In diesem Jahr feiert der Chorverband Berlin sein 125-jähriges Bestehen. Marleen Hoffmann traf die Präsidentin Petra Merkel und den Geschäftsführer Gerhard Schwab zum Gespräch über die aktuelle Situation und die Aktivitäten des Verbands sowie die Feierlichkeiten zum Jubiläum.
links: Petra Merkel. Foto: Stephan Röhl, rechts: Gerhard Schwab. Foto: Cornelia Lemke
Netzwerk für Austausch und Kooperationen
neue musikzeitung: Eine 125-jährige Verbandsgeschichte beruht oft auf traditionellen und damit meist wenig flexiblen Vereins- und Verbandsstrukturen. Aus welchen Gründen sollten Chöre auch heutzutage Mitglied in einem Chorverband wie dem Chorverband Berlin (CVB) werden?
Petra Merkel: Durch die Mitgliedschaft erhalten die Chöre zum einen bürokratische Unterstützung in Form von Versicherungsschutz und Übernahme der GEMA-Gebühren und zum anderen fördert der Chorverband Konzertprojekte und -reisen finanziell sowie ideell durch Fortbildungsangebote für Chorleitende, Vorstände und Chormitglieder, durch eine Präsenz-Notenbibliothek und Chornoten-Datenbank sowie durch die verbandseigenen Konzertveranstaltungen und Festivals.
Gerhard Schwab: Der Chorverband ist letztendlich ein großes Netzwerk, das den Austausch und Kooperationen der Chöre untereinander anregt und das unterstützen und helfen kann, wo Chöre oft alleine nicht weiterkommen.
nmz: In der Coronazeit haben viele Vereine und Verbände, gerade im Bereich Amateurmusik, Mitglieder verloren. Wie sieht die aktuelle Mitgliederentwicklung aus?
Merkel: Wir haben derzeit über 350 Mitgliedschöre mit über 12.500 Sänger:innen, was tatsächlich mehr sind als vor Corona. Insgesamt geht die Schätzung bis hin zu über 2.500 Chören in Berlin, teils angebunden an andere Verbände und Institutionen. Im CVB sind dabei alle Chorgattungen vertreten: Kirchen- und Schulchöre, internationale oder auch queere Chöre, Jazzchöre und neben den traditionellen Männer-, Frauen- und gemischten Chören auch Kinder- und Jugendchöre sowie Seniorenchören.
Schwab: Gerade bei den Kinder- und Jugendchören sowie bei den Seniorenchören verzeichnen wir eine Zunahme an, während Corona teils digitalen, Neugründungen, sodass der Verband während der Pandemie keine Chöre verloren hat, die Chöre allerdings Mitglieder. Dennoch wollten alle durchhalten und weitersingen.
nmz: Um Mitglied werden zu können, müssen die Chöre ihre Gemeinnützigkeit nachweisen. Ist das noch zeitgemäß?
Schwab: Was die Strukturen angeht, müssen wir unbedingt flexibler werden, zum Beispiel durch kürzere Amtszeiten von Vorständen oder auch durch verschiedene Formen von Mitgliedschaften. Tatsächlich versuchen wir, alle möglichen Chöre erstmal als Interessierte zu gewinnen und gegebenenfalls bei der Vereinsgründung zu helfen. So traten auch Nicht-Mitgliedschöre bei den vom Chorverband organisierten Veranstaltungen wie dem Festival #dabei open air am 5. und 6. Juni auf der Museumsinsel oder dem Seniorenchorfest am 12. und 13. Juni im Britzer Garten auf. So schaffen wir Anreize und erhöhen unsere Sichtbarkeit.
nmz: Welche Entwicklungen im Chorbereich, auch in Bezug auf die Bandbreite an Chören, unterstützt der Verband aktiv?
Schwab: Wir sind derzeit in Gespräch mit interessierten Unternehmen bezüglich der Gründung von Betriebschören, die aufgrund des zunehmenden Stellenwerts des Betrieblichen Gesundheitsmanagements an Bedeutung gewinnen. So sind wir beispielsweise gerade dabei, einen Chor des Abgeordnetenhauses Berlin zu gründen.
Merkel: Außerdem haben wir vor vier Jahren den Berliner Schulchorpreis initiiert, der diesmal an zwei Tagen am 16. und 17. Juni stattfand und an dem in diesem Jahr bis zu 20 Grundschul- und 20 Oberschulchöre teilnehmen konnten. Für den Schulchorpreis konnten wir die Landesmusikakademie Berlin als Kooperationspartner gewinnen. Dabei geht es uns vor allem um das gemeinsame Miteinander und mit Hilfe der Workshops um eine Horizonterweiterung. Alle erhalten eine Medaille und es gibt in vielen verschiedenen Kategorien wie Vielfalt, Performance, Gesamtklang, Outfit oder Ähnliches diverse Sachpreise wie einen Probenbesuch bei einem Profichor oder ein Fotoshooting zu gewinnen. Dabei handelt es sich um ein bis jetzt bundesweit einzigartiges Modellprojekt.
nmz: Wie bewerten sie insgesamt die Stellung des Chorverbands Berlin innerhalb des Deutschen Chorverbands (DCV) beziehungsweise in der Chorszene Deutschlands?
