Ver-wunder-liche Porträts: Die Bayerische Staatsoper zeigt im Nationaltheater 21 neue Künstlerporträts


(nmz) -
Verwunderliche Dinge gibt es in unserer Tagen viele: Jubiläen werden in allen Medien grundsätzlich vorweg gefeiert; Medien-Geschwurbel befördert Einzelne zum Star und sofort anschließend zum „Super-Star“; die Oberfläche dieser Hype-Figuren wird allenthalben als Werbefläche genutzt – und dann veröffentlichen sie auch mit höchstens 40 Jahren ihre erste Biographie undundund …
19.10.2013 - Von Wolf-Dieter Peter

„Modernisierung“ und „Verjüngung“ sind zwei Schlagworte, die in der Intendanz Bachler gerne angeführt werden. Daraus folgte die Idee zu 21 neuen Porträts von 21 Gesangskünstlern, um die in Öl fixierte Porträtgalerie von Intendanten, Dirigenten, Regisseure und Sänger, vereinzelt auch Hofschauspielern historischer Zeiten zu aktualisieren. Das Ergebnis ist ein Gemisch: verwunderlich, befremdlich und teils auch eitel misslungen.

Offen bleibt in den Wandelgängen die grundsätzliche Frage, warum internationale Gesangsstars schon in der Mitte ihrer Karriere mit einem Porträt geehrt werden müssen: nur weil sie auch in München auftreten? Das betrifft die Damen Damrau und Harteros, die Herren Gerhaher, Kaufmann, Koch, Seiffert und Vogt. Sind die Künstler der Münchner Oper ganz speziell verbunden, werden diese Karrieren mit einer künstlerischen Gloriole enden und sind sie nicht erst dann zu ehren? Liegt René Kollos Schwerpunkt nicht eher in Berlin? Edita Gruberova, Waltraud Meier und Wolfgang Brendel stehen wenigstens in der Endphase ihrer Sängerleben. Auf die künstlerisch noch vielfältig tätigen Damen Fassbaender und Varady trifft zumindest die enge Bindung an die Staatsoper zu, ebenso auf die verstorbenen Lucia Popp, Margret Price, Astrid Varnay, Fischer-Dieskau, Kurt Moll, Hermann Prey und Fritz Wunderlich.

Mit ihm setzt aber auch die Befremdung ein: da existiert ein treffendes Rollen-Porträt; nun wurde ein Gaudi-Foto des lebenslustigen Pfälzers in Hosenträgern und Ripp-Unterhemd, wie er sich selbst im Spiegel fotografierte, zur Vorlage genommen, um ihn in schmutzigem Braun-Öl zu zeigen – das ist nicht der Künstler von Lenskis unerreicht weltverlorenem „Wohin, wohin…“ oder des ekstatisch-abgründigem Mahlerschen „Trinklieds vom Jammer der Erde“. Hildegard Behrens im völlig unangemessenen Verkehrszeichen-Format, Edita Gruberova hinter farbigen „Koloratur-Perlen“, Julia Varady und Peter Seiffert sind nicht, Brigitte Fassbaender schwer zu erkennen – was im derzeitigen maßstabslosen „Bilder-Zirkus“ wohl ein „treffendes“ Kriterium ist. Die Vielfalt von fünf divergierenden Bildern mag der Spannweite Dietrich Fischer-Dieskaus noch gerecht werden, die banale Übermalung von zwei Varnay-Fotos ist dagegen eine bodenlose Enttäuschung.

Über die „Aura“ von Kurt Moll in Jänis Avotins’ Bild kann man diskutieren, bezüglich der Szenerie um Diana Damrau nur den Kopf schütteln. Christoph Brech achtminütige Video-Installation von Wolfgang Koch in verschiedenen Rollen bei gleichbleibendem Blick auf den Betrachter stellt einen gelungenen Versuch dar, künstlerische Wandlungsfähigkeit und Rollenporträts einzufangen und zu gestalten – nur ist Verdis Falstaff Kochs Zukunftswunsch… deshalb jetzt im Porträt?

So dominiert die künstlerische Enttäuschung, auch darüber wie die Werte „Verdienst“, „Wertschätzung“ und „Ehrung“ eingeebnet und banalisiert werden. Doch das Schönste an den neuen Bildern ist: sie können wie die alten auch wieder abgehängt werden.

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