Wechsel von Glätte und Grauen – Philip Glass' „Untergang des Hauses Usher“ in Münster


(nmz) -
Anspruchsvoll, rätselhaft und individuell gelingt die Inszenierung von „Der Untergang des Hauses Usher“ am Theater Münster. Dirigent Stefan Veselka und Regisseur Sebastian Ritschel erbringen den Beweis, dass Philip Glass ein die Kreativität herausfordernder Bühnenkomponist ist und noch längst nicht alle Bedeutungsdimensionen von dessen Oper „Der Untergang des Hauses Usher“ nach Edgar Allan Poe ausgereizt sind. Ein großer Erfolg mit inhaltlichen Fragezeichen, meint Roland H. Dippel.
21.02.2020 - Von Roland H. Dippel

Welcher Avatar kommt da, von Marielle Murphy mit sinnlicher Leuchtkraft gesungen, zurück? Hier geht es gewiss nicht um die lebendig begrabene Madeline, Roderick Ushers Zwillingsschwester und vielleicht sogar Geliebte. Auch das Haus Usher stürzt am Ende nicht ein. Vielmehr vollendet sich Rodericks die gesamte Bühnenhöhe füllendes Kunstwerk, das starke Ähnlichkeit mit der berühmten Bronzemaske von Mykene aufweist.

Sebastian Ritschel und sein Dramaturg Ronny Scholz erzählen für das Theater Münster eine ganz andere Geschichte als Edgar Allan Poe in seiner berühmten Erzählung (1839). Damit nützen sie das beklemmende Potenzial von Philip Glass‘ 1988 in Cambridge (Massachusetts) uraufgeführter Oper für eine gebrochene Metamorphose. Und sie reizen jede der exzessiven Fragwürdigkeiten im Textbuch von Artur Yorinks – hier in der deutschen Textfassung von Saskia M. Wesnigk – aus. Denn bei Glass sind die Anhaltspunkte über die ‚realen‘ Reaktionen der Figuren noch stärker ausgedünnt als bei Poe, der Text noch weniger konturiert und die instrumentalen Flächen dafür von maximaler Ausdehnung. Die Partitur ist fast eine Fantasie für Orchester mit vokalen Episoden: Die Musik baut sich aus fünf bis sieben Motiven auf. Durch deren irreguläre Reihung modellierte Glass ein Spannungsband von fast romantischer Intensität. Dessen Füllung gelingt dieser Produktion rundum angemessen.

Aber die vom Regisseur selbst übernommene Bühnen- und Kostümgestaltung mit Assoziationen an das phantastische Filmgenre und einige revueartigen Akzenten erzeugt Distanz und Kühle. Die Reibung von rätselhaften Emotionen, Glätte der Materialien und der Brutalität des Gezeigten lassen die beabsichtigte philosophische Dimension etwas in den Hintergrund treten.

Dazu bestätigt Stefan Veselka am Pult mit kantiger bis geschärfter Klangbildung, die nur vergleichsweise wenige gerundete Momente zulässt, dass bei Glass musikalische Gestaltungsvielfalt möglich ist. Youn-Seong Shim als Roderick zelebriert Menschenscheu als Künstlerpose und holt Brüche aus den Gesangslinien. Die Stärke von Filippo Bettoschis Besucher William liegt dagegen mehr im mimischen Spiel zwischen Grimasse und Gleichmut. Bettoschi scheitert an einem weitverbreiteten Irrtum: Bei Glass ist es mit schönen Tönen und wohlig modellierter Diktion allein nicht getan, es braucht auch das Potenzial interpretierenden Widerstands.

Potenzial interpretierenden Widerstands nötig

Konstruktiven Widerstand entfacht allerdings die Inszenierung, welche durch eine Rückblende noch mehr Fragen aufwirft. Durch den ständigen Wechsel von Glätte und Grauen geschieht das auf intensiver Augenhöhe mit Poe: Wer ist in Ritschels alternativer Handlung der Verursacher des Brands? Neun Kerzen stehen auf der Geburtstagstorte, die der deutlich größere William dem Mädchen reicht. Ist es, wenn ihr viel jüngerer und gleichfalls rothaariger Bruder dazwischen geht, den Inzest vorwegnehmende Eifersucht oder familiäres Exklusivgefühl? Fragen über Fragen schon am Handlungsrand – mit Poes Obsession für lebendig Begrabene gibt man sich in Münster nicht zufrieden, was die Spannung steigert.

