Vom Dreißigjährigen zum Zweiten Weltkrieg – Urfassung von Hartmanns Oper „Des Simplicius Simplicissimus Jugend“ in der Staatsoper Berlin


(nmz) -
In den Fünfzigerjahren schuf der Münchner Komponist Karl Amadeus Hartmann eine erweiterte Opernfassung seiner „Bilder einer Entwicklung aus dem deutschen Schicksal“, die seit der Uraufführung, 1957 in Dortmund, zumeist gespielt wurde. Aus räumlichen und dramaturgischen Gründen entschloss sich die Staatsoper jedoch für die Urfassung der Oper „Des Simplicius Simplicissimus Jugend“ aus den Jahren 1934-36, die in der Werkstatt des Schillertheaters zu einem kompakten Opernerlebnis wurde.
28.09.2014 - Von Peter P. Pachl

Als zweite musikdramatische Arbeit Hartmanns nach dem unvollendeten „Wachsfigurenkabinett“ entstand auf Anregung des Dirigenten Hermann Scherchen die Szenenfolge nach H. J. Chr. Grimmelshausens Roman.

Was der Komponist in seiner inneren Emigration für die Schublade entstehen ließ, hatte in der „Verheerung und Verwilderung einer Epoche“ einen überaus deutlichen Bezug zur Gegenwart der Komposition. Diesen betonte die Regisseurin Friederike Heller, die sich als Raumlösung von Ausstatterin Sabine Kohlstedt eine Bibliothek schaffen ließ, mit veritablen Büchern und einer Regal-Drehtür als Eingang, mit Zuflucht für Simplicius im Hochstock und den durch die Bücherlücken greifenden Händen des Chores. Das Publikum nimmt auf Stühlen, rings um das Geschehen, mitten im Raum direkten Anteil an den dicht gefügten Aktionen. Am Ende des ersten Teils wird sogar die Bücherverbrennung, die neben dem Platz des originalen Standorts der Berliner Staatsoper stattfand, nachgestellt – aber bevor die Flammen die Bücher ergreifen verlöschen im Black-Out auch die Fackeln. Und Simplicius, durch die Begegnung mit dem Einsiedel gegen Ende der Handlung vom Naivling zu einem Schauenden gereift, verkündet mit bekränztem Stahlhelm sein Weltbild auf jenem Schreibtisch des Komponisten stehend, aus dessen Innerem er anfangs verblüffend erschienen war.

Die Hosenrolle des Simplicius setzt die junge katalonische Sopranistin Anna Alàs i Jové mit zauberhaft unverbrauchter Jugendlichkeit um, obendrein sprachlich brillant, selbst in nur deklamierten Passagen. Der Schauspieler Thomas Schumacher gibt den Erzähler in der Maske des Komponisten und wartet im Schlussakt, bei der Orgie im Hause des Hanauer Gouverneurs, als transsexuelle Hure mit artistischen Einlagen auf. In gleich drei Rollen schlüpft der Bassist Jakob Ahles, rollendeckend verkörpern Jonathan Winell den Gouverneur und Bernhard Hansky den Landsknecht. Der junge isländische Tenor Magnús Hallur Jónsson kehrt als Einsiedel und zugleich unerkannter leiblicher Vater des Simplicius den Außenseiter heraus und lässt dabei einen Hauch von Siegmund ahnen. Stimmig brandet die Frische des 14-köpfigen Chores als Soldaten und aufständische Bauern, denn es singt und agiert der von Frank Flade einstudierte Jugendchor der Staatsoper Unter den Linden.

Der junge Dirigent Adrian Heger macht mit den 16 solistischen Musikern der Staatskapelle Berlin Karl Amadeus Hartmanns vielgestaltige Partitur mit ihrem unüberhörbaren Vorbild Strawinsky und der ungewöhnlichen Amalgamierung von Bach-Chorälen und synagogaler Melismatik, orchestral Basics von Strauss, Mahler und Bruckner, zum Erlebnis.

Das Premierenpublikum goutierte den rundum gelungenen Spielzeitauftakt der Staatsoper im Schillertheater ohne Einschränkung.

  • Weitere Aufführungen: 28. September, 1., 2., 4., 9. und 11. Oktober 2014

 

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.