Von der Ausrollung eines fliegenden Teppichs in Berlin


(nmz) -
„Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin; wo die Verrückten sind, ja da muss’te hin“. Und so ist Berlin voll mit Menschen und Verrückten. In so einen Haufen von Neue-Musik-Verrückten hat die Berliner Gesellschaft für Neue Musik (BGNM) den Autoren des Buches „Die Leichtigkeitslüge“, Holger Noltze zum Gespräch geladen. Neue Musik gilt ja für gewöhnlich als schwer, ein leichtes Spiel also für Noltze?
18.02.2011 - Von Martin Hufner

Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Das Buch von Noltze hat ja enorm eingeschlagen in der Szene. Alle, die schon immer den leichten Weg als für sehr brüchig hielten, fühlen sich bestätigt, endlich sei das Buch geschrieben worden, das allen auf der Zunge lag – außer denen, die den leichten Weg gehen mochten, es sich dabei aber eigentlich nicht leicht machen, denn sie wollen ja etwas ändern, sie wollen, dass musikalischer Genuss und musikalische Arbeit alle erreiche. Das Mittel der Wahl ist der Abbau von Schwellen, die den Zugang zur herrlichen Musik erschweren. Pointiert könnte man auch sagen, dass dies zur Herstellung von Gräben geführt hat, in die diejenigen nun umso tiefer fallen.

Egal ob Education-Projekte oder die Verschleifung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zum Dudelfunk. Die Musik wird zum Vehikel, sei es ökonomischer Betriebsamkeit oder der Zwangsbeglückung. Im Gespräch wurde viel über den Niedergang der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gesprochen – und das Merkwürdige daran, aber eigentlich wenig Beachtete, dies geschah und geschieht sehenden Auges. Die, die sich dagegen wehren könnten, tun es leider nicht – sondern igeln sich am Ende des Kulturganges in selbstvergessenen Zimmern ein. Nach ihnen käme aber eine Generation von Allroundern, die alles gleich gut könne, aber an sich dem System sich unterordneten. Neue Festanstellungen seien selten, Redakteure mit Zeitverträgen stünden häufig auf der möglichen Abschussliste.

Gleichwohl war der Einwurf aus dem Publikum, der Niedergang des öffentlich-rechtlichen Rundfunks liege wohl auch daran, dass Musikwissenschaftler an die Stelle von Komponisten als Redakteure getreten seien, bleibt mehrfach hilflos und zeigt nur, dass man das Problem nicht begriffen hat – denn das spielt eine rein zufällige Rolle (mal stimmt es, mal stimmt es nicht). Wenn ich Noltze richtig verstanden habe, wiederholt sich mit solchen Einsichten keine Einsicht. Diese Form der Selbstevaluierung ist schließlich mit das Problem (eine Kritik, die sich an zahllose Konzerte unter musikvermittelndem Motto anschließen lässt, aber auch jede Musikszene für sich treffen kann). Die Fremdevaluation nach den Maßstäben von McKinsey und Co ist jedoch ihrerseits von Vorgaben längst abhängig, die man wohl nicht als „frei“ und „autonom“ bewerten kann – das Gegenteil ist vielmehr richtig.

So unklar ist, wie die Misere sich so umfassend ausbreiten konnte, so wenig scheint auch von Seiten eines engagierten Publikums etwas erreichbar. Der unterdes entstandene marktgängige Block ist hart wie nie zuvor. Und das alles geschieht im Zeichen einer vermeintlichen Publikumsannäherung. Aber auch der Hinweis, dass an die Stelle der Spezialisten nun Allrounder (Universalisten) getreten seien, bleibt vordergründig. Denn auch das ist keine Frage, die man zur einen oder anderen Seite als „richtigen“ Weg beantworten kann.

Offen blieb die – freilich auch nicht gestellte – Frage, wie man in den Prozess der so oder so um sich greifenden Änderungen eingreifen könne, dass er gestaltbar bleibt (oder wird), konnte nicht beantwortet werden. Doch Noltze, vor allem nach einer den Problemknoten entzerrenden Intervention des Philosophen Harry Lehmann, der insbesondere ein Legitimationsdilemma der noch institutionalisierten Hochkultur ausmachte, plädierte für die Freundschaft mit dem Begriff der Komplexität. Sowohl im Umgang mit dem gesellschaftlichen Problem wie im Umgang mit der Musik. Danach gibt es eben keinen Königsweg, aber auch eine Erstarrung in Resignation wie Solipsismus bringen nichts Produktives hervor. Sein Bild vom fliegenden Teppich, der Standort und Bewegung zugleich vereine, ist gut gewählt. Und sein Verweis darauf, dass man doch den Gegenstand der Beschäftigung, die Musik, ins Zentrum stellen solle, will gerne entwickelt werden.

Die BGNM mit ihren Gesprächsmoderatoren Ralf Hoyer und Arno Lücker hatten wieder einmal einen guten Riecher bewiesen, indem sie Noltze in die Galerie Mario Mazzoli  einluden. Noltze hatte ein leichtes Spiel, aber vielleicht – und da dreht sich der Hamster im Rad – auch das eine Leichtigkeitslüge, die selbst gemacht ist, jedoch nicht von Noltze zu vertreten ist.

Jour Fixe bei der BGNM. Foto: Hufner
Holger Noltze im Gespräch. Foto: Hufner

Selbstschutzlügen

Ein Plädieren für die Freundschaft mit dem Begriff der Komplexität klingt zwar gut, ist aber eine erneute Lüge, wenn nicht die allergrößte Lüge im Umgang mit der Musik.


