Antoine Tamestit ist diese Saison artist in residence beim SWR Symphonieorchester. Georg Rudiger hat den Franzosen nach einer Probe im Freiburger Konzerthaus getroffen. Ein Gespräch über den Bratschenboom und seine jüdische Wurzeln, über Tabea Zimmermann und seine besondere Stradivari-Viola.
Antoine Tamestit. Foto: © Philippe Matsas
„Wir brauchen Humor im Leben“ – Antoine Tamestit im Gespräch mit Georg Rudiger
Georg Rudiger/nmz: Sara Kim hat dieses Jahr an der Musikhochschule Bremen zum ersten Mal ein Bratschenfestival mit dem Titel „Viola. Endlich“ veranstaltet. Im letzten Jahr wurde ihr Professorenkollege Nils Mönkemeyer zum Hochschullehrer des Jahres gewählt worden. Gibt es gerade einen Bratschenboom?
Antoine Tamestit: Im Januar fand in Paris der 50. International Viola-Kongress statt. Ich konnte zwar nicht dabei sein, aber beispielweise Tabea Zimmermann, Timothy Ridout und Lawrence Power waren dort. Für mich besteht der Bratschenboom schon seit rund 40 Jahren. Aber eigentlich muss man noch ein paar Jahrzehnte zurückgehen: zu Lionel Tertis, Paul Hindemith und William Primrose. Sie haben das Interesse am Instrument geweckt. Und dann natürlich in der jüngeren Vergangenheit Juri Baschmet, Nobuko Imai, Kim Kashkashian und Tabea Zimmermann. Diese großen Persönlichkeiten haben wirklich das Profil des Solobratschisten, der Solobratschistin verändert. Es gibt einige reine Bratschenfestivals. Die Atmosphäre ist immer locker und entspannt. So wie wir Bratschisten eben sind (lacht).
Sie waren in der Saison 2019/2020 schon einmal „artist in residence“ beim SWR Symphonieorchester. Jetzt wurden Sie für die laufende Saison ein zweites Mal in dieser Funktion engagiert. Welche Beziehung haben Sie zum SWR Symphonieorchester?
Mit dem Orchester fühle ich mich wie in einer Familie. Einige Orchestermitglieder sind Freunde geworden wie Frank-Michael Guthmann oder Anton Hollich. Auch zur Gesamtleiterin Sabrina Haane habe ich ein ganz vertrautes Verhältnis – wir besprechen unsere Projekte sehr langfristig. Sie kennt mein Spiel, mein Repertoire und meine Persönlichkeit. Dass ich in dieser Saison alle Linie 2-Konzerte kuratiere und immer selbst dabei sein kann, ist etwas Besonderes.
Das erste Konzert stand unter dem hebräischen Motto „Sholem-alekhem“, was auf Deutsch „Der Friede sei mit Euch“ heißt. Warum haben Sie mit diesem jüdisch geprägten Konzert angefangen?
Die Idee dafür entstand durch eine Klezmer-Zugabe, die wir vor drei Jahren nach einem Orchesterkonzert unter Teodor Currentzis mit Werken von Marko Nikodijević und Dmitri Schostakowitsch gespielt haben. Dieser Klezmer-Tanz von Serban Nichifor war auch Bestandteil des Linie-2-Konzertes. Ich bin selbst Jude. Religiös bin ich zwar nicht, aber ich habe ein tiefes Verständnis für jüdische Musik, weil ich sie als Kind oft gehört habe. Ich wollte in diesem Programm aber auch klassische Musik spielen wie die Duette „From Jewish Life“ von Ernest Bloch oder die „Rumänische Melodie“ von Max Bruch, der selbst zwar kein Jude war, aber auch ein besonderes Gefühl für diese Musik hatte. Meine Eltern haben das Konzert besucht und waren sehr berührt. So viele Erinnerungen!
Die Musik von Morton Feldman, die im dritten Konzert im Mittelpunkt steht, ist völlig anders. Sie verzichtet ganz auf Virtuosität. Was fasziniert Sie an Feldman?
Es ist extrem schwierig, die Musik von Feldman im Konzert zu spielen. Sie ist so leise und hat so viele Pausen. Es gibt keine Akzente, keine Artikulation. Morton Feldman sucht die Stille. Wenn man sie findet, ist das Publikum begeistert und kommt in einen besonderen Trancezustand. Es gibt keine Zeit mehr, sondern nur Klang. Dieses Konzert ist wirklich ein Experiment.
Beim Abschlusskonzert der Reihe setzen Sie Johann Sebastian Bach in Beziehung zu anderen Komponisten wie Paul Hindemith, Dmitri Schostakowitsch und Alfred Schnittke. Gibt es starke Verbindungen zwischen den Werken?
