Zwischen Witz und Flaute: Kurzopern der Zwanziger Jahre an der HMT Leipzig


(nmz) -
Vier Musiktheater-Einakter in kompakter Form als Studioproduktion. Wer hätte das gedacht? Paul Hindemith, Karl Amadeus Hartmann und Ernst Krenek erweisen sich als Lernmaterial und Spielwiese ideal, sind aber nicht ganz einfach. Viel Applaus in der Blackbox der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ für die Studierenden auf einem soliden Mittelweg zwischen Situationswitz und Motorik.
03.02.2020 - Von Roland H. Dippel

„Ein Scheusal, mein Mann!“ – Das klingt nur wenig anders als der Satz „Ein Ungeheuer ist mein Mann“ der scheidungswilligen Rosalinde von Eisenstein in der „Fledermaus“. Ersterer entstammt aber einer um 50 Jahre jüngeren Minioper, nämlich aus Paul Hindemiths und Marcellus Schiffers „Hin und Zurück“ von 1927. Dazu nehme man noch „Fürwahr…!?“ und „Die Witwe von Ephesus“ aus dem für ein Münchner Opernstudio 1928 entstandenen und erst bei der 1. Münchner Biennale für Neues Musiktheater 1988 uraufgeführten Einakterzyklus „Wachsfigurenkabinett“ von Karl Amadeus Hartmann sowie Ernst Kreneks zum Schreien komische burleske Operette „Schwergewicht oder Die Ehre der Nation“ um den Sportler Adam Ochsenschwanz (gemeint war mit Augenzwinkern natürlich Max Schmeling).

Sehr gute Idee: Am Beginn der Rückblicke auf die vermeintlich Goldenen Zwanziger Jahre setzte Matthias Oldag vor dem Ende seiner Amtszeit (2019) ein Quartett von Kurzopern aus dieser Aufbruchszeit auf die Position der zweiten Studioproduktion des Studiengangs Gesang/Musiktheater. Einige der mitwirkenden Studierenden schlüpften in mehrere Partien von Werken, die aus der Sekundärliteratur bekannter sind als durch Präsenz auf den Spielplänen. Dabei wäre es sicher reizvoll, zwischen Operettenakten von Kalmán, Lehár oder Abraham eines dieser Ministücke einzufügen. Denn natürlich enthält das frech-trendige Genre Zeitoper operettenhaft-kabarettische Züge und liefert überdies selbstreferentielle Kommentare.

Möglicherweise hätten die Studierenden unter anderer Regie noch spielfreudiger und extrovertierter agieren können als unter der hier sehr formalen Figurenführung, die Handlungsdetails penibel illustriert, aber den derben bis subtilen Witz nur halbherzig auskostet: Karoline Gruber (Mozarteum Salzburg) stellt sich mit dieser Arbeit an der HMT Leipzig vor. Das erregend-aufregende Fluidum, als würde Tosca mit Mackie Messer Charleston tanzen und Jonny mit Saxophon dazu aufspielen, erlebt man in der Blackbox leider nicht. Ästhetik und choreographische Supervision (Claudio Valentim Filho) schienen wichtiger als der erzkomödiantische Gehalt der Partituren, die in der Mechanisierung von erotischen Eskapaden und Dialogwechseln Mittel des Boulevardtheaters nutzen.

Demzufolge reichen Roy Spahn für die Bühne zwei Tische, Stühle und drei als Türen und Fenster multifunktional einsetzbare weiße Rahmen als Deko-Elemente vollauf. Entgehen ließ sich das Produktionsteam die Gelegenheit, für die verschiedenen dramaturgischen Anforderungen szenische Mittel zu finden und mit den jungen Sänger*innen die absurden Überschraubungen bis in Risikozonen der hypertrophen Absurdität zu steigern und dann abzufedern. Ohne Spielwut ist sogar ein Schutzmann mit gelacktem Cap und schwarzen Netzstrümpfen nur die halbe Miete. Tête-à-têtes gelangweilter Ehefrauen und mannstoller Witwen hat man sogar in Lustspielen der frühen Tonspielzeit schon drängender, spitzer, explosiver erlebt. Generell fehlen also die Lust oder der Mut zum dekadent-sarkastischen Exzess. Künstlerische Frechheit unerwünscht?

Dabei zeigt der Tenor Sinje Kim als Schutzmann, Tanz-Meister und zwei weiteren Rollen feine Wandlungsfähigkeit: Noch ist die Stimme nicht ganz fertig, doch er weiß mit seinen zum aktuellen Studienstand verfügbaren Mitteln ganz ausgezeichnet umzugehen. Mariya Valtina zieht als Dienstmädchen, Witwe und „desperate housewife“ an allen Strippen – allerdings ganz nicht mit dem erzkomödiantischen Potenzial, was Plot und Musik hergeben. Von ihr wurde nicht das gefordert, was in diesen Stücken gelernt werden könnte und was gute Operette ausmacht. Dafür gibt es bei der „Witwe von Ephesus“ ein paar Gramm Politik in Form von Transparenten, bis „Er“ (Gabriel Pereira) den Kopf in die gemalte Schlinge des Galgens legen muss. Die Katze (Albertina del Rio) nutzt ihre Auftrittsmöglichkeiten, so gut es geht. Als stumme Tante Emma und als Professorentochter Himmelhuber agierte Marcela Rahal, die am 23. Januar beim Lortzing-Wettbewerb als Preisträgerin vom Lions Club ausgelobte 2500 Euro entgegennehmen konnte. Die Einrichtung für zwei Klaviere (Andreas Korn, Haruka Watanabe) unter Fabio Costa zeigt im Vergleich mit den Orchesterfassungen keinerlei Defizite. Im Gegenteil: Der urbane Slang, das lässig Rotzige und der Moritaten-Ton kommen in der Pocket-Fassung sogar gewitzter und deutlicher. Simon Hegele (Adam Ochsenschwanz u. a.), Anton Haupt (Vater u. a.), Frieder Fiesch (Sohn u. a.) vergrößern das Vergnügen an der Entdeckung dieser Einakter, die man für diverse Anlässe unbedingt im Repertoire behalten sollte.


Kurzopern der Klassischen Moderne: Paul Hindemith (1895-1963): „Hin und zurück“ – Karl Amadeus Hartmann (1905-1963): „Fürwahr …?!“ UND „Die Witwe von Ephesus“ – Ernst Krenek (1900-1991): „Schwergewicht oder Die Ehre der Nation“

Musikalische Leitung: Fabio Costa – Regie: Karoline Gruber (Universität Mozarteum Salzburg) – Bühne/Kostüm: Roy Spahn – Choreographie: Claudio Valentim Filho

Projekt der Fachrichtung Gesang/Musiktheater / 2. Studioproduktion / Hochschule für Musik und Theater Leipzig „Felix Mendelssohn Bartholdy“ am Fr 31.01., 19:30 (besuchte Vorstellung) – Sa 01.02,, 15:00 – So 02.02., 15:00 – Mo 03.02., 19:30, Dittrichring 21 / Blackbox

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