Zunächst als Livestream-(Vor-)Premiere: Zandonais „Francesca da Rimini“ an der Deutschen Oper Berlin


(nmz) -
Gemeinsam mit dem DVD-Label Naxos und Deutschlandfunk Kultur ermöglichte die Deutsche Oper Berlin es ihren Besuchern, der jüngsten Opernproduktion via takt1. digital live beizuwohnen. Generalintendant Dietmar Schwarz berichtete in seiner Ansprache vor Beginn der Oper, dass sechs Wochen unter Hygieneauflagen – dem täglichen Test aller Mitwirkenden – ohne Maske und Abstand geprobt werden konnte. Schwarz, wie auch die Sängerdarstellerin Alexandra Hutton bei ihrer Pausen-Führung über die Bühne und in einige Garderoben, betonten, dass das Publikum diese Oper bald auch im Zuschauerraum des Hauses an der Bismarckstraße live werde erleben können.
16.03.2021 - Von Peter P. Pachl

Riccardo Zandonais „Francesca da Rimini“ ist eine der wenigen italienischen Opern aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, die sich an internationalen Bühnen behaupten konnte; aber Aufführungen sind vergleichsweise rar. Mit seinem Opern-Erstling, der Märchenoper nach Charles Dickens „Il grillo del vocolare“ – einem Seitenstück zu Carl Goldmarks zwei Jahre älterer Oper „Das Heimchen am Herd“ – erntete der Puccini-Schüler Zandonai einen herausragenden Erfolg. Daher protegierte ihn der Verlag Ricordi und vermittelte ihm zunächst die Komposition der Oper „Conchita“ (1911). Die sich anschließende „Francesca da Rimini“ wurde 1914 in Turin uraufgeführt und rasch an der Mailänder Scala sowie an zahlreichen weiteren italienischen Opernhäusern und an der MET nachgespielt.

Die Handlung basiert auf Gabriele D’Annuncios gleichnamiger fünfaktiver Verstragödie aus dem Jahre 1901. Im Auftrag von Ricordi schuf der Dichter selbst das Libretto. In der „Tragedia di quattro atti“ schlägt die Fünfaktigkeit des Dramas noch deutlich durch, zumal der vierte Akt in zwei lange Bilder gegliedert ist, die in der Neuinszenierung an der Deutschen Oper durch eine kurze Pause geteilt werden.

D’Annuncio seinerseits fußt auf einer Episode aus dem fünften Gesang des Inferno aus Dantes „Divina Commedia“: Francesca wird bei der freiwilligen Unterzeichnung des dynastisch erstrebenswerten Heiratsvertrages überlistet, da sie anstelle des schönen Paolo dessen missgestalteten Bruder Giovanni vermählt wird. Francesca und Paolo bleiben sich in Leidenschaft verbunden, aber auch der dritte Bruder, der einäugige Malatestino, stellt seiner Schwägerin nach und bringt schließlich Francescas Gatten dazu, die in flagranti ertappte Ehefrau und Paolo umzubringen. Als gleichnamige Oper knapper gefasst hat Sergej Rachmaninoff diesen Stoff bereits im Jahre 1906 auf die Bühne gebracht.

Zahlreich sind die Parallelen zu Wagners „Tristan und Isolde“, was in der jüngeren Oper auch bewusst erfolgt und strapaziert wird, etwa durch die Erzählung eines Spielmanns über Tristan und Isolde, wie über bildliche Darstellungen der Tristan-Handlung auf Fresken, und schließlich durch gemeinschaftliche Lesungen der diesem Paar verwandten Liebe zwischen Lancelot und der Königin Guenievre.

Die Musik in der Partitur des 1883, im Sterbejahr Wagners, geborenen Zandonai ist hingegen bemüht, diese Anspielungen nicht noch zusätzlich zu untermauern. Dagegen tönt die freudige Erwartung der Bediensteten vor der Ankunft des Brautwerbers, welchen Francesca für den Bräutigam halten wird, sehr verwandt mit der Aufregung über den Grafen Rofrano, kurz vor der Ankunft des Rosenkavaliers im zweiten Akt der drei Jahre älteren Oper von Richard Strauss.

Ausgedehnte Musikbögen und breit geschwungene Kantilenen dominieren in der facettenreich gefertigten, manchmal in ihren Genreszenen, etwa den Willkommensgesängen zum 1. März, zu verspielten, aber im Orchestersatz meisterlich gefertigten Partitur.

Für die Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin hat Bühnenbildner Johannes Leiacker einen Einheitsraum geschaffen, der sich nicht an der originalen Handlung rund um die innerpolitischen, kriegerischen Auseinandersetzungen zum Ende des 13. Jahrhunderts orientiert, sondern am Art Deco der Entstehungszeit. Drei Stufen führen zu einem erhöhten Wintergarten, welcher – durch eine Courtine verschlossen – zu einer zweiten Bühne (auf der Bühne) wird. Die Fensterfront des Wintergartens gibt in zwei der fünf Bilder den Blick frei auf eine arkadische Landschaft nach einem Gemälde von Claude Lorrain aus dem 17. Jahrhundert.