Auf alle Fälle. In Paul Hindemiths „Trauermusik“ für Viola und Streicher ertönt am Ende der Choral „Vor deinen Thron tret ich hiermit“, den wir zu Beginn und am Ende des Konzertes in zwei unterschiedlichen Vertonungen Bachs spielen. Dann spielen wir den Contrapunctus I und III – die ersten vier Noten sind Grundlage von Alfred Schnittkes Monolog für Viola und Streicher. Und auch Dmitri Schostakowitsch arbeitet auf ähnliche Weise. In seiner Kammersinfonie für Streicher in c-Moll setzt das Viertonmotiv D-Es-C-H die Initialen seines Namens in Musik.
Tabea Zimmermann haben Sie schon erwähnt. Sie kamen am Ende ihres Studiums mit Stationen in Paris und den USA zu ihr nach Berlin.
Ich habe Ihr einen Brief geschrieben, daraufhin hat Sie mich zu einem Meisterkurs eingeladen. Ihre Klasse war eigentlich schon voll, deshalb hatte ich nur einmal pro Monat Unterricht bei ihr, dann aber gleich vier Stunden. Ich musste dafür immer ein komplettes Konzertprogramm vorbereiten. Es ging dann gar nicht mehr um Details oder spieltechnische Fragen, sondern wir haben häufig nur die Musik analysiert, uns verschiedene Fassungen angeschaut. Sie hat mich vorbereitet, ein Profimusiker zu werden.
Sie sind dann auch bald zusammen aufgetreten.
Schon nach wenigen Monaten. Beim ersten Konzert haben wir ein Duo von George Benjamin gespielt, dann das 6. Brandenburgische Konzert von Bach und die Brahms-Quintette gemeinsam mit dem ihrem Arcanto Quartett. Wir haben in wichtigen Konzertreihen gespielt. Im gemeinsamen Musizieren hat Sie mich auch unterrichtet: durch Blickkontakt oder kleine Gesten. Dabei habe ich sehr viel gelernt.
Tabea Zimmermann spielt eine moderne Bratsche von Étienne Vatelot, Sie eine Stradivari, die Ihnen von einer Schweizer Stiftung zur Verfügung gestellt wird.
Ich habe mir zunächst auch eine Vatelot-Bratsche besorgt, nachdem ich Tabea auf dem Instrument gehört hatte. Auf dieser Viola habe ich zehn Jahre gespielt und war sehr zufrieden. Dann wurde ich Mitglied eines Streichtrios mit Frank Peter Zimmermann und Christian Poltera. Beide spielten Stradivari-Instrumente. Der Klang meiner modernen Bratsche passte nicht so dazu. Heinrich Schiff sagte: „Das Trio ist wunderbar, aber der Bratschist braucht ein altes Instrument.“ So kam ich zu der „Gustav Mahler“-Viola aus dem Jahr 1672, die mir seit 2008 von der Schweizer Habisreutinger-Stiftung zur Verfügung gestellt wird. Das ist die älteste Bratsche, die es von Stradivari noch gibt. Er hat bei diesem Instrument ein bisschen experimentiert. Es ist ungewöhnlich breit, besitzt eine weniger starke Wölbung und verwendet für den Boden anstatt Ahorn Pappelholz, das tiefere, warme Obertöne produziert.
War es Liebe auf den ersten Blick?
Nein. Die Bratsche erforderte echte Beziehungsarbeit (lacht). Sie wurde zuvor nicht so viel gespielt – das merkte man. Manche Töne sprachen schlecht an, andere klangen wunderbar. Die Viola war insgesamt instabil. Auch auf Reisen reagierte das Instrument sehr empfindlich. Aber jedes Jahr wurde es besser. Und jetzt bin ich sehr glücklich mit dieser Bratsche.
Was hat die Viola allgemein mit Ihrer Persönlichkeit zu tun?
Ich liebe die Vielseitigkeit. Das Repertoire ist sehr unterschiedlich. Ich kann Solokonzerte und Kammermusik spielen – und auch vieles, das man nicht erwartet. Das passt auch zur mir als Mensch. Ich bin neugierig und werde gerne überrascht. Auch die Bratschenwitze passen gut zu mir und meinen Humor. Wir brauchen Humor im Leben – und vor allem auch Selbstironie. Johann Sebastian Bach hat einmal gesagt, dass er es liebe, Bratschen zu spielen, weil er dann in der Mitte der Harmonie sei. Das mag ich auch sehr.
- Linie-2-Konzerte mit dem SWR Symphonieorchester: „Feldman“, 7.5. (Freiburg, Christuskirche, 20 Uhr), 8.5. (Stuttgart, Im Wizemann, 20 Uhr). „Bach & Nachwelt“, 18.6. (Freiburg, E-Werk, 20 Uhr), 19.6. (Stuttgart, Im Wizemann, 20 Uhr).
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