Hauptbild
 Das Rheingold auf dem Parkdeck der Deutsche Oper Berlin. Foto: Bernd Uhlig
Das Rheingold auf dem Parkdeck der Deutsche Oper Berlin. Foto: Bernd Uhlig
Hauptrubrik
Banner Full-Size

Wagner ohne Mundschutz – „Das Rheingold“ an der Deutschen Oper Berlin

Publikationsdatum
Body

Mit dem „Rheingold“ hätte dieser Tage der neue „Ring“-Zyklus der Deutschen Oper Berlin in der Inszenierung von Stefan Herheim eröffnet werden sollen, was durch den Shutdown der vergangenen Monate verhindert wurde. Mit nur zehn Tagen Vorlauf, wie Intendant Dietmar Schwarz betonte (zumal die Genehmigung dafür erst vor zehn Tagen erfolgt sei), wurde eine Open-Air-Produktion des Vorabends des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ ins Programm genommen, nicht ersatzweise, sondern zusätzlich – und dies auf einer Fläche, die sich bereits 2014 für Iannis Xenakis’ „Oresteia“ als eine akustisch und dramaturgisch gut bespielbare Location erwiesen hatte: das obere Parkdeck inmitten des Gevierts von Bühne und Werkstätten der Deutschen Oper Berlin.

Um dem derzeit noch aufgrund der der Anti-Corona-Maßnahmen gebotenen Sicherheitsabstand zwischen Orchestermusikern zu entsprechen, wurde eine vom britischen Komponisten Jonathan Dove erstellte Orchesterfassung für 18 Musiker gewählt, – an der Deutschen Oper auf immerhin 22 Musiker aufgestockt, mit solistischen Streichern, Bläsern mit Mehrfachinstrumenten, einem Schlagzeuger, Harfe und Orgel. Generalmusikdirektor Donald Runnicles warb in seiner Premierenansprache dafür, dass das Publikum aufgrund der Exzellenz dieser Musiker das große Orchester nicht vermissen werde. Tatsächlich handelt es sich bei Doves Bearbeitung aus dem Jahre 1990 um eine sehr originelle, Wagners Mischklang in kammermusikalischer Form erzielende Fassung, die nur selten den Eindruck „Wagner für Arme“ erweckt. Auch die Anzahl der Mitwirkenden auf der Bühne ist um zwei Tenöre (um Froh und Mime) reduziert sowie um die nur schreiende Gruppe der Nibelungen.

Die Inszenierung von Neill Barry Moss mischt das Repetitorium des Musiktheaters auf, bietet manch Fragwürdiges, wenig Erhellendes und nur punktuell Originelles. So bilden drei goldfarbene Brustpanzer das Rheingold in dieser Inszenierung, welches Alberich den Rheintöchtern raubt. In Nibelheim verwandelt er sich statt in einen Riesenwurm in einen possierlich tanzenden Esel. Während die Ambosse der Nibelungen elektroakustisch zugespielt werden, wird das Nibelungen-Heer durch die drei Rheintöchter ersetzt, welche Alberich erneut jene drei Goldpanzer herbeitragen müssen, die dann jedoch nicht zum Bedecken der auf einem Sofa sitzenden Freia ausreichen. Ausstatterin Lili Avar hat aus dem Fundus das Besitztum der umziehenden Götter angehäuft: zunächst verhüllte Gegenstände, aus denen dann noch einige Kleingeräte dem Lösegeld-Schatz hinzugefügt werden. Fafner entdeckt inmitten der Requisiten-Ansammlung einen Zeremonienstab, mit welchem er seinen Bruder erschlägt. Ohne ihre Attribute treten auch die Götter auf. Statt des Ringes hantieren Alberich und Wotan, später Fasolt und Fafner mit einem gelben Wagner-Klavierauszug, der den Ring als Titelsignet trägt.  

Wotan sitzt mehrfach auf einem per Zettel deklarierten Regiestuhl, Freia nascht aus einer Apfelschale auf dem Tisch, aus welcher sich auch Fafner bedient. Loge aber hat zur Erfrischung der Götter eine Riege Starbucks-Kaffee mitgebracht.

Fafner und Fasolt haben als Signet ihrer Baufirma das „F“ als einen goldenen Gasballon dabei; diesen bringt Fafner nach dem Brudermord zum Platzen und spuckt auf den Bruder.

Die Auftritte der Sängerdarsteller*innen erfolgen häufig durch den Mittelgang des Auditoriums. Sechs Stufen zwischen der aufgebockten Hauptspiel-Fläche und dem darüber thronenden Kammerorchester scheinen die gebotenen Abstände zwischen den Protagonisten grundsätzlich zu gewährleisten. Die Rheintöchter werfen sich Give-Five auf Distanz zu, und wenn doch einmal ein Solist den anderen anfassen muss, dann zieht er vorher Handschuhe an, wie Loge bei dem unter einem Stuhl gefesselten Alberich.

