Der Liedermacher wird 90 Jahre alt. Auf der Frankfurter Buchmesse legt er nun seine Tagebücher vor. Es ist der Auftakt zum Biermann-Jahr. Ein Gespräch über seine Kunst, die DDR, die AfD und Israel.
«Mein Blick auf die Welt ist nicht getrübt durch die schreckliche Geschichte meiner Familie»: Mit bald 90 Jahren blickt der Liedermacher und Dichter Wolf Biermann im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur zurück - und auf die aktuelle politische Lage:
Frage: Herr Biermann, die AfD hat in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, aber auch in Berlin bei den Landtagswahlen so stark abgeschnitten wie noch nie. Machen wir es uns zu einfach, wenn wir den Erfolg der AfD uns immer mit der DDR und den Verletzungen der Wiedervereinigung erklären?
Antwort: Es stimmt ja, nur es ist nicht die ganze Wahrheit. So ein Problem ist komplexer, historisch tiefer, aber auch flacher. Und es sind alles Heil-Hitler-Deutsche, egal ob sie aus der DDR oder aus Westdeutschland kommen. Das sind Leute, die geprägt sind von der Zeit, in der nicht nur 33 Prozent Adolf Hitler gewählt haben, damit er an die Macht kommt, sondern am Ende der Katastrophe über 90 Prozent immer noch «Heil Hitler» geschrien und mit dem Führer erst gebrochen haben, als er sich umgebracht hatte und die totale Niederlage passierte. Ja, und das sitzt natürlich tief im Körper, in der Seele dieser Menschen.
Frage: Wird dieser Wunsch nach Autorität von Generation zu Generation weitergegeben?
Antwort: Es gibt solche sozialen und politischen, moralischen Krankheiten, die vererben sich oft auf sehr komplizierte Weise. So kommt es, dass jedes Volk seine politische DNA hat, die es in sich trägt in bestimmten Zeitläufen. Ob gerade Krise ist, ob gerade Hunger herrscht oder Wohlstand wütet. Das hat dann wieder einen Einfluss und schleudert die Menschen dann in diese oder jene Schiefheit. Aber gleichzeitig sind sie alle geprägt durch ihre kleine Weltgeschichte, in diesem Fall der Deutschen. Das gilt auch für mich. Ich entkomme meiner Lebensgeschichte, in die ich hineingeboren wurde, auch nicht. Etwas kindlicher gesagt: Kein Vögelchen kann sich das Nest aussuchen, in dem es ausgebrütet wird.
Frage: Haben Sie heute, mit fast 90, noch eine politische Heimat, also eine Partei, der Sie sich nahe fühlen? Gehen Sie wählen?
Antwort: Ja, ich bin immer mal wählen gegangen. Dort, wo es wirklich eine Wahl gibt. Man wählt immer, das ist das Wesen der Demokratie.
Frage: Sie haben erlebt, was es heißt, in einer Diktatur zu leben. Was löst es in Ihnen aus, wenn Leute heute sagen: «Wir leben in einer Meinungsdiktatur. Wir dürfen nicht alles sagen»?
Antwort: Na ja, Lügner sind das ohnehin. Es ist eine kindliche Lüge. Aber sie ist nicht nur kindlich, sie ist auch schäbig. Weil es ja keine Kinder mehr sind. Und sie kämpfen gegen eine Diktatur, die es nicht gibt. Also sind sie nebenbei auch noch Feiglinge. In der wirklichen Diktatur ist es sehr teuer, kostet viele das Leben.
Frage: Wenn man Ihr Haus betritt, sieht man das Foto Ihres in Auschwitz ermordeten Vaters Dagobert an der Wand. Sie schreiben in Ihren Tagebüchern, Sie müssten täglich an Auschwitz denken, weil andere zu selten daran denken. Gibt es aber für Sie einen Punkt, an dem die Erinnerung an Auschwitz auch den Blick auf die Gegenwart verstellen kann?
Antwort: Mein Blick auf die Welt ist nicht getrübt durch die schreckliche Geschichte meiner Familie. Ich bin ja der einzige Überlebende dieser Biermann-Familie. Die sind alle 1941 von Hamburg aus mit der Deutschen Reichsbahn nach Minsk deportiert und alle in die Grube geschossen worden.
Mein Vater lebte zwei Jahre länger, weil er nicht nur Jude war, sondern Widerstandskämpfer. Als er 1943 entlassen wurde, weil er seine Strafe abgesessen hatte, kam er als Jude nach Auschwitz und wurde sofort ermordet. Natürlich hat das mein Leben geprägt. Ja, ich denke viel daran. Aber wie Sie auch hier sehen können, ich denke auch an viele andere Dinge, die mit Auschwitz und meinem Vater und mit diesem ganzen Elend nichts zu tun haben. Wenn das anders wäre, dann würde ich jetzt nicht hier sitzen und mir Geschichten erzählen. Dann würde ich mir vor Kummer das Herz herausreißen.
Frage: Reißt es Ihnen dann das Herz heraus, wenn Menschen das Wort Genozid verwenden, um die Lage in Gaza zu beschreiben?
