Unterwegs im Neuland: Benjamin von Gutzeit, Bratscher im Turtle Island String Quartet, im Gespräch


(nmz) -
Der aus Bochum stammende Bratscher Benjamin von Gutzeit macht mit seinem Instrument Karriere in der Jazz-Szene der USA. Seit einem halben Jahr ist er Mitglied des Turtle Island Quartets. nmz Online spricht mit ihm über seine Wurzeln, seine Zukunft, über Streichinstrumente im Jazz und den Alltag in einem Streichquartett, das Jazzgeschichte geschrieben hat.
14.02.2013 - Von Theo Geißler

Seit Sommer 2012 sind Sie Mitglied im Turtle Island Quartett – einem Ensemble, das in den USA seit fast 30 Jahren erfolgreich unterwegs ist und auch in Europa einen Ruf als Jazzlegende und Vorbild vieler vergleichbarer Ensembles genießt. Wie ist es zu diesem Schritt gekommen?

Nachdem ich 2008 mein Bachelorstudium an der Jazzabteilung in Amsterdam absolviert und dort bereits mit vielen holländischen Jazzmusikern zusammengearbeitet habe, habe ich mich 2010 entschlossen, für zwei Jahre nach New York zu ziehen. Ich wollte von der einzigartigen Jazzszene New Yorks profitieren und gleichzeitig meinen Master an der Jazzabteilung der Manhattan School of Music machen.
Ein paar Monate vor Ende meines Studiums ereignete sich dann eine ziemlich witzige Geschichte: ich habe das Turtle Island Quartet bei einem promotional gig im New Yorker Apple Store getroffen. Am nächsten Tag hatte das Quartett ein Konzert beim Wall Street Journal wofür Mark Summer, der Cellist von Turtle Island, sich einen Verstärker von mir geliehen hat. Während des Sound Checks haben sie mich plötzlich gefragt ob ich nicht eine Nummer mit ihnen spielen will und ein paar Wochen später kam ein Anruf mit der Einladung nach Kalifornien zu kommen um ein ausgedehntes Probespiel zu absolvieren. Jeremy Kittel, der damalige Bratscher, wollte die Gruppe verlassen und sie waren sehr auf der Suche nach einem Bratscher, der improvisieren kann. Natürlich habe ich das Probespiel gemacht und es muss ihnen wohl gefallen haben, denn jetzt bin ich festes Mitglied des Quartetts.

In New York haben Sie ja auch mit Dave Liebman, einem der berühmtesten Saxophisten der Gegenwart, gespielt und aufgenommen…

Wenige Wochen nachdem ich in New York angekommen bin, hatte ich ein Email von Dave Liebman in meinem Posteingang. Er fragte mich ob ich ein Duo Projekt mit ihm aufführen wollte. Es ging um ein Stück von ihm: South Africa für Sopransaxophon und Viola, das er bereits Anfang der 90er Jahre geschrieben hatte und das nun im Ades Performance Space aufgeführt und aufgenommen werden sollte. Das Stück besteht zur einen Hälfte aus einem komponierten, zur anderen Hälfte aus einem improvisierten Teil. Die Aufnahme ist auch auf CD erschienen (Jazzheads: JH1190). Für mich war es natürlich fantastisch um mit einem meiner großen Heros, der sogar noch in der Band von Miles Davis gespielt hat, zusammenzuarbeiten.

Zurück zu Ihren Anfängen: Man kannte Sie in Deutschland als jungen Bratscher, der schon sehr früh auf sich aufmerksam machte, zweimal den Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ gewonnen hatte und als große Zukunftshoffnung in der Welt der Klassik galt. Wie kam es zur Weggabelung, die Sie zum Jazz geführt hat?