Warum?

Warum bitte? Gibt es dafür einen Hinweis.


Es gibt nicht nur einen "Königsweg"

Wenn man, statt einen vielleicht doch gängigen “Königsweg” zu suchen, gleich von vorneherein einen solchen negiert, negiert man somit auch gleich grundlegende, musikpädagogische Ideale und die damit verbundenen Schulungsmöglichkeiten. Das klingt nach konzertierter Zwangsverordnung beliebig methodischer Inhalte unter dem Deckmantel der “Komplexität”.
Unter “Königsweg” verstehe ich zumindest nicht unbedingt Negatives. Das sich “Anfreunden mit dem Begriff der Komplexität” klingt in meinen Ohren nach “Anything goes”, also nach Beliebigkeit.


Wenn nicht alles geht (was

Wenn nicht alles geht (was sein mag), was geht denn dann nicht, auf keinen Fall und sowieso nicht?


Halbseidige

Halbseidige Instrumentalpädagogik, in ihrem Fach nicht ausreichend ausgebildete Instrumentalpädagogen an Hochschulen, Pädagogikprofessoren, die zu lange an ihrem Amt hängen und nicht dazulernen mehr können und wollen, kompetenzdefizitäre Musikpädagogikdozenten, Komplexitätslügen etc.


Da stimme ich teilweise zu.

Da stimme ich teilweise zu. Nur was hat das mit Komplexität oder Anything goes zu tun?


Na alles! Die Auswirkungen

Na alles! Die Auswirkungen sind in der Musikbranche längst bekannt.


Es gibt nicht nur einen "Königsweg" Teil 2

Tausenderlei Hinweise gibt es dafür. Komplexität steht doch gleichermaßen für die Vielfalt möglicher Wege und seien sie noch so kompliziert und irreführend, oder ?
Der angebleich nicht existierende “Königsweg”steht zumindest für mich für Einfachheit und Leichtigkeit der musikalischen Kunstausübung.


Was ist der Königsweg?

Dann probiere ich es mal anders herum. Was wäre denn der Königsweg?


Begriffsklärung

Ich auch: Was verstehen Sie denn unter Komplexität im Umgang mit Musik?
Es gibt viele Beispiele berühmter Musiker und Pädagogen, die den “Königsweg” entschieden beschritten. Die Masse streitet ihn ab und dogmatisiert ihn. Warum wohl?
Aus Unwissen und Unkenntnis, obwohl er allgemein bekannt sein könnte in unserer sogenannten “globalisierten Welt”.


Es gilt als unhöflich, eine

Es gilt als unhöflich, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten. Zumal weitere Hinweise darauf, was denn nun der “Königsweg” sein mag, fehlen - oder sind sie so bekannt, dass jeder sie kennte?

Helfen Sie mir doch einfach auf die Sprünge, statt mich im Nebel der Unwissenheit stehen zu lassen. (Wenn er so bekannt ist, dann bin ich einfach nur zu dumm.) Und dann lassen wir das hier besser, sehr geehrter Gast.)


die unerträgliche Leichtigkeit

Ich persönlich erkenne den Königsweg im Umgang mit Musik in der Vermittlung der natürlichen Grundlagen innerhalb der Instrumentaltechnik und -pädagogik.
Auch in der Wiederentdeckung der Einfachheit und Leichtigkeit innerhalb der Musikausbildung.
Vielleicht erträgt der Verfasser des Buches einfach nicht die Leichtigkeit des Seins, was meinen Sie?


“Natürliche

Natürliche Grundlagen?” - bitte um Nachhilfe. Die kenne ich nicht, ob sie der Verfasser kennt, weiß ich nicht.

Unabhängig davon geht es hier auch nicht um Art und Weise der Instrumentaltechnik und - pädagogik.

Wenn es einen Königsweg gibt, warum gibt es dann so viel Literatur zum Thema?


Weil Vieles dieser Literatur

Weil Vieles dieser Literatur nur um den heißen Brei herumzureden pflegt. Das nennt man Kompensation von nichtvorhandenem Grundlagenwissen.


Bitte, bitte, bitte. Lassen

Bitte, bitte, bitte. Lassen Sie und teilhaben an dem Grundlagenwissen. (Muss man Ihnen, lieber Gast, alles tröpfchenweise in Atomgröße aus der Nase ziehen?)


Wer ist uns? Aber bevor Sie

Wer ist uns? Aber bevor Sie beginnen unfreundlich zu werden hören wir lieber auf.
Außerdem bin ich kein Antwortenautomat.


Ein Antwortenautomat ohne

Ein Antwortenautomat ohne eine Antwort ist leider nicht einmal ein Antwortenautomat.


Scheinbar benötigten Sie

Scheinbar benötigten Sie allerdings solch einen. Viel Spaß in jedem Fall mit der “ Komplexität-Frage”!


Die natürlichen Grundlagen

Die natürlichen Grundlagen im Umgang mit Musik können im Kindergartenalter schon vermittelt werden, später sicher auch .


Dann werden Sie doch mal

Dann werden Sie doch mal etwas konkreter, wenn es so einfach. Worum geht es?


Leichtigkeitslüge

Konkret geht es mir um die Ausbildungssituation an Musikhochschulen im instrumentalpädagogischen/methodischen Fach.
Da sollten die Verfasser bestimmter Literatur besser hinschauen, bevor sie die “Leichtigkeit”im Umgang mit Musik als Lüge zu entlarven versuchen.


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