Weltenrad und Auferstehung – Das Carl-Orff-Fest 2018 in Andechs


(nmz) -
„O Fortuna … – Das Weltenrad dreht sich wieder!“ verhieß das Carl-Orff-Fest am Ammersee und stellte am 8. Juli und vom 8. bis zum 12. August „Carl Orff, seine Vorbilder, Lehrmeister, Partner und Schüler“ vor. Nach der Neuaufstellung der künstlerischen Leitung ohne Marcus Everding und Florian Zwipf-Zaharias Firma arte-musica-poetica als Veranstalter wollen dieser und Orffs heute prominentester aktiver Kompositionsschüler Wilfried Hiller im „wunderschönen, kulturaffinen Ammersee-Gebiet“ Carl Orff das „zurückgeben, was ihm so sehr zusteht: die Beachtung seines großen und vielfältigen Wirkens.“
20.08.2018 - Von Roland H. Dippel

So zu lesen im Grußwort. Das legitimiert offenbar auch die österlichen Sujets der beiden Werke zur ihrer Aufführung im Hochsommer kurz vor Himmelfahrt der „Patrona Bavariae“ am 15. August. Dabei hätte die Gegenüberstellung von Johann Sebastian Bachs „Osteroratorium“ (1725) und Orffs 1956 im Fernsehen uraufgeführter „Comœdia de Christi resurrectione“ so spannend werden können.

Neben dem Schaffen Carl Orffs sollte mit einem Kompositionswettbewerb, einem Werkzyklus der Projekt-Künstlerin Nicola von Thurn, einer „roaring Orff Revue“ mit der von Hillers Sohn Carl Amadeus als „Bandpapa“ mitgestalteten Formation „Einshochsechs“ und Oliver Rathkolbs Vortrag „Orff und der Nationalsozialismus“ auch Umfeld und Nachwirken des noch vor wenigen Jahren als einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts gewürdigten Carl Orff frisch beleuchtet werden. Mit gutem Grund: Vorbei sind die Zeiten, als dessen „Die Kluge“ eines der meistgespielten Werke des 20. Jahrhunderts war und „Die Bernauerin“ von August Everding und Peter Baumgardt für München und Augsburg als stetiges bayerisches Freilichtfestspiel propagiert wurde. Hans Werner Henzes „Die Bassariden“ erklingt diese Tage über 50 Jahre nach der Uraufführung bei den Salzburger Festspielen 2018, Orffs etwa gleichalter „Prometheus“ ist (ungerechtfertigt) verstummt.

Insofern wäre die Kombination von Orffs dialoglastigem „Osterspiel“ und Bachs 1725 als Parodie seiner weltlichen Kantate „Entfliehet, verschwindet, entweichet, ihr Sorgen“ entstandenem Osteroratorium (BWV 249) auch an wenig affiner Position im Kirchenjahr ein lohnendes Unterfangen. Orff selbst hatte als Leiter des Münchner Bach-Vereins 1932/33 Aufführungen der von Bach mit-komponierten „Lukas-Passion“ und der „Historia der Auferstehung Jesu Christi“ von Heinrich Schütz initiiert.

Doch im Florian-Stadl des Klosters Andechs am Fuß des Heiligen Bergs und unter dessen eindrucksvollem, doch etwas martialisch hölzernem Dachgebälk kommen Bachs fast sinnenfreudiges Opus mit seinem in den Rezitativen für den Thomaskantor ungewöhnlich häufigen Duettstellen der Solisten und Orffs christlich-urbajuwarisches Welttheater nicht ganz zusammen. Darüber täuscht auch der mit Bravi angeheizte Schlussapplaus aus dem gut besetzten, aber nicht ausverkauften Florian-Stadl nur mit Anstrengung hinweg.

Verpasst wurde die Chance, Carl Orffs „Osterspiel“ mit seiner durchaus spannenden Darstellung des Kampfs des Dämonen für die Generation nach dem Medien-Volkstheater Kurt Wilhelms („Bandner Kasper“) und Georg Maiers Iberl-Bühne zu beleuchten. Hier kämpft die Regisseurin und Teufelsdarstellerin Angela Hundsdorfer fast siegreich mit der undankbaren Aufgabe, die nur allzu selten ihre Textbücher zuklappenden Prominenten-Riege durch die Kartenspiel- und Dialekt-Deftigkeiten Orffs zu bugsieren. Mit tiefrotem Teufelsschwanz und ebensolchen High Heels, assistiert von den über den Zuschauern höchst wirkungsvoll dahin schwingenden „Vertikaltuchartistinnen“ Martina Gehrer und Mira von Wangenheim, macht Angela Hundsdorfer, die schon während des Osteroratoriums mit starrem Blick im Gebälk kauert, die Verhaltenheit der glorreichen Sechs dann doch vergessen. Bei Aufführungen zum Tollwood-Festival oder im GOP-Varieté wirken der Glanz der ins Fünf-Seen-Land versetzten Rosenheim-Cops, aber für ein ambitioniertes Festival ist das dann doch zu wenig. Denn Orffs Kunstsprache sitzt Jürgen Fischer, Harald Helfrich, Michael Grimm, Ferdinand Schmidt-Modrow, Peter Weiß und Xaver Zeller bei weitem nicht selbstverständlich genug in Kiefer und Kehle, deshalb zeigen sie sich von den teuflischen Versuchungen der Regisseurin auf der Szene kaum angefochten. Wenn bei der Auferstehung Kinder in unschuldigem Weiß die Spielfläche entern, bleibt das weit hinter den sechzig Jahre nach der Uraufführung noch immer zutiefst beeindruckenden Schlagwerk-Klangreibungen Orffs zurück.

Dass es vor allem um Repräsentation, weniger um Durchdringung und Erschließung von Orffs kolossal aufragenden Fossilen geht, zeigt sich auch an der Umrahmung. Keinem Festival würde es zum Beispiel einfallen, zur Aufwertung einer Oper wie Verdis „Don Carlo“ mit dem immer bombig einschlagenden „Nabucco“-Gefangenenchor einzurahmen. Hier empfängt und entlässt man die Hörer mit Orffs bis heute auf einem Spitzenplatz der allerbesten Klassik-Hits rangierenden, für ein Sakralspiel allerdings wenig affinen „O fortuna“-Chor. Dieser als Anrufung der launischen und ihre Gaben wankelmütig spendenden Glücksgöttin mit der religiösen Erlösungsgewissheit hat mit der Auferstehung nur peripher zu tun.

Nach diesem „Osterspiel“ erstaunt es also nicht, dass der Münchener Bach-Chor und das Münchener Bach-Orchester mit den Solisten Electra Lochhead, Kathrin Heles, Aleksander Rewinski und Philipp Kranjc vor allem mit ungebremst lauten Jubel in den Florian-Stadl strahlen , aber diesmal auf die der Partitur innewohnende Eleganz und Delikatesse verzichten. Ansatzweise drücken Solocello und Oboe etwas sensible Geschmeidigkeit in die hier wie harte Erdfurchen widerborstigen musikalischen Linien. Hansjörg Albrecht bringt am Pult Bach und Orff weder in schillernde Kontrastschärfe noch in sinnfällige Klangkongruenz. Damit enden die Carl-Orff-Tage 2018 als Regionalfestspiel, das differenzierende Fragen mit grob geschnitzten Holzscheiten zum Schweigen bringt. Es bleibt abzuwarten, wie 2019 „Carl Orff & Wolfgang Amadeus Mozart“ zusammenkommen.

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