Antwort: Ah, Netanjahu und seine Lemuren! Lemuren sind die Helfer des Teufels in Goethes «Faust». Was sie jetzt in Israel im Gazastreifen machen, ist natürlich kein Genozid, aber es ist ein Kriegsverbrechen. Ohne Wenn und Aber! Das tut vielen Menschen auf der Welt weh. Aber mir doppelt und dreifach.
Frage: Sie haben 1965 geschrieben, Antisemitismus sei nicht mehr salonfähig. Spätestens seit Gaza sind antisemitische Chiffren und offener Antisemitismus zu erleben. Verliert sich die historische Scham völlig?
Antwort: Das funktioniert deswegen so gut, leider, weil die schlimmsten und gefährlichsten Antisemiten im Moment in Israel leben und dabei sind, dieses Land in einen reaktionären, brutalen Unterdrückerstaat zu verwandeln. Die Hoffnung auf ein demokratisches, menschliches Israel, das ich noch erlebt habe, als ich dort anfing, Konzerte zu geben, ist dahin. Ich habe mit meinen DDR-Augen auf dieses Land geschaut und gedacht: Das ist das einzige Land, in dem wirklich ein Sozialismus aufgebaut wird, den die Bonzen der Partei uns immer versprochen haben. Und jetzt kippt das ins zynische Gegenteil.
Ich bin doppelt und dreifach verzweifelt darüber, weil mein Sohn Felix gegen meinen Rat zum Judentum konvertiert ist. Als er diesen Schritt machte, sagte ich: Felix, du bist jüdisch genug, du musst nicht konvertieren. Die Konvertiten sind oft schrecklich übertriebene Leute. Du bist ein Mensch. Das reicht. Er lebt jetzt dort mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Tel Aviv.
Frage: Vor Ihrem 90. Geburtstag kommen Ihre Tagebücher heraus, die Sie am 7. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse selbst bei einer großen Veranstaltung vorstellen. Woher stammt der Titel: «Ihr löscht das Feuer mit Benzin»?
Antwort: Den Titel hat meine Frau Pamela erfunden, genauer gesagt: Es ist eine Zeile aus einem Spottlied, das ich damals in der DDR gegen die Bonzen der Partei geschrieben habe. «Das Feuer mit Benzin. Ihr löscht den Brand nicht mehr. Ihr macht, was ihr verhindern wollt. Ihr macht mich populär», schrieb ich, als ich verboten war. Und die Pamela hat diesen Titel jetzt rausgefischt. Für das Buch sehr treffend, weil er ziemlich aktuell ist für vieles, was auf der Welt passiert.
Frage: «Kommunist, Arbeiterkind und Judenkind», beschreiben Sie sich selbst. Waren die Funktionäre der SED-Parteiführung deshalb eher gehindert, gegen Sie vorzugehen?
Antwort: Es war genau umgekehrt: Wenn in der eigenen Familie jemand etwas macht, was einen ärgert, empfindet man das als besonders schlimm.
Frage: Tagebücher sind etwas sehr Intimes, in denen man versucht, die Welt für sich zu ordnen und Dinge mit sich auszumachen. Warum veröffentlichen Sie diese Aufzeichnungen?
Antwort: Wenn einer, dem es gelingt, schöne Gedichte und Lieder zu schreiben, die andere Leute gut brauchen können, dann wird es bei Tagebüchern natürlich interessant. Wie war der Stoffwechsel dieses Menschen mit der Welt, in der ich auch lebe? Die wollen wissen, wie hat der reagiert auf das und das? Und wie spiegelt sich das wider in seinen Liedern und Gedichten, die ich kenne?
Und weil ich das selbst gar nicht wissen kann, bin ich froh, dass der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der mehr versteht von der deutschen Geschichte als ich, die Tagebuch-Passagen ausgewählt hat. Ich habe mich nicht eingemischt in meine eigenen Angelegenheiten, weil ich schon weiß, das wird nur schlechter. Ich kann das gar nicht. Es ist mir viel zu nahe. Also freue ich mich, dass ihm das gelungen ist.
Ein Kompendium dieser Jahre zwischen Mauerbau und Mauerfall, könnte man sagen über den Stoffwechsel von diesem kleinen Drachentöter Biermann mit seinem Holzschwert, auf dem allerdings sechs Saiten klingen. Das ist die Gitarre.
Frage: Zum 90. Geburtstag und zum 50. Jahrestag der Ausbürgerung aus der DDR erscheinen neben den Tagebüchern der Lyrikband «Mit uralten Kinderaugen» und ein wieder aufgelegtes, in der DDR verbotenes Kinderbuch, «Der kleine Herr Moritz». Dazu kommen zwei neue Alben und eine Konzerttournee, der Dokumentarfilm. Man kann von einem «Biermann-Jahr» sprechen, oder?
Antwort: Am Ende zählt, wie Helmut Kohl in seiner dumpfen Art sagte, was hinten rauskommt. Wenn mir ein paar gute Lieder und Gedichte gelungen sind, kann ich nach so vielen Jahren froh sein.