Auch wenn die Preisgewinne bei Jugend Musiziert ein großes Erfolgserlebnis waren, fühlte ich mich in der Welt von klassischer Musik und Wettbewerben damals nicht wirklich zu Hause. Als Jugendlicher hörte ich vor allem Rock und Funk (Jimi Hendrix, James Brown, Tower of Power, um nur einige zu nennen) und konnte mir eine Karriere als klassischer Bratscher nicht wirklich vorstellen. Dann habe ich die Bratsche für eine Zeit lang gar nicht mehr angefasst  – das war schon eine Art von Rebellion gegen einen mehr oder weniger vorgezeichneten Weg.
Mit 15 begann ich dann E-Bass zu spielen, später driftete mein Interesse zum Jazz, erst mit dem E-Bass, doch dann merkte ich bald, dass ich mich auf der Bratsche musikalisch viel besser ausdrücken kann. Die Idee, etwas vollkommen ungewöhnliches zu machen, nämlich Jazz auf der Bratsche zu spielen, reizte mich sehr und so habe ich dann in der Jazzabteilung von Linz vorgespielt um bei Jazzgeiger Andi Schreiber zu studieren.

Sie haben in Österreich (Linz), in den Niederlanden (Amsterdam) und in den USA (New York) studiert. Welche Rolle spielte der Jazz an den verschiedenen Hochschulen und wie ergeht es einem als Student in den verschiedenen Systemen?

In den meisten Musikhochschulen in Europa sind die Jazzabteilungen, sofern es sie überhaupt gibt, nur ein Anhängsel mit einem Bruchteil von Studenten im Vergleich zu den klassischen Bereichen. An der Manhattan School of Music, die ja eines der renommiertesten Departments für Jazz weltweit hat, fühlte es sich dagegen um Vieles gleichberechtigter an.
Der größte Unterschied für mich aber ist ein anderer. Für viele europäische Musiker ist der Term Jazz gleichbedeutend mit Freiheit, was sich auch in den Lehrplänen der Hochschulen wiederspiegelt. Die Lehrpläne und damit auch das Studium sind relativ entspannt und man hat normalerweise viel Zeit um eigene Projekte zu verfolgen. Den typischen Druck und Drill, über den so oft im Zusammenhang mit der klassischen Ausbildung berichtet wird, gibt es dort eigentlich nicht.
Ganz anders war es an der Manhattan School of Music. Wir wurden jeden Tag überladen mit Aufgaben, die wir zu erledigen hatten. Für praktisch jede Ensemblestunde musste eine neue Komposition angefertigt werden,  Woche für  Woche musste ein neuer Jazzstandard auswendig beherrscht werden und wir hatten unglaublich viel Musik zu transkribieren und zu analysieren. Neben dem Üben, das für Jazzmusiker nicht weniger obligatorisch ist als für andere, bleibt somit kaum noch Zeit für eigene Projekte. Andererseits habe ich durch diese Art der Ausbildung in zwei Jahren wahrscheinlich mehr gelernt als je zuvor in meinem Leben.
Ein anderer gewichtiger Unterschied zwischen einem Studium in Europa und in den USA ist natürlich der finanzielle Aspekt. Während ein Studienjahr an einer europäischen Hochschule entweder kostenlos ist oder bis maximal 2000 Euro kostet, verlangt die Manhattan School of Music mehr als 30.000 USD Studiengebühren pro Jahr. Ich hatte das Glück dass meine gesamten Studienkosten durch Stipendien europäischer Sponsoren gedeckt waren, aber viele Amerikaner müssen sich schwer verschulden um überhaupt studieren zu können. Viele Musiker dort  starten dann ihre Karriere mit mehr als 100.000 Dollar Schulden, was eine gewaltige Hypothek und eigentlich ein kompletter Wahnsinn ist.

„Jazz-Bratscher“ – das ist fraglos eine ganz besondere Rarität; vermutlich gibt es auf der Welt nur ein paar Musiker, die sich so bezeichnen würden. Konnten Sie an den Hochschulen überhaupt Lehrer finden, die dieses Fach unterrichten?

