Tschechische Erstaufführung einer russischen Oper nach einem amerikanischen Roman: Rodion Schtschedrins „Lolita“ in Prag


(nmz) -
Vladimis Nabokovs „Lolita gilt als Kult-Roman, wurde mehrfach verfilmt und hat es auch auf die Opernbühne geschafft, wird dort aber viel zu selten gezeigt. Zur tschechischen Erstaufführung der „Lolita“ von Rodion Schtschedrin von Michael Ernst.
05.10.2019 - Von Michael Ernst

Das Klischee von der russischen Oper: Schwermutsvoll düster klingt sie, beängstigend bassig, von absteigenden Akkorden und melodisch-melancholischem Tiefgang ist sie geprägt. Der 1932 geborene Komponist Rodion Schtschedrin widmete sich Anfang der 1990er Jahre einmal mehr der Weltliteratur – nachdem er bereits Nikolai Gogols Roman „Tote Seelen“ als Oper, Lew Tolstois „Anna Karenina“ und Anton Tschechows „Die Möwe“ zu Balletten umgesetzt hat – und adaptierte den Roman „Lolita“ von Vladimir Nabokov für das Musiktheater. Sogar das Libretto zu dieser zweiaktigen Oper verfasste er selbst.

Uraufgeführt wurde Schtschedrins „Lolita“1994 in Stockholm, dort gar in schwedischer Übersetzung. Das russische Original erklang nun endlich auch in Prag, wo die tschechische Erstaufführung dieser Oper im sogenannten Ständetheater herausgebracht worden ist. Die Übertitel in der Landes- sowie in englischer Sprache brauchte es gar nicht mal zwingend, denn der Roman gilt auch heute, mehr als 60 Jahre nach seinem skandalumwitterten Erscheinen, als Kult-Buch. Wer es einmal gelesen hat, wird die Story um den verführerischen Backfisch Lolita und den notgeilen Schriftsteller Humbert Humbert, der den Reizen des jungen Mädchens bis zur Selbstaufgabe verfallen ist, kaum wieder vergessen.

Und wer das Buch nicht gelesen hat, dürfte bei Schtschedrins Oper wohl umgehend in den Sog des Geschehens geraten. Das literarische Musiktheater führt in deutlich gerafften Stationen bestens nachvollziehbar durch Nabokovs Handlungsstränge.

Was da auf die Bühne gebracht wird, ist der längst ja auch sprichwörtlich gewordene Missbrauch eines minderjährigen Mädchens durch einen erwachsenen Mann, der seiner Gier nicht gewachsen zu sein scheint. Im Buch wie in der Oper hält er eine Art Verteidigungsrede vor Gericht und erzählt seine Ausdeutung der Geschichte, wonach ihn das schöne Kind so fasziniert hat, dass er mit Lolita nach dem Unfalltod ihrer Mutter (die er geheiratet hat, um stets in der Nähe des Mädchens zu sein!) quer durch die Vereinigten Staaten der puritanischen Prüderie reisen wird. Es geht von Motel zu Motel, wo dieses so ungleiche Paar fortwährend den Blicken der Öffentlichkeit ausgesetzt ist, bis sich das Mädchen endlich von dem Besessenen trennt. Was bis dahin allerdings tatsächlich zwischen den beiden geschehen ist, bleibt sowohl im Roman als auch auf der Bühne einigermaßen offen und den Gedanken des Publikums überlassen. Sowohl diese – schon von Nabokov gewollte – Ambivalenz als auch der vom Stiefvater auf Lolita ausgeübte Druck werden natürlich überaus deutlich. Auch in der kraftvollen Musik von Rodion Schtschedrin.

Ständetheater als Ort der Moderne

Die flutet unter dem ungemein intensiven Dirigat von Sergey Neller das bekanntlich durch die Uraufführungen von Mozarts „Don Giovanni“ und „La clemenza di Tito“ weltberühmt gewordene Ständetheater und macht dieses so traditionsreiche Haus mit seiner pittoresken Architektur wiederum zu einem Ort der Moderne.

Inszeniert wurde die tschechische Erstaufführung dieser ziemlich drastischen Oper von Regisseurin Sláva Daubnerová, die innere Vorgänge und szenische Entwicklungen gekonnt miteinander verbunden hat. Aus der spießig kleinbürgerlichen Wohnung von Lolita und ihrer Mutter – die Drehbühne lässt Einblicke in Bad und Wohnzimmer zu, auch auf den Rückzugsort Schreibtisch von Humbert Humbert – geht die Reise mittels Wohnmobil in die Weite der amerikanischen Midlands. Das geradezu öffentliche Verstecken dieses ungleichen Paares gipfelt in einem Mord.

Aufregendes, ergreifendes und mitunter auch mitreißendes Musiktheater also, das von Boris Kudlicka (Bühne) und Natalia Kitamikado (Kostüme) den 60er und 70er Jahren verhaftet blieb, was glaubhaft, jedoch nie gestrig gewirkt hat, sondern – Stichwort #MeToo – starke Bezüge auch zu Gegenwärtigem aufwies. Humbert Humbert schien gleichermaßen getrieben, wie er sich dennoch für Lolita verantwortlich und trotzdem von ihr verführt gefühlt zu haben schien. Nicht zuletzt erinnerte diese verklemmte Selbstgerechtigkeit an heutige Missbrauchsfälle der katholischen Kirche, wo die Täter ja immer noch gern voller Selbstmitleid Absolution für ihre „Seelennot“ einfordern, statt ein Mindestmaß an Verständnis für ihre gepeinigten Opfer aufzubringen.

Petr Sokolov hat Humberts Zerrissenheit höchst überzeugend gespielt und gesungen, er hat (vor Gericht und auf der Bühne) gar nicht erst versucht, den Publikumsliebling zu geben, weil er das von seiner Rolle her gar nicht sein konnte. Diese Rolle kam eher der Lolita zu, die den lasziv-verklemmten Spagat von Mädchen und Kindfrau spielerisch und gesanglich zu schaffen verstand – die russische Sängerin Pelageya Kurennaya hat das großartig mit zartem, trotzdem eindringlich starkem Gesang und betörendem Spiel gemeistert.

An Humberts Widersacher Clare Quilty war es, das Geschehen zu beobachten und partiell zu kommentieren. Diese zwiespältige Person wurde von Alexander Kravet so grandios wie schmierig umgesetzt. Sehr stimmungsvoll haben auch die Chöre gewirkt, neben Mitgliedern des Staatsopernchores insbesondere auch ein kurz Mädchenchor in kurzen Strümpfen und Röckchen, der mit „Mater-Dei“-Gesängen die sexistisch-religiöse Phalanx anspielungsreich im Cheerleader-Stil ausgelotet hat.

Nebst großem Publikumszuspruch zeigte sich auch der seit langem in München lebende Komponist Rodion Schtschedrin mit der Prager Umsetzung seiner Oper „Lolita“ am ersten Donnerstag im Oktober überaus zufrieden. Klischeedenken war bei dieser Umsetzung nicht angesagt, aller Schwermut zum Trotz.


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