Verdi in Wroclaw – ein Mega-Event, keine Neudeutung


(nmz) -
„Macbeth“ ist Historie ist Shakespeare ist Verdi ist – als „Makbet“ – ein Megaopernevent. Am Wochenende war Premiere im polnischen Wroclaw. Die dortige Oper, eigentlich im klassizistischen Gebäude von Carl Ferdinand Langhans zu Hause, produziert solche herausragenden Superproduktionen seit einigen Jahren in der Jahrhunderthalle der niederschlesischen Hauptstadt.
16.06.2014 - Von Michael Ernst

Gut vierhundert Jahre ist es her, dass William Shakespeares Drama „Macbeth“ im Londoner Globe Theatre uraufgeführt worden sein soll. Rund zwei Jahrhunderte später wurden die Truppen von Napoleon I. in der sogenannten Völkerschlacht bei Leipzig vernichtend geschlagen. Dort ist im Angedenken daran 1913 das ebenso imposante wie architektonisch gruselige Völkerschlachtdenkmal errichtet worden. Gut dreihundert Kilometer entfernt wurde zur selben Zeit im damaligen Breslau die sogenannte Jahrhunderthalle gebaut, eine Konstruktion aus Stahlbeton, deren Kuppel mit einer Spannweite von 65 Metern zeitweise die größte der Welt gewesen ist. Von 32 gleichlangen Gewölberippen gehalten, überbot sie das römische Pantheon, in dieser Disziplin immerhin mehr als eineinhalb Jahrtausende Rekordhalter der Baukunst, um fast das doppelte Maß.

Just in diesem Bau wurde nun Giuseppe Verdis „Macbeth“ als diesjährige „Megaopernproduktion“ der Oper Wroclaw aufgeführt. Diese Gigantomanien (im Original: „Megawidowisko Operowe“) haben Tradition in der Stadt, seit das Oder-Hochwasser von 1997 eine umfassende Renovierung des 1841 eröffneten Opernhauses von Carl Ferdinand Langhans erforderlich machten. Während dieser Bauphase musste der Spielbetrieb an Ausweichstätten erfolgen, für große Produktionen wie Wagners „Ring“, Mussorgskis „Boris Godunow“, Borodins „Fürst Igor“ sowie Verdis „Maskenball“ und Bizets „Perlenfischer“ fand er in der zwischenzeitlich als Halle des Volkes apostrofierten Jahrhunderthalle Unterschlupf.

Nun also ein weiterer Verdi, inszeniert vom Wahl-Wiener Bruno Berger-Gorski und – zumindest in der Premiere – mit reichlich italienischer Stimmkunst versehen. Mehrere Partien dieser nur sechsmal angesetzten Mega-Produktion sind doppelt, manche dreifach und der Titelheld gar vierfach besetzt. Da wird also kein Aufwand gescheut, um in jedweder Hinsicht wirklich „mega“ zu sein. Das Stadtbild ist mit „Makbet“ plakatiert, der Titularsponor (ein Energieunternehmen) und zahlreiche Partnerunternehmen haben wohl tat- und zahlungskräftig mitgeholfen. Als Gegenleistung gibt es deren Werbeauftritte nicht nur im Programmheft, sondern bis Vorstellungsbeginn und selbst in der Pause unübersehbar auf gewaltigen Bildschirmen in der noch immer grandiosen Kuppel.

Wroclaw ist eine Stadt im Wandel und orientiert sich unverkennbar gen Westen. Bis 2016 werden noch zahlreiche Baustellen zu beackern sein, dann ist die niederschlesische Metropole und mit ihren gut 630.000 Einwohnern viertgrößte Stadt Polens europäische Kulturhauptstadt (neben dem spanischen San Sebastian).

Trotz zweier Pferde: Viel Laufen ist angesagt

Da kein Opernhaus der Welt solch gigantische Ausmaße bietet, kann die Ausstattung protzen und das Bühnenbild eine Szenerie mit überdimensionalen Details schaffen. Weil aber die Jahrhunderthalle kein Theaterbau mit der entsprechenden Technik ist, muss von Anfang bis Ende der Wald von Birnam die Szene beherrschen, turmartig stehen drei riesige Hexen darin, die bei Bedarf auch bedrohlich agieren und – da sie selbst zum Schlussapplaus die krakengroßen Hände spreizen – wohl auch belustigen. Die Auftritte sind ob der Dimensionen geradezu sportlich, hier hat jeder Darsteller Distanzen zurückzulegen, die ihn zur Olympiade befähigen mögen. Zwar werden, weil es zur königlichen Historie gut passt, zwei bildschöne Pferde auf die ersten Bühnenmeter geführt, doch so richtig zum Einsatz kommen sie ebensowenig wie der edle Hund von Lady Macbeth, der auch nur ein Accessoire ihrer Abgehobenheit bleiben darf. Für Solisten, Chor, Statisten und Ballett ist also viel Laufen angesagt. Szenisch bedeutsame Momente bekommen jedoch eine Bühne ins Bild gestellt, darauf gibt es dann Kammerspiel, und der Rest des riesigen Raumes bleibt nur noch Staffage. Als würde man der Gigantomanie nicht recht trauen, werden Ausschnitte aus dieser von fern wohl wirklich kaum en detail wahrnehmbaren Landschaft auf die beiden großen Bildschirme übertragen, die nicht zuletzt die polnischen Untertitel dieser im italienischen Original gesungenen Oper einblenden.

