Unheimelig: Wolfgang Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“ am Nationaltheater Mannheim


(nmz) -
Ein kahler Wald im Nebel. Dürre, dünne Stämme ragen in den Theaterhimmel. Kein heimeliger Ort, keine idyllische Natur, sondern abgestorbenes Leben. Die Tür knallt im dunklen Parkett und ein Mann mit Rucksack auf dem Rücken poltert durch die Reihen. Gehetzt, verstört, auf der Flucht. So beginnt im Nationaltheater Mannheim Wolfgang Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“.
13.12.2021 - Von Georg Rudiger

Das 11köpfige-Orchester mit einigen Bläsern, drei Celli, Schlagzeug und Cembalo sitzt unter den Bäumen. Von dort kommt auch die musikalische Unruhe mit den extremen dynamischen Schwellern, den schnellen Sechzehnteltriolen und den wuchtigen Schlägen der großen Trommel, die diese achtzigminütige, 1979 uraufgeführte Oper des Karlsruher Komponisten in 13 Bildern von Null auf Hundert starten lässt: gleich mitten hinein ins düstere Geschehen.

Der Sturm-und-Drang-Dichter und Goethefreund Jakob Michael Reinhold Lenz findet, von inneren Stimmen gepeinigt, für drei Wochen im Winter 1778 Unterschlupf beim Pfarrer Johann Friedrich Oberlin, dem berühmten Sozialreformer und Pädagogen, im Elsass. Georg Büchner hat die wahre Begebenheit in seiner posthum veröffentlichten Erzählung „Lenz“ packend geschildert und darin auch stellvertretend sein Kunstverständnis erklärt. „Ob schön, ob häßlich, der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht. Wir können nicht was besseres klecksen“, sagt Lenz im 6. Bild der Oper zu Kaufmann. „Der ganze Dünkel meines Standes verharrt in Arroganz.“ Wolfgang Rihm verdichtete den Stoff nach einem Libretto von Michael Fröhling zu einem Psychogramm und führt mit seiner expressionistischen, scharfkantigen, aber auch schöne, ganz lyrisch gehaltene Erinnerungen zulassenden Musik direkt in die zerrissene Seele dieses wahrheitssuchenden Dichters.

Der Abend beginnt in der Inszenierung von Calixto Bieito stark. Bühnenbildnerin Anna-Sofia Kirsch hat den toten Wald in einem sterilen, weißen Raum platziert. Lenz bleibt außen vor. Aus seinem Rucksack packt er Steine, die er mitgeschleppt hat, und legt sie, auf dem Boden liegend, auf seinen nackten Bauch, als wollte er im Wasser untergehen. Oberlin verhindert den ersten Selbstmordversuch und möchte ihn wieder zurück ins Leben führen. Joachim Goltz verkörpert Lenz von Beginn an als Getriebenen, die Panik steht ihm im Gesicht geschrieben. Goltz nutzt jede Möglichkeit, seine Partie so kantabel wie möglich zu gestalten. So werden gerade die Ruhepunkte wie im 7. Bild, als er sich nochmals an die geliebte Friederike (von Brion) erinnert und der klein besetzte, sauber intonierende Kinderchor des Nationaltheaters Mannheim mit tonalen Inseln Trost spendet, zu besonderen Momenten. Im Falsett wird sein beweglicher Bariton aber etwas zu dünn. Den fließenden Übergang zur Sprechstimme, bei dem sich Rihm von Alban Bergs „Wozzeck“ inspirieren ließ, beherrscht Goltz eindrücklich – und überzeugt vor allem auch Darsteller.

In Bieitos Sichtweise ist Oberlin seltsamerweise ein ziemlicher Schwachmat mit Holzfällerhemd und Lederweste (Kostüme: Paula Klein), der meist unbeteiligt herumsteht und auch mal minutenlang an einem Stück Holz schnitzt. Patrick Zielke singt ihn mit tiefem Bass und wenig Emotionen. Raphael Wittmer ist mit seinem hellen, klangschönen Tenor ein stimmlich sympathischer Dichterfreund, dessen Abgründe sich erst im Laufe des Abends zeigen. Josefin Feilers virtuoses Sopransolo erinnert Lenz an Friederikes Vitalität. Durch den Verzicht auf Violinen, Bratschen und Hörner fehlt dem Orchesterklang der Kitt. Rihms hochexpressive Oper setzt auf scharfe Kanten, klare Kontraste und bewusste Brüche, die in der Interpretation des Orchesters des Nationaltheaters unter der Leitung von Franck Ollu nicht immer die gebotene Plastizität und Präzision haben. Aber den großen Bogen kann das Orchester spannen und verliert sich nicht im Detail.

Wie immer zieht der katalanische Regisseur die Daumenschrauben an. Blut und Erde werden verschmiert, sich tot stellende Kinder von Kaufmann mit Klebeband an die weiße Wand fixiert. Eigentlich wird Jakob Lenz am Ende von Oberlin und Kaufmann eine Zwangsjacke angelegt. In Mannheim zieht sich Joachim Goltz selbst einen gelben Regenmantel über den nackten Oberkörper, nachdem er zuvor einige Baumstämme auf den Boden krachen ließ. Den Theaterraum verlässt dieser Lenz als freier Mensch durch die gleiche Seitentür, durch die er gekommen ist, während Kaufmann apathisch Zweige sammelt und Oberlin wimmernd am Boden kriecht. Verrückt sind die anderen. Und die Welt ist noch kaputter als zu Beginn.

 

 

Das könnte Sie auch interessieren: