Pina Bauschs Shakespeare-Visionen im Wuppertaler Opernhaus


(nmz) -
Eine besondere Premiere: Die Shakespeare-Gesellschaft tagt und Peter Zadek hat Pina Bausch zu einem „Macbeth“-Abend ins Schauspielhaus Bochum gelockt. Doch es erklingt vieles mehr als Verdi… und erst auf der Bühne! Kein übliches Königsdrama! Unruhe, Gelächter, höhnische Zwischenrufe, hämischer Anti-Beifall, türenknallendes Saal-Verlassen … die Skandal-Premiere schlechthin – damals am 28.April 1978. Soeben: eine enthusiastisch gefeierte Neueinstudierung nach 41 Jahren! Wolf-Dieter Peter berichtet.
18.05.2019 - Von Wolf-Dieter Peter

Bravo-Rufe und Standing Ovation, die dem Entsetzen entspringen, für „Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloss, die anderen folgen“ – für jenes Drei-Stunden-Totaltheaterstück, mit dem die 1973 gegründete Truppe um die 33jährige Pina Bausch damals Furore machte und europaweit eingeladen wurde… Bausteine für den beginnenden Weltruhm des Ensembles um „Pina“.

Die offene Bühne Rolf Borziks ist eine Art Welt-Konglomerat: ein bühnenweiter, hoher lichtgrüner Saal; hinten ein großes Fenster und eine hohe Glastür in die Dunkelheit; offene Zugänge links und rechts, zwei offizielle und eine Tapetentür; hinten ein kleines Waschbecken, ein Beichtstuhl, eine leere, fast mannshohe Glas-Vitrine, ein rollbares Notaufnahmebett samt Plastikabdeckung, ein halbes Jugendstilbett in Rosa ohne Himmel, ein unbezogenes Plumeau, eine Duschkabine in grüner Plastik; im Raum verteilt drei unterschiedlich hässliche Sofas, eine Recamier-Liege, mehrere nicht zusammenpassende, unterschiedlich abgenutzte Fauteuils, ein banaler Arbeitstisch und Beistelltischchen; vorne links ein altes Klavier; der vordere Teil des roten Bühnenteppichs ist abgesenkt: längs durch den Raum liegt ein Gartenschlauch, aus dem den ganzen Abend lang Wasser fließt und vor der ersten Parkettreihe ein flaches Bassin bildet.

Im Zeitraffer zu tobender Unruhe

Als es ganz langsam hell wird, sitzen und liegen neun Menschen im Raum verteilt und ihre anfangs kleinen Schlafbewegungen steigern sich wie im Zeitraffer zu tobender Unruhe. Zu Adagio-Musik verlangsamt sich das Treiben, um wieder in vermeintliches Action-Chaos zu entarten. Einer von ihnen spricht Shakespearesche Textfetzen wie „Macbeth hat den Schlaf gemordet“ – ach ja, das ist kein Tänzer, sondern der körperdarstellerisch völlig im Ensemble aufgehende Maik Solbach. Er schält sich als Macbeth-Figur heraus und den von ihm bekanntermaßen veranstalteten blutrünstigen Horror überdreht Pina Bausch: Er schüttet zwei Umzugskisten voller grässlich buntem Plastikspielzeug über sich und steht heillos in diesem Horror. Eine schlanke Frau streift sich das lange Kleid über ihren endlosen Netzstrumpf-Beinen bis zum Schlüpfer hoch, schlägt sie berechnend geziert übereinander, malt sich x-fach übertrieben die Lippen rot und erzählt in maliziösem Tonfall „Die Begegnung von „M“(acbeth) und „B“(anquo) mit den drei Hexen“ – ach ja, das ist keine Tänzerin, sondern Johanna Wokalek, die sich im Spring-Werf-Lauf-Körpereinsatz durch nichts von den anderen unterscheidet, sondern nur mehrfach so abgründig fies zentrale Handlungszüge erzählt.

Zu all dem erklingt im Raum vom Band eine von Peer Raben mit Pina Bausch kompilierte Musik-Collage aus wildem Ragtime, traumhaft beseelten Debussy-Adagios, einer Art Höllengalopp Katchaturians, verfremdeten Schlagern, dem Vorspiel zum Auftritt von Verdis wahnsinniger Lady Macbeth, auf der Bühne werden Kinderlieder und englische Shantys gesungen  – und dann wirft, Oleg Stepanov, einer der neun Tanztheatraliker, mehrfach am Abend Münzen ganz hinten in die schöne, alte Jukebox und bespielt dem Raum mit einer solipsistischen Rumba-Show der Extraklasse… während dann um ihn her mal lethargische Ruhe, mal ein chaotisches Rasen und Fetzen von acht weiteren Menschen herrscht.

Endzeitbild „von uns“

Es sind zunächst „Normalos“ von Heute, doch Jonathan Frederickson, Breanna O’Mara, Julie Shanahan, Julian Stierle, Michal Strecker und Tsai-Wie Tien wechseln nicht nur durch vielerlei Kostümteile zwischen Tüllkleid, Jacken, hauteng durchsichtigem Unterkleid, arabischem Mantel und rosa Satin-Smoking – wie diese Accessoires wechseln sie auch die Gefühlslagen und Verhaltensweisen. Eine wirr-wüste Gefühlswelt entsteht, von kurzem Neben- und Miteinander, von Emotionsfetzen, von Blumen streuen und ein Tänzchen einlegen, von kurzem Miteinander und viel Verlorensein. Das provoziert in seiner totaltheatralischen Expression wiederholt typische „Befreiungslacher“, dann auch mal Szenenbeifall – wenn die neun Solisten 13mal diagonal durch den Raum flitzen und jeder etwas anderes mit Mimik, Gestik und Bewegung „spricht“. Das scheinbar wirre Sammelsurium der Dinge und Figuren wird allmählich zum erschreckenden Abbild unserer arrivierten Gesellschaften, die den blutigen Horror nur irgendwo an den Rand der Welt verlagert haben und sich durchweg wie auf der Bühne „die Hände waschen“. Eine Szene bleibt unvergesslich: auf zehn alten Kinostühlen sitzen die neun Menschen; sie wechseln den leeren Sitz durch, veranstalten einen „Reigen der Platzhabenden“, auch als eine wie tot im Sitz liegen bleibt – und alles gipfelt im gierigen Raffen und hechelnden Mitschleppen von Spielzeug und Möbeln: geradezu ein Endzeitbild „von uns“ – ein Hauch von Apokalypse in einem Stück von 1978, gespenstisch hautnah… wir sind nicht weitergekommen – und zeitlose Kunst hält uns den Spiegel vor.

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