Wie Balsam ins Ohr geträufelt – Franco Faccios „Hamlet“ bei den Bregenzer Festspielen


(nmz) -
Eine Wiederaufführung, die beinahe einer Uraufführung gleichkommt, erwartet die Besucher der Bregenzer Festspiele in diesem Jahr im Festspielhaus: Seit 1871 wurde diese Oper des Verdi- und Wagner-Dirigenten Franco Faccio in Europa nicht mehr gespielt; damals fiel sie an der Scala durch, da der Sänger der Titelpartie erkrankt und die Zeit für einen „Hamlet ohne Hamlet“ offenbar noch nicht reif war. Nach diesem Fiasko soll der frustrierte Komponist keine Note mehr geschrieben haben. Aber seine zweite Oper, der 1865 in Genua uraufgeführte „Amleto“, geisterte als Kuriosum weiter durch die Musikliteratur.
21.07.2016 - Von Peter P. Pachl

Und immerhin wurde und wird der Trauermarsch der Ofelia alljährlich am Karsamstag in Korfu gespielt. Vor zwei Jahren stellte der Partitur-Herausgeber Anthony Barrese sie im amerikanischen Albuquerque als Dirigent erstmals wieder zur Diskussion.

Shakespeares Tragödie vom Prinzen in Dänemark hatte es in Italien als Oper besonders schwer. Einige Veroperungen im 18. Jahrhundert basierten auf einer französischen Bearbeitung und verbogen die Handlung zu einem Happy End. Das Projekt, Shakespeares „Hamlet“ getreu für die Opernbühne umzusetzen, entstammte der Kunstgruppe Scapigliati, welche sich die Vereinigung von Leben und Kunst aufs Banner geschrieben hatte.

Der 1840 geborene Faccio und der Komponist und Verdi-Librettist Arrigo Boito beginnen die Handlung mit einem Krönungsfest für Claudio, den Königsmörder und Bruder von Hamlets Vater. In dieses Fest, bei dem Claudio mit Requiem-Tönen der Toten gedenkt, wird die Vorgeschichte geschickt eingeflochten. Die Schauspieler-Szene des Spiels im Spiel erhält zusätzliches Gewicht durch eine Diskussion um neuen und alten Stil, von den Rezipienten auf der Bühne zwischen Tenor und Bass ausgefochten. Leider hat sich Regisseur Olivier Tambosi szenisch mehr an den „alten Stil“ gehalten – geradezu eklatant, wenn man sein Arrangement mit vorangegangenen innovativen Interpretationen im Bregenzer Festspielhaus vergleicht, etwa mit der eigenwilligen Lesart von Offenbachs „Hoffmann“-Oper durch Stefan Herheim im Vorjahr.

Die Intention des Spiels im Spiel, dem Paradigma dieser Gattung seit Shakespeares Vorlage, signalisiert Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann durch ein verdoppeltes Bühnenportal mit Glühlampen. Die umrahmen auch die Spiegel der zehn fahrbaren Tische, wenn deren Flächen als Garderobe hochgeklappt werden. Ein steinerner Mammutblock erinnert fatal an Daniel Libeskinds Bühneninstallation für Olivier Messiaens „Saint François d Assise" an der Deutschen Oper Berlin, doch er verfügt nicht über die Möglichkeiten jenes Würfels. Auf der schwarz verspiegelten Drehscheibe werden von livrierten Technikern ganze Stuhlreihen apportiert und wieder herausgetragen und kreisen die zu einer großen Tafel verknüpften Tische.

Für die Auftritte von Hamlets Vater öffnet sich der rote Portalvorhang vor der Hinterbühne und gibt ein vorarlbergiges Panorama preis, welches sich auf dem Bühnenboden, wie auf der Fläche des Bodensees, spiegelt. Die Kostüme von Gesine Völlm mischen Renaissanceaspekte mit heutiger Farbigkeit und Materialästhetik (Rotlack-Stiefel); die unterschiedlichen Kostüme tragen als verbindendes Element ein aufgemaltes Auge.

Dirigent Paolo Carignani gelingt es, insbesondere aufgrund der ausgedehnten Vor- und Zwischenspiele, die acht Bilder der Partitur wie aus einem Guss erklingen zu lassen. Trotz häufig unterbrechendem Szenenapplaus wird die Intention des Komponisten, die Meriten der Grand Opéra mit Wagners Postulat des Musikdramas zu kombinieren, deutlich. Deutlich wird auch, wie viel Faccio von Verdi gelernt hat, vom Trinklied, Chor-Einwürfen und tänzerischen Einschüben á la „Macbeth“ und „Traviata“, bis hin zu einem geradezu überbetonten Einsatz der Banda, etwa auch im Wechselspiel eines Fanfarenchores mit dem Orchester. Die teils vorproduzierte, teils live ausgeführte Bühnenmusik erfolgt in Kooperation mit dem Vorarlberger Landeskonservatorium. Die trefflich disponierten Wiener Symphoniker sind naturgemäß insbesondere in Faccios Wiener Walzern zuhause, als einem Heimspiel an dem zu ihrer zweiten Heimat gewordenen künstlerischen Sommersitz in Vorarlberg.

Deutsch übertitelt wird in Originalsprache auf international hohem Niveau gesungen. Insbesondere der tschechische Tenor Pavel Černoch gestaltet die Titelpartie ohne Abstriche bravourös. Schmelzendes Belcanto leiht Iulia Maria Dan seiner Geliebten Ofelia. Dshamilja Kaiser als Hamlets mörderische Mutter Gertrude sorgt für warm timbrierte Gefühlswallungen. Der anatolische Bariton Claudio Sgura ist ein herrlicher Claudio, in Tongebung und Spiel beinahe zu sympathisch für die mörderische Figur. Heldenentenorale Töne steuert Jonathan Winell als Herold bei. Gianluca Buratto als Geist sorgt im Terzett mit Gertrude und Hamlet für ein komturhaftes Fundament. Eduard Tsanga als Polonio, szenisch als Rigoletto-Karikatur geführt, Paul Schweinester als sein Sohn Laertes, wie auch Sébastien Soulès und Bartosz Urbanowicz als Hamlets Freunde, unterstützen das vokal hohe Niveau, für das auch der Prager Philharmonische Chor (einstudiert von Lukás Vasilek) sorgt. Bewegung ins Spiel bringen drei Tänzerinnen, für deren Choreografie, wie auch für die Fechtszenen, Ran Arthur Braun verantwortlich zeichnet.

In der Pause und am Ende lautstarke Begeisterung des Publikums für die späte Erstbegegnung mit einer Musik, die so ins Ohr geht, wie das dem Vater Hamlets im Schlaf in den Gehörgang geträufelte Gift.

Die Oper, von der es bislang keine Gesamtaufnahme gab, wird hoffentlich zumindest als Tonträger der musikalisch rundum gelungenen Bregenzer Produktion bestehen bleiben.

  • Weitere Aufführungen: 25. und 28. Juli2016.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.