Warten, gähnen – Sciarrinos „Ti vedo, ti sento, mi perdo …“ an der Berliner Staatsoper


(nmz) -
Vor vier Jahren, als sich die Staatsoper noch im Umbau befand und in der noch unvollendeten Neuen Werkstatt Sciarrinos „Macbeth“ zu Recht gefeiert wurde, erfolgte die Ankündigung einer Uraufführung dieses Komponisten an der Staatsoper. Das Auftragswerk – in Koproduktion mit der Mailänder Scala – kam dann allerdings im November vergangenen Jahres in der Inszenierung von Jürgen Flimm und unter der musikalischen Leitung von Maxime Pascal in Milano heraus.
13.07.2018 - Von Peter P. Pachl

Die Berliner Erstaufführung im Rahmen des letztmals durchgeführten Festivals für neue Musik „Infektion!“ stieß beim Berliner Publikum – durch fünf von Sciarrinos Opern, die im Schiller Theater zwischen 2010 und 2016 auf dem Programm standen, aber auch durch„L'imprecisa macchina del tempo“ in der Philharmonie, an das Idiom dieses Komponisten gewöhnt – auf wenig Gegenliebe. Obgleich der 3. Rang gar nicht erst verkauft wurde, gab es in der Premiere viele freie Plätze. Vermutlich ist bereits der umfangreiche italienische Operntitel „Ti vedo, ti sento, mi perdo in Attesta di Stradella“, im Programmheft übersetzt als „Dich sehen, dich hören, mich verlieren – Warten auf Stradella“, wenig verkaufsfördernd.

Dabei war die Überlegung, das traditionell der Barockoper verbundene Haus „Unter den Linden“ mit dem kompositorischen Neuansatz einer Beschäftigung mit dem Œuvre des Barockkomponisten Alessandro Stradella zu verknüpfen, keine schlechte Idee. Bereits die Orchesterformation folgt der barocken Aufteilung, hier der Tradition des Concerto Grosso, mit dem im Graben sitzenden Continuo und barock gewandeten Musikern als Concertino vor den Proszeniumslogen. Auch auf der Bühne herrscht barocke Ausstattung, mit Reifröcken und Allongeperücken, bei den Damen mit verspielten Accessoires (Kostüme: Ursula Kudrna). Was Flimm, der sich in Hitchcockmanier bisweilen selbst als Person ins Spiel rückt (etwa als anachronistischer, barock kostümierter Wotan), an dieser kargen Handlung, die sich als Probe zu einer Stradella-Aufführung versteht, an Aktionen rund um die Bühne auf der Bühne hinzuerfunden hat, beweist das Können dieses Regisseurs. Allerdings zeigt die turbulente, skurrile Personenführung in George Tsypins weißem Bühnenraum bisweilen auch eine zu große Selbstverliebtheit in Ideen – nämlich dann, wenn durchaus witzige Momente ein zweites und drittes Mal vorgeführt werden und an Wirkung einbüßen.

Alessandro Stradellas skandalumwittertes Leben – reich an Exzessen, bis der Komponist nach mehreren Mordanschlägen auf offener Straße selbst einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel –, war schon wiederholt Stoff für die Opernbühne und für die Filmleinwand. Die berühmteste Dramatisierung stammt von Friedrich Flotow; allerdings ist Flotows „Alessandro Stradella“ seit Dezennien nicht mehr auf den Spielplänen zu finden.

Von Gerücht zu Gerücht über Stradellas Ausschweifungen hangelt sich die neue Oper im vorherrschenden Parlando. Dabei wird von den Akteuren im Spiel viel gegähnt – leider in Entsprechung zur gähnenden Leere im Auditorium bei der dritten Aufführung. Mit 2,5 Stunden, inklusive Pause, ist dieser Abend deutlich zu lang geraten. Bereits während des ersten Aktes verließen Besucher – wenn auch mit opernadäquater Sittsamkeit, also ohne hörbaren Protest – gelangweilt das Auditorium.

Das Säuseln und Girren der Tonsprache Sciarrinos scheint im großen Haus Unter den Linden akustisch deplatziert. Dabei bemüht sich der Dirigent Maxime Pascal redlich um konzisen Spannungsaufbau mit den trefflich disponierten Mitgliedern von Opera Lab und Orchesterakademie sowie der Staatskapelle (deren größerer Teil sich derzeit mit der alten Inszenierung Harry Kupfers von „Tristan und Isolde“ zu Gastspielen in Barenboims Heimat Buenos Aires aufhält).

Die Einschübe aus Stradellas Kantaten und Opern in „Ti vedo, ti sento, mi perdo“ erzeugen bisweilen jenen Raumklang, auf den das Publikum zumeist vergeblich wartet. Selbstredend sind auch die sich in die musikalische Vergangenheit öffnenden Fenster von Sciarrino deutlich überschrieben im Sinne einer Aufarbeitung der 400-jährigen Operngeschichte. Dazu häufen sich auf der Bühne absurde Momente, die situativ an Pirandellos „Sechs Personen suchen einen Autor“ ebenso erinnern wie in der Operncollagentechnik an John Cage. Und wie bei „Warten auf Godot“, so warten auch die Akteure (darunter ein arg redundantes Kinderballett) dieser Handlung vergebens auf Stradella – er kommt definitiv nicht!

Jene, die im Publikum auf echte Höhepunkte mitgewartet hatten und geblieben waren, dankten am Ende dem jungen Dirigenten und dem Ensemble durchaus herzlich. Unter den Sängerdarsteller_innen ragte der mit einem Schirm an den Theaterdirektor La Roche in Strauss’ „Capriccio“ gemahnende Sciarrino-Experte Otto Katzameier in der Partie des Literaten hervor. Als „Musiker“ eine dankbare Aufgabe hat Charles Workman. Zu Recht gefeiert wurde Laura Aikin als „Sängerin“. Aber auch die singende Dienerschaft – mit Sónia Grané (Pasquozza), Lena Haselmann (Chiappina), Thomas Lichtenecker (Solfetto), Christian Oldenburg (Finocchio), Emanuele Cordaro (Minchiello) – soll angesichts der Ensembleleistung nicht unerwähnt bleiben, wie auch David Oštrek (Junger Sänger), Sarah Aristidou, Olivia Stahn, Magnús Hallur Jónsson, Matthew Peña, Ulf Dirk Mädler und Milcho Borovinov.

Nach der heutigen Barock-Überschreibung war das Fazit eines Opernbesuchers beim Verlassen des Zuschauerraumes: „Wenn Stradella, dann Stradella – und wenn Sciarrino, dann ‚Luci mie traditrici’“, – wobei dieser Opernfreund nicht bedachte, dass auch die von ihm erwähnte Oper eine „Überschreibung“ darstellt.

  • Weitere Aufführungen: 13., 15. und 17. Juli 2018