An der Bruckneruni in Linz habe ich bei einem fantastischen Lehrer studiert: dem Jazzgeiger Andi Schreiber aus Wien. Er konnte mir als Streicher natürlich auch viele handwerkliche Dinge zeigen. Danach waren meine Hauptfachlehrer eigentlich immer Musiker, die ganz andere Instrumente spielten – z.B. der holländische Saxophonist Ferdinand Povel, der Gitarrist Jesse van Ruller und in New York der Pianist Phil Markowitz.
Für mich war es eine ganz gezielte Entscheidung, bei diesen Musikern zu studieren, weil ich wusste, dass ich bei der Entwicklung meiner improvisatorischen Fähigkeiten auf meinem Instrument sowieso komplettes Neuland betreten musste. Instrumente wie Saxophon, Gitarre und Klavier haben im Jazz eine ganz andere Tradition als die Geige und erst recht als die Bratsche, die eigentlich gar keine Tradition hat. Auf diesen Traditionsinstrumenten des Jazz gibt es eine viel weiter entwickelte Improvisationskultur und  genau davon wollte ich profitieren. Natürlich kam mir meine solide klassische Ausbildung dann doch noch zugute – sonst wäre es mit dem Unterricht bei „artfremden“ Professoren wohl schwierig geworden. Grundsätzlich kann ich es aber jedem Musiker (auch den klassischen) nur empfehlen, auch einmal Unterricht bei Lehrern zu nehmen, die ein anderes als das eigene Instrument spielen. Man bekommt dadurch eine andere Sicht auf die Dinge und der Unterricht dreht sich weniger um technische und motorische Details als um die Musik selber.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zur Klassik dann später entwickelt?

Seit ich 20 bin, habe ich mich im Prinzip vollkommen auf Jazz konzentriert. In fast allen Bands in denen ich gespielt habe, gab es Schlagzeug und Bass und ich habe mehr die typische Funktion eines Saxophonisten eingenommen als die eines Bratschers. Insofern war es für mich eigentlich eine überraschende Wendung, jetzt wieder mit einem Streichquartett zu spielen. Und ich war mehr als verblüfft, als „die Turtles“ am Ende unseres dreitägigen trials und der gemeinsamen Arbeit am Repertoire des Quartetts plötzlich Mozart mit mir spielen wollten. Aber es ist schon logisch, denn obwohl das Turtle Island Quartet natürlich aus vier Vollblutjazzmusikern besteht, sind wir letztendlich ein Streichquartett, was neben unseren Jazzfertigkeiten auch feinfühliges kammermusikalisches Zusammenspiel erfordert. Zum Glück habe ich als Kind mit meinen Geschwistern unheimlich viel Kammermusik gespielt, weswegen mir dieser Aspekt der Musik sehr vertraut war.

David Balakrishnan und der Cellist Mark Summer haben das Quartett 1985 mit begründet; Mateusz Smoczynski und Sie, als Geiger und Bratscher jüngst dazugekommen, sehen zwar genauso alt aus, könnten aber die Söhne ihrer Kollegen sein. Wie funktioniert das Zusammenleben zweier Generationen unter einem Quartett-Dach?

Es gibt natürlich öfter Situationen in denen Mateusz und ich nach einem Konzert noch zusammen in eine Kneipe gehen, während David und Mark gleich ins Hotel aufbrechen um sich zu entspannen oder mit ihren Familien in San Francisco zu telefonieren. Die beiden haben natürlich eine unglaubliche Erfahrung, nachdem sie mit dem Quartett ja schon seit fast 30 Jahren um die Welt touren und wissen, dass man eine Menge Disziplin braucht, um das unbeschadet zu überstehen. Wenn wir proben oder auf der Bühne sitzen spielt der Altersunterschied eigentlich keine Rolle – wir nähern uns an!

Bei einigen Konzerten des Ensembles waren in letzter Zeit auch Arrangements von Ihnen zu hören. Komponieren und Arrangieren – weitere Leidenschaften neben dem Spielen?

Wie für die meisten Jazzmusiker ist Komponieren/Arrangieren für mich wesentlicher Bestandteil des Musikmachens. Vor allem bei einem Ensemble wie dem Turtle Island Quartet spielt das Komponieren eine wichtige Rolle. Denn im Gegensatz zu einem traditionellen Jazzensemble (Solist, Klavier/Gitarre, Schlagzeug und Bass) spielen wir ja vier Instrumente, die sich in ihrer Charakteristik sehr ähnlich sind. Das heißt, dass die Rollen welche die Instrumente spielen, bei uns nicht so klar voneinander abgegrenzt sind wie bei einer typischen Jazz-Combo. Auch wenn wir einen Jazzstandard, der ja lediglich aus einer Melodie und einer Akkordfolge besteht, nehmen und eine komplett improvisierte Version aufführen können, räumen wir in unserer Konzertpraxis der Komposition einen großen Stellenwert ein. Denn indem wir jedem Stück einen eigenen kompositorischen  Rahmen geben innerhalb dessen dann improvisiert wird, vermeiden wir, dass sich die Stücke eines Konzertabends einander zu sehr ähneln.
Im Gegensatz zu einem klassischen Streichquartett sind wir jedoch unsere eigenen Komponisten. So gehört es zur Grundvoraussetzung für ein Turtle Island Mitglied neben der Fähigkeit zur Jazzimprovisation auch in Komposition und Arrangieren bewandert zu sein.