Mit den von Klaus Bruns zwischen dem frühen 20. Jahrhundert und heute angesiedelten Kostümen ergibt sich ein opulentes Ambiente, in dem Regisseur Christoph Loy sein intensives Spiel entfesselt. Anstelle des Chores, der – wie auch Teile der Bühnenmusik – von einer Probebühne zugespielt werden, agieren namentlich benannte Schauspieler als ein im Kriegsbild allzu heftig mit roter Farbe besudelter Bewegungschor. Unklar bleibt in der gespielten Zeit jedoch die (auch besungene) Armbrust als Waffe Paolos neben dem Gewehr von Giovanni.

Während eine Strähne Malatestinos blindes, linkes Auge verdeckt, ist Giovanni der Lahme, der auch als ‚Hinkefuß‘ besungen wird, hier keineswegs gebrechlich gezeichnet, sondern – im Gegensatz zu Paolo und Malatestino – vorgerückten Alters. Handgreiflich belästigt wird Francesca von Malatestino, während jene Solistin, die im „Wunder der Heliane“ an dieser Bühne nackt aufgetreten war, in der Liebesumarmung mit Paolo hier im rosafarbenen Unterkleid agiert.

Mit geschmeidig-warmer, voller Stimme und guter Textverständlichkeit gestaltet Sara Jakubiak jene anspruchsvolle Titelpartie, in welcher in der vergangenen Jahrhunderthälfte ihre Kolleginnen Kabaiwanska, Scotto, Zampieri und Filipowa reüssiert hatten. Gefühle für ihren Gatten, wie auch für dessen schönen, jüngeren Bruder, vermag die Sopranistin überzeugend zu verströmen.

Der ob seiner weißen Zähne von den Frauen umschwärmte Paolo ist mit dem sich von lyrischer Geschmeidigkeit zu dramatischer Verve entwickelnden Tenor Jonathan Tetelman erstklassig besetzt. Die Rolle des „fanciullo perverso“ Malatestina d‘Occhio, von den Streichern mit viel col legno unterstützt, verkörpert Charaktertenor Charles Workman eindringlich, szenisch noch intensiviert durch einen mitgeführten, von ihm abgeschlagenen Kopf eines Gefangenen, den er als blutigen Klumpen auf einem Essteller auftischt.

Leichtfüßig zeichnet der Bariton Ivan Inervardi den lahmen Giovanni lo Sciancato, jenseits von Schwarz-Weiß-Zeichnung, als einen in seiner Ehe durchaus milde fühlenden Mann besten Alters, der jedoch politisch engstirnig über Leichen geht.

Der Zaubertränke brauenden Brangäne bei Wagner entspricht bei Zandonai die mehr besungene als selbst singende Sklavin Smaragdi, von Amira Elmadfa hintergründig dargeboten. Ein nur kurzes Bühnenleben hat Francescas jüngere Schwester Samaritana, obgleich man von Alexandra Hutton gerne mehr gehört hätte. Auch Francescas Bruder Ostasio hinterlässt durch Samuel Dale Johnson einen nachhaltigen Eindruck. In Zahl der Dienerinnen gefällt besonders Meechot Marrero als Biancofiore.

Christoph Loys Inszenierung forciert noch die Parallelen zur Handlung von „Tristan und Isolde: Francesca löscht selbst die Leuchte eines fünfarmigen Kerzenständers, woraufhin Paolo bei ihr im Schlafgemach erscheint. In Blue Jeans und Lederjacke mimt der Tenor Dean Murphy als Spielmann die Solo-Violin-Kantilenen und bietet in der Neuinszenierung optisch einen Bogenschlag vom Anfang zum Ende der blutigen Handlung. 

Der Chor hat in Zandonais Partitur häufig eine kommentierende, übergeordnete Funktion. Daher fällt das personelle Nichtvorhandensein der Sänger*innen des von Jeremy Bines einstudierten Chores der Deutschen Oper Berlin nicht störend ins Gewicht fällt. Das Orchester ist wohldisponiert und spielt unter der Leitung von Carlo Rezzi differenziert und luzide. An den irisierenden Mischklängen hat die Celesta einen wichtigen Anteil, und als klangliche Besonderheit kommen in der Bühnenmusik zwei Buccinen zum Einsatz.

Einen noch verstärkten Eindruck vermag diese Produktion in Bälde zu vermitteln. Dann sollte auch allen Mitwirkenden der gebührende Applaus, auf den sie bei dieser digitalen Vor-Premiere ganz verzichten mussten, zuteilwerden.

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