Schwab: Wir sind der Chorverband der Hauptstadt. Wir können uns über eine stabile und gute öffentliche Förderung des Senats und eine mittlerweile gut gepflegte Zusammenarbeit mit der Politik freuen. Außerdem stehen uns in Berlin, anders als in den Flächenbundesländern, tolle Konzertsäle und viele Kooperationspartner im Kultur-und Bildungssektor auf engstem Raum zur Verfügung. Nichtsdestotrotz legen wir einen besonderen Fokus auf unsere Lobbyarbeit sowie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, damit wir in der Masse an Angeboten in Berlin nicht untergehen ganz nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber.
Merkel: Außerdem steht der CVB wie kaum ein anderer Verband in Deutschland für Vielfalt. Laut rbb-Reporter Ulli Zelle ist Berlin wie ein großer Chor, bunt und gemischt und so sind beziehungsweise wollen wir als CVB auch sein. Allerdings haben auch wir besonders in Bezug auf die Integration von Chören mit migrantischem Hintergrund noch Nachholbedarf.
nmz: Wie zeigen Sie diese Vielfalt im Rahmen des 125-jährigen Jubiläums?
Merkel: In diesem Jahr gibt es wie immer neben den hochkarätigen Konzertformaten wie der Sonntagskonzertreihe im Kammermusiksaal der Philharmonie, auch niedrigschwellige Angebote wie die sechs Bühnen, teils open air, teils in Kirchen, bei der Fête de la Musique, wo insgesamt über 2.000 Sänger:innen auftraten, oder den Weihnachtsmarkt auf dem Gelände der Malzfabrik in Berlin-Tempelhof am 12. Dezember. Hinzu kommt zusätzlich die Reihe „12 Bezirke – 12 Konzerte“, bei der sich Chöre jedes Stadtbezirks auf sehr unterschiedliche Art und Weise präsentieren, mal einen ganzen Tag lang im Tierpark oder im Rahmen des Sängerfests Köpenick, mal nachmittags in einem Freiluftkino oder Park oder abends in einer Kirche. Zu den besonderen Jubiläumshighlights zählen außerdem noch das Opernchor-Konzert in der Arena in den Gärten der Welt und das Oratorienchorkonzert am 1. November in der Philharmonie.
Schwab: Außerdem war es uns auch wichtig, unsere vielfältige Verbandsgeschichte näher zu beleuchten, vor allem die NS- und die Wendezeit. Denn gerade in Berlin trafen 1990/91 in besonderer Weise die Ost- und Westberliner Chorszene aufeinander und waren direkt mit der Umsetzung der Wiedervereinigung auf Verbandsebene konfrontiert. In Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Musikwissenschaft der Universität der Künste ist eine Festschrift entstanden, die neben chronologischen Schlaglichtern auch wissenschaftliche Forschungsergebnisse präsentiert. Darauf wiederum fußt auch die aus zehn Tafeln bestehende Wanderausstellung, die in verschiedenen öffentlichen Einrichtungen der zwölf Bezirke Berlins das ganze Jahr über gezeigt wird.
nmz: Gibt es weitere besondere Highlights?
Merkel: Dem Festakt im Roten Rathaus am 22. Juni mit Rednern wie Christian Wulff, Präsident des DCV, und dem regierenden Bürgermeister von Berlin Kai Wegner kam als Würdigung unserer vielfach ehrenamtlichen Leistung natürlich eine besondere verbandspolitische Bedeutung zu, während ich mit meiner Idee des Weltrekordversuchs „#125StundenChor“ vom 21. bis 26. September im ATZE Musiktheater einfach ganz viele verschiedene Chöre einbinden und ein besonderes Event schaffen wollte. 125 Stunden Chormusik, das sind fünf Tage und fünf Stunden Chormusik Non-Stop mit maximal 30 Minuten Programm pro Chor ohne Moderation live gestreamt von ALEX TV. Das schaffen wir nur als Gemeinschaft.
Schwab: Tatsächlich haben sich bereits Chöre nicht nur aus Berlin und Deutschland, sondern sogar aus dem europäischen Ausland dafür angemeldet. Die Teilnahme des RIAS Kammerchors und von Sänger:innen des Rundfunkchors Berlin zeigt außerdem, dass die Kooperation von Profis und Amateuren in Berlin gut funktioniert. Außerdem hat sich die Geschäftsstelle, um auch noch die letzten Spots – denn die Anmeldung läuft noch – meist spätabends oder frühmorgens zu füllen, besondere Mottos für die Nächte überlegt, von einer Strick- und Häkelnacht über einen Maskenball bis hin zu weiteren, mitunter kulinarischen Überraschungen wie einem eigens kreierten Weltrekordcocktail. Schon jetzt ist dieser Weltrekordversuch ein Erfolg, denn wir erhalten unglaublich viel Zuspruch aus der Stadt und darüber hinaus und freuen uns auf viele Gäste aus nah und fern.
Weitere Informationen über den Chorverband Berlin sowie über das Jubiläumsjahr erhalten Sie auf der verbandseigenen Website, im Newsletter, der Mitgliederzeitschrift Berliner Chorspiegel sowie auf den gängigen Social-Media-Kanälen (Facebook, Instagram und TikTok).
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