Gemeinsam mit seinen Ausstattern Pawel Dobrzycki (Bühne, Licht) und Malgorzata Sloniowska (Kostüme) hat der in einer deutsch-polnischen Familie aufgewachsene Regisseur Bruno Berger-Gorski ein fulminantes Groß-Theater geschaffen, das insgesamt zwar auf biedere Fantasy und schiere Bombastik setzt, hier und da aber auch Raum für feine Psychologie und kluge Interpretation bietet. Insbesondere der rapide moralische Verfallsprozess von Macbeth, aber auch die bis in den Wahnsinn getriebene Machtgier der Lady Macbeth sind überzeugend dargestellt. Aus den Unmengen an Lemuren, Gerippen und Totenschädeln, die allesamt für düsterste Stimmung sorgen, ragen die direkten Personenbezüge immer mal wieder heraus. Eingebettet scheint der verhexte Konflikt um Machtfolge, Vertrauensverlust und tödlichen Argwohn in ein archaisches Bürgerkriegs- und Flüchtlingsdrama, bei dem die Geschundenen verdammt sind, ihren Part widerspruchslos hinzunehmen. Das erinnert, ohne aufgesetzt zu wirken, an tatsächliche Dramen aus der heutigen Welt, in der bedrängte und entrechtete Menschenmassen zwar für Sonntagsreden taugen, von den angeblichen Machthabern aber würdeloser als Schlachtvieh behandelt werden. In so manchem maskierten Kämpfer der Oper meint man die hirn- und gefühllosen Muskelpakete von Sicherheitsfirmen, Freischärlern oder selbsternannten Revolutionsgarden zu erkennen. Dieser Realitätsbezug wirkte auf mich grausamer als der behauptete Kindermord von Birnam.

Gespielt wird „Macbeth“ hier mit Ballett (Choreografie Bozena Klimczak), was in den düsteren Zauber noch einmal eine spritzige Orgie aus überall tödlichem Lauern, Gefahren und Misstrauen aufschäumen lässt. Vor allem aber quillt Verdis unsterbliche Emotionalität aus dem Orchester der Oper Wroclaw, das Ewa Michnik, die Intendantin und musikalische Chefin des Hauses, geschickt auf die komplizierten Bedingungen der Halle eingestimmt hat. Ein Sound via Verstärker, gemixt mit per Mikroports abgenommenen Sängerstimmen, das mag – zumal im akustischen Ringen mit der laut dröhnenden Klimaanlage – gewöhnungsbedürftig sein. Hat man sich darauf eingelassen und den technischen Grundton halbwegs verdrängt, dann überwiegt da ein dramatisches Blühen aus sattem Streicherklang, gut gespitztem Holz und bestgeputztem Blech. Eine Herausforderung für sich dürfte schon sein, die Ensembles aufgrund der räumlichen Dimensionen zusammenzuhalten. Der erst vor kurzem mit dem Leipziger Richard-Wagner-Preis geehrten Künstler-Intendantin gelang auch das sehr überzeugend.

Vor allem aber ist die Premiere durch ihr starkes Solistenensemble und den von Anna Grabowska-Borys zu Höchstleistungen angetriebenen Chor gut angenommen worden. Mit Lucio Gallo stand ein so spielfreudiger wie stimmstarker Macbeth zur Verfügung, der sich in jeder Hinsicht zu entwickeln vermochte. Nach anfänglichen Intonationsschwierigkeiten in der Höhe wuchs der Bariton zu heldischer Strahlkraft und zeichnete nachvollziehbar das Bild eines fallenden Despoten. Ihm zur Seite Maria Pia Piscitelli als Lady Macbeth, die ihren Sopran schön gestaltete und auch bissig agieren konnte, ohne damit lediglich als durchtriebene Böse zu erscheinen; sie trug sogar zunehmend auch Opferzüge. Mit Makarij Pihura als Banquo stand ein Getreuer zu Dienste, unangreifbar sowohl spielerisch als auch sanglich – nur dem Komplott am Hofe widerstand der ukrainische Bass letztlich nicht. Ebenfalls glänzend Stefano La Colla als Macduff, ein Bilderbuchtenor mit Freude am Spiel wie an der eigenen Stimme. Der Italiener legte die Latte damit sehr hoch, ohne damit jedoch Lukasz Gaj als ebenfalls achtbaren Malcolm in den Schatten zu stellen.

Überhaupt war die künstlerische Qualität bei diesem Mega-Event ohne Fehl und Tadel. Nur eine veritable Neudeutung des Verdischen Meisterstücks darf man bei solch einem Sommerereignis gewiss nicht erwarten.

  • Termine: 15. 20., 21., 22.6.2014