Die heftigsten Irritationen schafft, was ein Lieblingstopos der Kunstgeschichte seit der schwarzen Romantik ist: Grausamkeit als Voraussetzung künstlerischer Kreativität. Eine Gruppe multipler Madelines – sie werden „Opfer“ genannt und reihen sich zur Schlachtung wie Blaubarts Frauen – bewegt sich pantomimisch durch das Geschehen. Immer wieder bringt der Diener (Christoph Stegemann) eine lebensuntüchtige Madeline in ein Behandlungszimmer, wo ihr der Arzt (Pascal Herington) ganze Hautflächen aus dem Gesicht und vom Unterleib schneidet, diese Fetzen sofort einem chemischen Konservierungsverfahren unterzieht. Das präparierte Hautmaterial setzt Roderick an eine riesige Goldmaske, hinter deren Sehschlitzen große Augen leuchten. Der glatte Künstler posiert, sein Objekt strahlt. Noch wenn die Doubles die am ganzen Körpern mit Mullbinden umhüllte Madeline zurückbringen, bleibt fraglich, ob es sich um deren physisches Original handelt oder anatomisches Patchwork aus Ersatzorganen. Letztlich beinhaltet das Ende des Abends die Frage, ob persönliche Kontinuität angesichts optimierender Machbarkeiten noch sinnvoll ist. Wo verläuft die Grenze zwischen Kunst und Wahnsinn?

Diese übergeordneten Fragestellungen müssen deshalb spekulativ bleiben, weil Ritschels ambitionierter Ansatz sich in der Ästhetik und deren Versatzstücken verliert. Aber hier zählt der eindrucksvolle Anspruch dieser Produktion: Ritschel hat sich dazu entschlossen, Poes Herausforderungen mit im Doppelsinn ‚Poetischen‘ Freiheiten anzunehmen. Ihm gelingt, das sich schleichend steigernde Grauen auszumalen ohne zu erklären, wodurch dieses Grauen entsteht. Dieser Abend erfordert von Zuschauern also Bereitschaft zum aktiven Mitdenken. Auch die vielen Schüler*innen in der besuchten Vorstellung ließen sich von dem Gesehenen willig faszinieren. Starker einhelliger Applaus und beim Hinausströmen viel gegenseitiger Erklärungsbedarf.


DER UNTERGANG DES HAUSES USHER (THE FALL OF THE HOUSE OF USHER).

  • Oper von Philip Glass nach der Erzählung von Edgar Allan Poe (in deutscher Sprache) – Musikalische Leitung: Stefan Veselka – Inszenierung: Sebastian Ritschel – Bühne & Kostüme: Sebastian Ritschel – Mitarbeit Bühne: Sophia Debus – Video: Sven Stratmann – Dramaturgie: Ronny Scholz – William: Filippo Bettoschi – Roderick: Youn-Seong Shim – Madeline: Marielle Murphy – Diener: Christoph Stegemann – Arzt: Pascal Herington – Opfer: Janine Ahrmann, Kelly Alves, Paula Brocke, Nele Erichsen, Christina Frühe, Lisa-Marie Menke, Joana Taskiran, Lena Wasmuth, Pia Wending, Olivia Zessin – Junger William: Pierre Guillemot / Justus Beermann – Junger Roderick: Levin Berheide / Carlo Steinhaus – Junge Madeline: Nausikaa Berger / Mara Richter – Stimme: Joachim Foerster – Sinfonieorchester Münster
  • Besuchte Vorstellung: Mi 19.02., 19.30 (Premiere: Sa 01.02.) – wieder am Di 25.02., 19.30 – So 01.03., 15.00 – Fr 06.03., 19.30 Tickets – Sa 14.03., 19.30 – So 26.04., 18.00.

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