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l.: Lydia Grün. Foto: Raumfotografin Barbara Meyer-Selinger, m.: Andrea Tober. Foto: Zebu Kluth, r.: Friedrich-Koh Dolge. Foto: privat

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„Wir müssen lauter werden“

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Die „Allianz für außerschulische musikalische Bildung“ im nmz-Gespräch
Vorspann / Teaser

Die Ergebnisse der im November 2025 vorgestellten MiKADO-Musik-Studie waren alarmierend: Der Fachkräf­temangel an Musikschulen ist drama­tisch und würde, wenn nicht gegen­gesteuert wird, dazu führen, dass im Jahr 2035 mindestens eine halbe Mil­lion Kinder, Jugendliche oder Erwach­sene keinen Musikschulunterricht er­halten könnten. Das Gegensteuern zur Aufgabe gemacht haben sich der Deutsche Musikrat (DMR), der Verband deutscher Musikschulen (VdM) und die Rektor:innenkonferenz der deutschen Musikhochschulen in der HRK (RKM). Als „Allianz für außerschulische musi­kalische Bildung“ wollen sie das Pro­blem gemeinsam angehen. Über das Wie haben sich die Präsidentin des Mu­sikrats, Lydia Grün, die designierte Vor­sitzende der RKM, Andrea Tober, und der Bundesvorsitzende des VdM, Fried­rich-Koh Dolge, mit Juan Martin Koch unterhalten. 

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neue musikzeitung: Wie kam es dazu, dass Sie sich in dieser Konstel­lation zusammengetan haben, um die „Allianz für außerschulische musika­lische Bildung“ ins Leben zu rufen? 

Lydia Grün: Die Idee ist im Rahmen der Vorbereitung der Pressekonferenz zur MiKADO-Musik-Studie im Novem­ber letzten Jahres entstanden. Das Be­sondere an der Studie ist ja, dass sie direkt Handlungsempfehlungen ent­hält und zwar für alle Ebenen und han­delnden Akteure, um den Fachkräf­temangel in der außerschulischen mu­sikalischen Bildung anzugehen. Und auf diesen Ebenen kann man nur im Verbund und an vielen Stellschrauben gleichzeitig aktiv werden. Die Allianz ist keine neue Institution, sondern ein kommunikativer Zusammenschluss von bestehenden großen Verbänden in der außerschulischen musikalischen Bildung. Mit dieser gemeinsamen Kraft sind wir auf den diversen poli­tischen Ebenen aktiv. 

Friedrich-Koh Dolge: Die Zahlen ge­ben es ja wieder: Deutscher Musikrat, RKM und VdM – das sind die Player, die einen direkten Einf luss auf die Entwicklung des Fachkräfteman­gels haben. Ganz grundsätzlich brau­chen wir einen Wandel in der gesell­schaftlichen Anerkennung der musi­kalischen Bildung und da schließe ich jetzt wirklich die gesamte außerschu­lische musikalische Bildung mit ein. 

Andrea Tober: Wir sehen eine gemein­same Verantwortung und wollen auch im Kollektiv Lösungen suchen. An den Hochschulen geht es darum, wie wir in den künstlerischen Studiengän­gen auch pädagogische Anteile stark machen können. Wenn man es nicht schafft, eine Solokarriere aufzubau­en oder einen Platz in einem Orchester zu ergattern, wird es ja oft als Versa­gen oder als Rückschritt empfunden, wenn man dann an die Musikschule geht. Aber letztlich ist es doch so, dass auch unsere Studierenden, die tolle Karrieren machen, irgendwann unter­richten und sei es als Professor:in an einer Hochschule. Das heißt, in jedem Fall ist eine pädagogische Qualifika­tion ein Mehrwert. Wir an der Hanns Eisler Hochschule überlegen gerade, wie wir in einem Wahlpflichtbereich verschiedene Profile aufbauen kön­nen. Eines dieser Profile nennt sich dann „Teaching Artist“, was auch das Selbstverständnis der Studierenden ansprechen soll, damit sie das Päda­gogische als einen Teil ihrer künstle­rischen Identität begreifen. 

nmz: Wie soll die Arbeitsaufteilung beim „Drehen der Stellschrauben“ aus­sehen? 

