U-Bahn-Anschluss am Wolfgangsee? – Benatzkys „Weißes Rössl“ in Dresden


(nmz) -
Die Staatsoperette Dresden transponiert Ralph Benatzkys Gassenhauer zur Großstadtrevue. Wer nur gut genug auf die Instinkte zielt, die er erlegen will, muss sie bedienen. Die Welt der Operette, mag sie noch so verlogen sein, hält sich absolut ehrlich an diese Devise. Ralph Benatzky und sein Singspiel „Im weißen Rössl“ hat dies ebenso gründlich befolgt wie zahllose Schöpfer von singenden, klingenden Traumwelten vor und auch nach ihm.
14.09.2021 - Von Michael Ernst

Just dieser Ausflug ins Salzkammergut war stets gut für Sentiment und Sehnsucht, für Fernweh ebenso wie für Volkstümelei, ein Stück für die Seele und ein Stückchen fürs Herz. Da nun die Zeiten, in denen man den Wolfgangsee mit dickem Kohl assoziiert, allmählich vorbei sind, verlangt vielleicht auch das „Rössl“ nach neuem Aufguss, fernab von sonntagsnachmittäglicher Rührseligkeit im Stil von Peter Alexander, Dirndlkleidern und Lederhosen. Dieses Herangehen hat sich bis in die Talsohle von Sachsen herumgesprochen, obzwar Dresden ansonsten doch so gern als Hort des Bewahrens gilt. Aber die dortige Staatsoperette griff für ihre erste aktuelle Saisonpremiere auf die 1994 uraufgeführte Fassung der Berliner „Bar jeder Vernunft“ zurück und animierte die passgenau für die Jetztzeit.

Denn jetzt reist man nicht durch die Welt, sondern bleibt in der Heimat. Jetzt reduziert man Orchester und begnügt sich mit Klein-, Kleinst- und sogar Sparbesetzung. Einen Chor braucht man jetzt gar nicht, ebenso wenig wie ein Ballett. Jetzt raucht man permanent auf der Bühne und nährt das Kleinbürgertum unterhaltsam. Ein Spiegel der Reiselust ins Gewohnte und des ewigen Liebesleids mit mehrfachem Happy End. Gewürzt mit juristischem Kleinkrieg, alkoholischen Exzessen und sexistischen Avancen.

Für Musikchef Johannes Pell ist „Im weißen Rössl“ die erste Neuproduktion seiner im Vorjahr begonnenen Amtszeit in Dresden. Ausgerechnet da muss er sich mit einem Orchester in Septett(!)-Formation begnügen. Doch das klingt unter Pells Leitung absolut schmissig und agiert passgenau zum Bühnengeschehen.

Natürlich muss Letzteres in einem Hotel „Weisses Rössl“ stattfinden, Frakturschrift in schwächelnden Leuchtbuchstaben. Um die Ecke ein U-Bahn-Zugang und großflächige Reisewerbung, um Träume eher zu wecken denn zu befrieden. Wer hier wohl freiwillig absteigt? Immerhin weist die Szene, wie in Eckkneipen üblich, eine weitere Bühne auf, in nationalen Rot-Weiß-Farben bezeichnet als „Österreich-O-Mat“. Dort sind dann tatsächlich Bilder von Wolfgangsee und Alpengipfeln zu sehen, die Auftrittsfläche für operettige Schmankerl und Mitklatsch-Momente, stimmungsvoll inszeniert von Toni Burghard Friedrich. Die klatschbunte Ausstattung arrangierten René Fußhöller und Antonia Kamp.

Die ganze Kuh ist himmelblau

„Rössl“-Kolorit war in der Werkgeschichte immer schon wichtig. Hier aber werden die Schmachtfetzen mit Wolkenbildern überhöht, wird „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“ gar in und über einer Wiener Stadtkulisse ausgeführt. Die eigentlich heutigen Figuren springen aus der Berliner Eckkneipe immer mal wieder in bizarre Kostüme und auf die „Österreich-O-Mat“-Bühne, wo nicht zuletzt der schon mächtig angegraute Piccolo den Kaiser gibt. Dass da nicht nur die ganze Welt, sondern selbst eine Werbekuh himmelblau gesehen respektive dargestellt wird, versteht sich beinahe von selbst.

Musikalisch ist diese Machart bestens gelungen. Johannes Pell dirigiert impulsiv und gestaltet so mitreißenden Drive. Die Solistinnen – allen voran Laila Salome Fischer als höchst selbstbewusste „Rössl“-Wirtin – und die Solisten – neben dem in sie verliebten Oberkellner Leopold, überzeugend verkörpert von Christian Grygas, ist hier vor allem der bestens berlinernde Berliner Markus Liske als griesgrämiger Urlaubsgast Wilhelm Giesecke zu nennen – geben all ihren sänger-darstellerischen Talenten freien Lauf. Da gehen Stimmgewalt und Bühnenpräsenz Hand in Hand.

Wenn das von der Mehrheit des Publikums heftig beklatschte Gesamtergebnis dennoch nicht ernsthaft behagt, liegt das gewiss weniger an der künstlerischen Umsetzung als am zugrundeliegenden Genre.

Denn: Wer nur gut genug auf die Instinkte zielt, die er bedienen will, wird sie erlegen. Oder ihnen erliegen.

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