiel nach der ökonomischen Situation in seinem Heimatland. Die allgemeine Lage schätzte er kritisch ein. Später ging es Stańko sehr viel besser, auch finanziell. „Anfang der 1990er Jahre begann für mich ein neuer Lebensabschnitt“, resümiert er und führt fort: „Der Umbruch war wirklich eine ernsthafte Angelegenheit. Da gab es auch keine Möglichkeit mehr, Westdevisen auf dem Schwarzmarkt umzutauschen. Polen als armes Land hatte nicht die Möglichkeit, Künstler wie mich groß zu subventionieren. Deshalb änderte ich meine Lebensweise – ich hörte auf mit den Drogen, ich stoppte das Trinken. Ich war am Entscheidungspunkt angelangt – entweder abzustürzen oder aufzusteigen. Da fing ich an, mein Leben genau zu kontrollieren, auch vom ökonomischen Aspekt meiner Kunst her.“

Tomasz Stańko war sich seines Marktwerts durchaus bewusst und betonte: „Die Musiker und die Fachleute wussten schon immer, dass meine Musik sehr originell ist, dass ich einen ganz individuellen Sound habe. In den letzten 15, 20 Jahren profitiere ich nun davon. Dank des Münchener Labels ECM war mir eine große internationale Karriere vergönnt.“

Der zum Teetrinker geläuterte Stańko liebte nach eigenem Bekunden das Leben eines Reisenden: „Am Ende meines Erdendaseins läuft alles fast perfekt“, sagte er neun Jahre vor seinem Tod, und fügte hinzu: „Ich lebe manchmal in New York, ich habe eine Wohnung in Warschau, ich besitze auch eine Unterkunft in der wunderschönen Stadt Krakau, in der ich aufgewachsen bin und studiert habe. Überall herrscht eine andere Atmosphäre, das gefällt mir.“

Trotz Jetlags und Thrombosegefahr – Tomasz Stańko düste gerne in der Weltgeschichte herum, sorgsam gemanagt von seiner patenten Tochter Anna. Besonders die amerikanische Ostküste hatte es ihm angetan: „Die besten Jazzclubs gibt es jetzt in New York, wirklich professionell geführte Einrichtungen. Die Leute hören nun genau zu beim Free Jazz. Es gibt jetzt viele Lokale mit freier Musik. Es bestehen viele Spielmöglichkeiten. Mit meiner amerikanischen Band konzertiere ich immer wieder in der „Merking Hall“, in der ansonsten meist klassische Musik geboten wird. Ich spiele zudem gerne im „Birdland“. Die haben eine gute Bühne, ein guter Club. Ich spielte da mal drei Tage mit jeweils zwei Shows hintereinander. Es war jeweils voll. Da kamen eine Menge Leute. Nun wartet der Clubmanager auf ein neues Angebot von mir, vermutlich komme ich mit meinem neuen Quintett“. Dies erklärte er mir 2009 in seinem Domizil nahe des polnischen Parlaments „Sejm“.

Dann legte Tomasz Stańko in seinen CD-Player eine Scheibe ein, die er kurz zuvor mit seinem „Nordic Quintet“ bei Avignon aufgenommen hat: Ruhige, meditative Musik mit viel Raum und Atem, überhaupt nichts Aufgeregtes. Die jungen Partner des Alt-Avantgardisten sind hierbei aus Finnland und Dänemark der Pianist Alexi Tuomarila, der Gitarrist Jakob Bro, der Bassist Anders Christensen sowie der Schlagzeuger Olavi Louhivuori, der auch mal zu Frédéric alias Fryderyk Chopin trommelt. Später legte sich Stanko noch ein „amerikanisches“ Quartett zu.

Beim nationalen Chopin-Hype mischte Tomasz Stańko, der von den Lesern der Zeitschrift „Jazz Forum“ mit schöner Regelmäßigkeit zum „Musiker des Jahres“ gewählt wurde, allerdings nicht so sehr mit. Der Trompeter erinnerte sich: „Meine jüngere Schwester spielte in unserer Krakauer Wohnung viel Klavier. Sie übte die ganze Zeit, und ich hörte die Klänge vom Nebenzimmer. Dieses Einüben von Chopin-Musik hat sich in meinem Gedächtnis verankert. Generell ist er unser großer Komponist. Als Künstler hatte ich eigentlich keinen Kontakt zu seiner Musik.“

2006 improvisierte Tomasz Stańko immerhin bei dem Festival „Chopin in Europa“ zusammen mit dem japanischen Pianisten Makoto Ozone im Sinne Fryderyks des Großen. Verjazzungsfähig waren für den Blechbläser nach eigenem Bekunden lediglich „einige Balladen und Nocturnes“. Immerhin: Zum 200. Geburtstag des polnischen Nationalhelden intonierte er bei einem Quartett-Konzert in der Warschauer Kulturlokalität „Palladium“ am 4. August 2010 noch etliche Préludes.

Mit dem renommierten Komponisten Krzysztof Penderecki kooperierte der Jazzer nur ein einziges Mal, als er bei der Uraufführung von dessen „Actions“ 1971 in Donaueschingen beteiligt war. Die Ende 1965 aufgenommene LP „Astigmatic“ mit Roman Polanskis legendärem Filmmusikkomponisten Krzysztof Komeda („eine sehr berühmte und schöne Platte, sie bedeutete den Beginn meiner Karriere“) gilt nach wie vor als der wichtigste polnische Jazz-Tonträger aller Zeiten. Der Clou dabei: Für die Studioproduktion wurde kurzfristig der deutsche Kontrabassist Günter Lenz hinzugezogen, der damals zusammen mit dem Posaunisten Albert Mangelsdorff in Warschau weilte. Und ein junger DDR-Deutscher lauschte der Session ganz aufmerksam – kein Geringerer als Pianist Joachim Kühn. Dem historischen Dokument kann man heutzutage sogar auf unterschiedlichen CD-Veröffentlichungen lauschen.

Tomasz Stańko betätigte sich bis zuletzt als Komponist für Filme, Fernsehen und für politische Anlässe. So schuf er 2004 die Musik anlässlich der feierlichen Einweihung des Museums über den Warschauer Aufstand von 1944. Auf „YouTube“-Sequenzen sieht man ihn da neben dem damaligen Bürgermeister Lech Kaczynski, dem späteren polnischen Staatspräsidenten. „Seine Tochter Marta war mein Fan“, freut sich Stańko, und dies habe sich auch auf den Vater übertragen, mutmaßt er. Auch bei der Einweihung des Jüdischen Museums gegenüber dem Ghetto-Denkmal, vor dem einst Willy Brandt seinen berühmten Kniefall machte, ließ Stańko seine trauernden Trompetentöne hören. 

Tomasz Stanko gehörte zu den steten Stammgästen der – leider nicht mehr existierenden – Nürnberger Biennale „Jazz Ost West“, zumal er geraume Zeit in Würzburg wohnte. Als er Ende Juli 2009 in der Katharinenruine der Frankenmetropole brillierte, entwickelte der Künstler ein abwechslungsreiches Programm zwischen sanften Balladen und akzentuierten Up-Tempo-Nummern. Variabel und versiert setzte Tomasz Stanko seine drahtlos verstärkte Trompete ein: Angekratzt und luftig, cool und rockig, growlend und schreiend mit „sheets of sounds“, jubilierend und sanftmütig.

Eben: Eine polnische Trompeten-Stimme mit ganz eigenem Charakter, die über ein halbes Jahrhundert global zunehmend aufhorchen ließ und ihresgleichen suchte. Sie ist nun verstummt.

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