Grün: Wir könnten jetzt in den alten Mechanismus der Zuständigkeiten verfallen und sagen: Der VdM mit Friedrich-Koh Dolge an der Spitze ist für die kommunalen Spitzenverbände zuständig, die RKM mit Andrea Tober für die Bundesländer und die Kultus­ministerkonferenz, und der Deutsche Musikrat für die gesamtstaatliche Ver­antwortung. Aber: Das reicht heute nicht mehr aus. Deshalb haben wir un­sere Strategie geändert. Unser Schul­terschluss ist auch ein Signal an die Politik und an die Administration in Bund, Land und Stadt, wie dringend das Problem ist. Unsere Botschaft ist: Wenn wir jetzt nicht handeln, um dem Fachkräftemangel in der außerschu­lischen musikalischen Bildung aktiv zu begegnen, entsteht ein massiver Flurschaden für das gesamte musi­kalische Leben unseres Landes. Denn im Rückblick muss man sagen: Wir sind zu leise gewesen. Wir müssen lau­ter werden. 

Stellschrauben

nmz: Gibt es schon erste Reaktionen aus den Kommunen, aus den Ländern? 

Dolge: Ja, wir haben von allen drei kommunalen Spitzenverbänden das Signal, dass sie in Sachen Entgelt­gruppenerhöhung und Besserstellung der Musikschullehrenden zumindest unterstützend mit dabei sind. Wir ha­ben auch schon Gesprächszusagen aus drei Bundesländern. 

nmz: Frau Tober, eine der Stellschrau­ben wird ja schon diskutiert und teil­weise praktiziert, nämlich die Hür­den der Eignungsprüfung zu senken oder diese gar auszusetzen. Wie ste­hen Sie dazu? 

Tober: Wir haben als Hochschulen kein Interesse daran, keine ausrei­chend qualifizierten Studierenden an unseren Hochschulen zu haben. Wir haben Anforderungen, Erwartungen, wir wollen Talente für verschiedene Berufsfelder qualifizieren. Das Pro­blem der Quantität können wir nicht durch ein Absenken der Qualität lö­sen. 

Dolge: Ich glaube auch gar nicht, dass die Abschaffung einer Aufnahmeprü­fung dazu führen wird, dass wir sehr viel mehr Studierende im Bereich In­strumental- und Gesangspädagogik haben werden. Nehmen wir einfach mal die Anzahl der Teilnehmenden von Jugend musiziert auf Bundesebe­ne: Wenn alle ersten Preisträgerinnen und Preisträger tatsächlich ein Mu­sikstudium aufnehmen würden, dann hätten wir überhaupt kein Problem mehr. Die Fragestellung, bei der wir ansetzen müssen, ist: Warum studie­ren diese jungen Menschen eigentlich nicht Musik? Noch einmal: Wir müs­sen die Bedeutung der Musik und der musikalischen Bildung in der Gesell­schaft einfach von ihrer Wertigkeit her heben. 

Grün: Die MiKADO-Musik-Studie hat uns auch Anhaltspunkte gegeben, da­rüber nachzudenken, wen die Hoch­schulen erreichen mit ihren Studien­angeboten und wen nicht – Stichwort Rollenvorbilder in einer Einwande­rungsgesellschaft, die wir sind. Da gibt es große Gruppen, die wir im Au­genblick noch zu wenig ansprechen. 

Dolge: Ich würde den Blick gerne auf einen Aspekt des Finanziellen lenken: Im Moment ist es so, dass die öffentli­chen Musikschulen in erster Linie von den Kommunen getragen werden und von den Eltern. Die Kommunen tra­gen 40 bis 50 Prozent der Gesamtkosten, der Anteil der Eltern liegt auch schon um die 40 Prozent. Diese bei­den Gruppen tragen also den Löwen­anteil. Die Bundesländer hingegen lie­gen momentan so zwischen 4,3 und 14,7 Prozent. Da ist noch Luft nach oben, denke ich. Natürlich wollen wir auch den Bund nicht aus der Verant­wortung herauslassen, aber in erster Linie brauchen wir die dringende Un­terstützung der Bundesländer. 

Raus aus dem Pingpong

nmz: Stichwort Bund: Staatsminister Wolfram Weimer hat ja beim Kongress zur musikalischen Bildung in Berlin von einem Schulterschluss gespro­chen und Gesprächsbereitschaft signalisiert. Tut sich da etwas? 