Wotan zieht zwar zu Beginn der Opernaufführung einer schwarzen Wagner-Statuette den Mund-und-Nasenschutz ab, doch sonst verzichtet die Produktion auf naheliegende Parallelen im Werk Wagners zur derzeitigen gesellschaftlichen Situation. „Der Sorge Stachel“, den Erda mit ihrer Warnung in Wotan als einen das Ende der Götter initiierenden Virus einpflanzt, was Wotan gegen Ende der „Rheingold“-Handlung mit den Worten „Angst und Furcht fesseln den Sinn“ umschreibt, ist in der um gut eine halbe Stunde verkürzten Fassung gestrichen (was vermutlich jedoch auf die britische Bearbeitung zurückzuführen ist). Einen nachdenkenswerten Aspekt rückt der Regisseur mit Erda als Hochschwangerer ins Bild. Mit ihrem Bauch provoziert sie Wotans Gattin Fricka; somit wird hier erzählt, dass Erda, mit der Wotan in den Jahren, die zwischen den Handlungen von „Das Rheingold“ und „Die Walküre“ liegen, seine Lieblingstochter Brünnhilde zeugen wird, zu diesem Zeitpunkt bereits von ihm schwanger ist.

Der Regisseur ist auch für die Kostüme der Produktion verantwortlich. Als ein Fishing-for-Compliments hat er gleich im ersten Bild einen Satz für Alberich eingefügt: der reißt sich die Perücke vom Kopf, mit den Worten, „Was soll das? Scheiß-Inszenierung!“ Im Schlussbild hat Fricka ihr Kostüm bereits eingemottet und trägt eine grüne Strickjacke mit Trenchcoat, wie auch die anderen Götter nunmehr private Freizeitkleidung bevorzugen.

Im Sammelsurium der Requisiten findet Donner dann doch noch einen Hammer, setzt sich einen Cowboy-Hut auf und schlägt gegen eine der Beton-Wände des Parkhauses. Alberich hatte seinen Dialog mit den Göttern aus einem Fenster der Werkstätten jenes Gebäudetrakts geführt, welcher am Ende als Götterburg Walhall mit Fahnen geschmückt wird: dies sind gelbe Transparente mit den Titeln von Opernproduktionen der Deutschen Oper (wie „Zauberflöte“, „Madama Butterfly“, „Peter Grimes“, „Rigoletto“ und „Don Giovanni“). Die Rheintöchter stimmen ihren Klagegesang aus geöffneten Fenstern im Rücken der Zuschauer an, und die Götter schießen goldene Luftschlangen in ihre Richtung, die sich in den finalen Takten auf das Publikum senken.

Donald Runnicles interpretiert die Partitur mit dem akustisch unmerklich angehobenen Instrumentarium in einem Atem. Die Liebe zum Detail herrscht bereits in der Bearbeitung vor. In den Bläsersätzen hat die Orgel eine wichtige Komplementärfunktion.

Gesungen wird auf unterschiedlich hohen Niveau. Überragend Thomas Blondelle, der den Loge spielerisch überbordend als sympathische Figur und stimmlich mit Mozart-Kantilenen mit Stolzing-hafter Attitüde mischt – eine großartige Leistung!

Auch Derek Welton als Wotan ohne Vertragsspeer bewältigt die verkürzte Partie mühelos. Genussvoll der satt strömende Gesang von Judit Kutasi als Erda. Philipp Jekal, offenbar kurzfristiger für den angekündigten Markus Brück eingesprungen, kämpft sich mit rhythmischen Problemen durch die Partie des Alberich, noch erschwert durch seine weit von der Bühne entfernte Positionierung in der Wirkungsstätte Nibelheim. Padraic Rowan als Donner übernimmt auch einige Phrasen des eliminierten Froh, allerdings mit geänderter Melodieführung.

Aus dem spielfreudigen Ensemble, mit Annika Schlicht als Fricka, Flurina Stucki als Freiav, Elena Tsallagova, Irene Roberts und Karis Tucker als Reintöchter in kurzen Glitzerkleidchen und Andrew Harris als Fasolt, sticht Tobias Kehrer als Fafner angenehm hervor.

Auch in Bayreuth sollte ja in diesem Sommer eine Neuinszenierung des „Ring des Nibelungen“ stattfinden, aber die Festspiele wurden bekanntlich abgesagt. Kurz vor Beginn der Aufführung hatten sich die Bläser der Deutschen Oper entschlossen, mit einer Fanfare á la Bayreuth die noch mit Aperitifs zusammenstehenden Zuschauer auf ihre Plätze zu bitten.

Wie Intendant Dietmar Schwarz vor Beginn ausführte, war die Produktion ursprünglich nur für 50 Zuschauer genehmigt worden, was kurzfristig auf 200 Besucher angehoben wurde, welche zwischen verpackten, nicht benutzbaren Stühlen zu sitzen kamen.

Nach dem Verklingen des letzten Des-Dur-Akkordes brandeten Bravorufe auf: Zuschauer, die damit ihr Glücksgefühl bekundeten, nach einem Vierteljahr endlich wieder Oper live erleben zu dürfen.

Rundum voller Zuspruch für einen beherzten Neuanfang. Und statt der traditionellen Premierenfeier im Parkettfoyer diesmal ein allgemeiner Zutritt in die Kantine der Deutschen Oper Berlin.


  • Weitere Aufführungen: 16., 18., 19. 20. und 21. Juni 2020

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!