Man hat oft den Eindruck, dass klassische Musiker durch ihr jahrzehntelanges Studium eine Art „Déformation professionelle“ erfahren und sich außerordentlich schwer tun, zu improvisieren. Wie ist es Ihnen beim „Schritt über den Jordan“ ergangen?

Die Fähigkeit zur Improvisation, die ja noch im Barock zum Standardrepertoire eines Musikers gehörte, ist in der klassischen Musik leider verloren gegangen. Dass großartige klassische Musiker wie Yehudi Menuhin oder Friedrich Gulda Jazz CDs aufgenommen haben ist zwar sehr charmant, aber aus der Sicht eines Jazzmusikers eher der Rubrik „gut gemeint“ zuzuordnen, denn sowohl die rhythmische Phrasierung als auch das Klangideal des Jazz sind einfach völlig verschieden von dem der klassischen Musik. Genauso wie man zehntausende von Stunden braucht um das Klangideal eines klassischen Konzertgeigers zu erreichen, braucht man eine halbe Ewigkeit, um das rhythmische „Feel“  und den „Sound“ eines großartigen Jazzmusikers zu erreichen. Genauso wichtig wie das üben und jammen, also mit anderen Leuten zu spielen, ist es eine Klangvorstellung für sein Instrument zu entwickeln. Und diese entwickelt sich auch nur indem man diese Musik (Jazz) tausende von Stunden hört, das geht nicht von heute auf morgen.
Ich selber habe schon von Kindesbeinen an sehr viel amerikanische Musik gehört, erst Popmusik, dann Rock, Funk und schließlich Jazz. Ich glaube dass den meisten klassischen Geigern die sich am Jazz versuchen genau diese Klangvorstellung für Jazz fehlt. Außerdem haben sie viele Bewegungsmuster, die das Ziel haben einen strahlenden klassischen Klang, welcher dem Gesang einer klassischen Sopranistin nicht unähnlich ist, aus einer Geige zu bekommen, durch zehntausende von Stunden einkonditioniert. Dann wird es sehr schwierig diese Bewegungsmusterwieder  zu „verlernen“ um das Instrument so zu spielen, dass es nach Jazz klingt. Meistens sind es natürlich die äußeren Umstände die darüber entscheiden ob ein Musiker früh genug mit Jazz oder anderer „nicht-klassischer“ Musik in Kontakt kommt, aber die Liebe zur Musik sowie entsprechendes Durchhaltevermögen sind auch sehr wichtig.

Als Mitglied im Turtle Island Quartet sind viele Monate im Jahr auf Tour und das Quartett, das ja schon zwei Grammys gewonnen hat, wird auch in der neuen Besetzung wieder CDs produzieren. Bleibt da noch Zeit für eigene Projekte? Was wird man demnächst von Ihnen hören?

In New York habe ich eine eigene CD aufgenommen, mit drei fantastischen New Yorker Musikern. Angelo Di Loreto spielt Klavier, Sam Annings Bass und Jason Burger Schlagzeug. Die CD besteht zur Hälfte aus Eigenkompositionen zur anderen Hälfte aus originellen Arrangements von Standards. Im Moment bin ich damit beschäftigt diese CD zu mixen und zu mastern und kann sie dann hoffentlich bald auf einem guten Label veröffentlichen. Ich denke dass viel von der Inspiration, die ich in zwei Jahren Aufenthalt in New York abbekommen habe, in die CD eingeflossen ist. Dann hoffe ich natürlich, dass ich neben den Konzerten mit dem Turtle Island Quartet auch mit meiner eigenen Band häufig in Europa spielen kann.

 

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