Grün: Ja, seine Worte haben wir noch sehr gut in Erinnerung und sind auf mehreren Ebenen mit seinem Haus im Gespräch. Das Ziel eines Gipfels für die musikalische Bildung im Bun­deskanzleramt haben wir noch nicht abgeschrieben… Die Ebenen müs­sen miteinander verschränkt wer­den. Eine Nachqualifizierungsoffen­sive zum Beispiel würde überhaupt nichts bringen, wenn man da die Lan­desebene mit den Musikhochschulen und die zukünftigen Arbeitgeber, also die Musikschulen mit ihren kommu­nalen Trägern, nicht an der Seite hät­te. Das sind keine Themen, die sich über Nacht lösen lassen, wir müssen dafür sensibilisieren, müssen sie auch erklären. 

Dolge: Wir müssen aufpassen, dass wir nicht wie ein Pingpongball hin-und hergespielt werden, indem es von Seiten des Bundes heißt: Die Kultur-und Bildungshoheit liegt bei den Län­dern. Die Bundesländer wiederum sagen dann: Moment mal, die Musik­schulen sind in kommunaler Träger­schaft, die sollen sich mal anstrengen. Und von Seiten der Kommunen heißt es schließlich: Wir sind am Ende un­serer finanziellen Belastbarkeit, das müssen die Eltern tragen. Das können die Eltern aber nicht mehr. An diesem Beispiel lässt es sich festmachen, wa­rum es eben nicht mehr hilft, auf ei­ner einzelnen Ebene zu arbeiten. Wir brauchen alle gesellschaftlich Verant­wortlichen, um die musikalische Bil­dung in Deutschland wirklich nach vorne zu bringen, dahin, wo sie eigent­lich hingehört. Wir sind eine Musikna­tion, wir sind eine Kulturnation, und da müssen wir wieder hinkommen. 

nmz: In der Argumentation gegenüber der Politik wird gerne darauf verwie­sen, was die Musik alles kann, und das ist ja auch unbestritten. Aber wird das Thema dabei nicht überfrachtet? Ist es für angehende Musiklehrkräfte wirklich motivierend, wenn es heißt, dass sie jetzt auch noch die Demokra­tie stabilisieren, die Sprachförderung anregen, integrativ, transkulturell und inklusiv wirksam sein sollen? Ist das nicht ein bisschen viel? 

Grün: Nein, das finde ich nicht! Das Musikleben, insbesondere die musi­kalische Bildung ist von gesamtgesell­schaftlichem Interesse – und daraus formulieren wir ja auch den Anspruch einer zu großen Teilen öffentlichen Finanzierung. Dazu gehört es dann auch, dass ich mir meiner Position in der Gesellschaft bewusst bin, ob als Künstler oder als Pädagoge oder beides zusammen, als „Teaching Ar­tist“, wie Andrea Tober es formuliert hat. Wir können nicht an dem Punkt stehen bleiben, an dem wir sind. Das ist zu wenig, das reicht nicht. Wir müs­sen erklären, was wir tun und welche Wirkung das hat. 

Dolge: Natürlich geht es auch um Mu­sik, um der Musik willen, und natür­lich hat Musik seinen Eigenwert. Aber Musik, Musikpädagogik hat darüber hinaus noch viele Werte, und ich glau­be, es ist ganz wichtig, dass wir das in der Öffentlichkeit deutlich machen. Bei der Musik geht es um die Kunst, aber es geht auch um die Persön­lichkeitsbildung und darum, die Ge­sellschaft nach vorne zu bringen, zu einem gedeihlichen Zusammenleben in unserer Gesellschaft beizutragen. 

nmz: Wie ist der Fahrplan für die nächste Zeit, welche Ziele peilen Sie an? 

Grün: Wir klopfen bei den zentra­len Türen an, und zwar nicht alleine. Dann ergibt sich aus den Gesprächen in der Regel der nächste Schritt, ein Folgegespräch oder der Übergang zur nächsten Ebene. Wir wollen eine Wel­le erzeugen und das Thema der Musi­kalischen Bildung lange in der Luft halten, auch in Konkurrenz zu vielen anderen existenziellen Fragen, die die Menschen gerade beschäftigen. Das ist ein Marathonlauf.

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