Weißer Regen, schwarzes Gold: Uraufführung von Jörn Arneckes Kinderoper „Der Eisblumenwald“ in Weimar


(nmz) -
„Ein Plädoyer für Poesie ohne plärrige Parolen“, so empfand unser Kritiker Roland H. Dippel Jörn Arneckes neue (Kinder-)Oper, die am Deutschen Nationaltheater zur Uraufführung kam. „Unspektakulär, unaufgeregt und fern von jeder Verniedlichung“ hat dieses Stück die Kraft, seine Zuhörerinnen und Zuhörer in den Bann zu ziehen. „Alles funktioniert, bleibt in Spannung. Kein einziger Zuschauer langweilt sich in dieser Stunde, weil das Ensemble engagiert agiert.“ Gelungen!
13.06.2019 - Von Roland H. Dippel

Gleich zwei bemerkenswerte Musiktheater-Uraufführungen innerhalb eines Monats am Deutschen Nationaltheater Weimar! Während Ludger Vollmers „The Circle“ nach Dave Eggers auch als Transformationsprozess des ästhetischen Gebildes Oper in den Bedingungen des medialen Zeitalters lesbar ist, besinnt sich Jörn Arnecke in seiner von der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung ermöglichten Auftragskomposition für das DNT auf haptische und direkte, ohne umfangreiche elektronische Kunstmittel auskommende Möglichkeiten. Seine Vertonung von „Der Eisblumenwald“ nach dem Kinderbuch von Jörg Steiner zeigt beglückend gelungen, die märchenhafte Rettung aus einer ökologischen Krisensituation.     

Jörn Arneckes jüngste Oper dauert nicht viel länger als die Zeit, in der ein paar große Eiswürfel bei Zimmertemperatur in mit Schraubdeckeln verschlossenen Gläsern zu Wasser schmelzen. Diese Gläser, an junge und erwachsene Zuschauer verteilt, sind das einzige chorische Instrument in der Partitur des Professors für Musiktheorie und Gehörbildung an der Weimarer Hochschule für Musik „Franz Liszt“. Wie bei „Ronja Räubertochter“ (Dortmund 2016) greift Jörn Arnecke (geb. 1973) bei seiner neuen Kinderoper zu preisgekrönter Literatur: Der Schweizer Autor Jörg Steiner (1930-2013) empfing 2002 den Max-Frisch-Preis und 1990 für „Aufstand der Tiere oder die Neuen Stadtmusikanten“ den Deutschen Jugendliteraturpreis.

„Der Eisblumenwald“ hat seit seiner Erstausgabe 1983, kurz nach Veröffentlichung der Studie „Global 2000“ und „Zeit zum Handeln“, kräftig an Brisanz und Aktualitätsdruck gewonnen: In einem orientalischen Land ist die Bevölkerung steinreich durch „Schwarzes Gold“. Aber es fehlt Wasser, die Erde verdorrt, der Himmel spiegelt nur Wüstenstaub. Kurz vor Zwölf also. Der gebildete, durchaus sozial eingestellte König von Amun (Andreas Koch) leidet allerdings weitaus weniger am Klimawandel als am Oppositionsgeist seiner Tochter Salicha (Giulia Montanari, HfM Weimar). Diese beschließt zu handeln: Sie macht sich mit dem Märchenerzähler (der Schauspieler Andreas Kuhn) und dem Jungen Samir (Juliane Bookhagen, Thüringer Opernstudio) auf den Weg zum Südpol. Von dort bringen die Drei einen Eisberg mit, der ihr Heimatland befeuchtet und wieder lebenswert macht.

Es bleibt offen, ob das im Königreich Amun eine höhere Achtsamkeit für die Öko-Balance bewirken wird. Ohne erhobenen Zeigefinger kommt Arneckes dramatische Einrichtung der Vorlage aus. Er und die Mitwirkenden setzen auf die Kombinationsfähigkeiten ihrer Zuschauer im Vorschul- und Grundschulalter. Diese verstehen genau und beobachten mit stiller Aufmerksamkeit, dass es um Konfliktbewältigung, das Staunen und Lernen von anderen sozialen Prägungen, das Miteinander, die Energien durch Hoffnung und Selbstvertrauen geht.

Potenzial des Stoffes und der Musik erkannt

Am schönsten an dieser Uraufführung ist, dass die junge Regisseurin Clara Kalus das Potenzial des Stoffes und der Musik erkannt hat, der märchenhaften Dimension des Sujets vertraut und die Zuschauer auch in die unprätentiös klare, bis zum Schluss tragfähige Musik Arneckes einspinnt: Bühnenlicht im Sinne der Deutlichkeit, kein Video, kein Sound Design! Die Musiker und Sänger produzieren Töne ‚nur‘ durch Instrumente, Atem, Geräusche und Stimmen. Und siehe: Alles funktioniert, bleibt in Spannung. Kein einziger Zuschauer langweilt sich in dieser Stunde, weil das Ensemble engagiert agiert, enorm sympathisch herüberkommt und sich bei den vom Komponisten gestellten Aufgaben spürbar wohl fühlt. Wie ein Kapitän steht der Dirigent Niuniu Miao Liu in seiner Box und konzentriert sich ausschließlich auf Human Resources, deren Engagement sogar ohne sekundären Motivationsdruck erstaunlich hoch ist. Die dunkle Orchesternische für vier Streicher, Querflöte und vor allem die viel mit klanglosen Atemtönen genutzte Posaune wirkt wie der dunkle Maschinenkeller. Eine Stoffbahn ist mehrdeutiges Segel oder Vorhang eines aus echtem Holz gestalteten Wohnraums. Nur die Kostüme in Gold-Orange, Meerblau und phantastischem Lila für den Märchenerzähler erzählen etwas von Herkunft, Prägung und Status. Die Zeit selbst wird Thema und man hört deren unaufhaltsames Verrinnen: Lautes Klackern der schmelzenden Eiswürfel, etwas leiseres Crunchen, fast leises Fließen. Das Tauwetter in Wasserglas ist also kein Sturm, sondern stiller Countdown und greifbares Menetekel.

Unspektakulär, unaufgeregt und fern von jeder Verniedlichung: Aus dem Zuschauerraum der Studiobühne des DNT hört man auch kein Parallelkonzert von Rascheln, Flüstern oder bemühten Maßregelungen. Dafür macht Arneckes Musik mit ihren fließenden Wechseln vom prägnanten Dialog in ariose und geschlossene Perioden, bei denen er ohne arienhafte Stopper auskommt, viel zu neugierig. Kinder bleiben bei der Stange, auch bei den Älteren kommt keine Langeweile auf. Künstlerische Mittel, Aussage und Spannungsgefüge sind bei dieser Uraufführung und ihrer Realisierung erfreulich kongruent: Ein Plädoyer für Poesie ohne plärrige Parolen.


  • Jörn Arnecke: Der Eisblumenwald (nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Jörg Steiner): Premiere: 23.5., 10 Uhr, weitere Vorstellungen: 25.5. und 10.6, 16 Uhr, 29.5., 11.6. und 2.7., 10 Uhr – Wiederaufnahme in der Spielzeit 2019/20 (Besuchte Vorstellung: Di 11.6., 11 Uhr)  

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