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Atonale Musik für alle. Eine Intitiative der inm berlin. Foto: Hufner

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Zehnter „Monat der zeitgenössischen Musik“ – Nils Kubenka im Gespräch mit Lisa Benjes

Vorspann / Teaser

2016 initiierte Lisa Benjes in Zusammenspiel mit der „Initiative Neue Musik“ (inm) die Plattform „field notes“ mit dem Ziel, die Sichtbarkeit und Vernetzung der florierenden und kreativen, gleichzeitig aber dezentralen und bis dato unüberschaubaren zeitgenössischen Musikszene Berlins zu steigern. Mit eigenem field notes Magazin, einem umfangreichen Web- und Social-Media-Auftritt und nicht zuletzt dem alljährlichen „Monat der zeitgenössischen Musik“ (MdzM) als eigenes Veranstaltungsmedium arbeiten Lisa Benjes und das „field notes“-Team seit nunmehr zehn Jahren daran, der Berliner Szene mitsamt ihren Anliegen und Botschaften eine größere Öffentlichkeit zu ermöglichen. Im Vorfeld des zehnjährigen Jubiläums des MdzM trafen wir uns mit Lisa Benjes und haben über das, was sich in Berlin und der zeitgenössischen Musik in zehn Jahren alles verändert hat, gesprochen.

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nmz: Seit 2016 veranstaltet „field notes“ Jahr für Jahr den „Monat der zeitgenössischen Musik“. Welche Rolle spielt der MdzM im Programm der „field notes“?

Lisa Benjes: Der Monat der zeitgenössischen Musik ist gewissermaßen der sichtbarste Teil des „field notes“-Programms. Während wir mit dem Magazin, der Website, Beratungen, Workshops und Konferenzen unterschiedliche Bereiche der Szene begleiten, bringt der MdzM die Vielfalt der zeitgenössischen Musikszene einmal im Jahr ins Licht der Öffentlichkeit. Er ist kein Festival im klassischen Sinn, das von uns kuratiert wird, sondern ist wie field notes selbst als Plattform gedacht, sodass die Ensembles, Künstler:innen, Festivals und Veranstalter:innen ihre eigenen Veranstaltungen einbringen können. field notes schafft dafür den gemeinsamen Rahmen, koordiniert das Programm und macht es übergreifend sichtbar.

Wir achten darauf, die Anmeldung für die Teilnahme am MdzM so voraussetzungsfrei wie möglich zu halten und schauen nur darauf, dass sich die Konzerte stilistisch im Bereich der „zeitgenössischen Musik“ bewegen, allerdings arbeiten wir bewusst mit einem sehr weit gefassten Begriff davon. Es ergibt sich dadurch jedes Jahr eine tolle Mischung aus großen etablierten Künstler:innen, Ensembles und Bühnen sowie auch jüngeren und vielleicht noch nicht so bekannten Gesichtern und Klängen. Das Schöne für uns und das Publikum an dieser Herangehensweise ist, dass der MdzM dadurch zu einer Art Gradmesser für neue Strömungen und Tendenzen innerhalb der Szene wird.

nmz: Wie hat sich denn die zeitgenössische Musik innerhalb der letzten zehn Jahre stilistisch verändert?

Benjes: Ich würde gar nicht sagen, dass es den einen stilistischen Wandel gibt. Vielleicht ist eher das Feld selbst durchlässiger geworden. Wenn man sich anschaut, was in den vergangenen zehn Jahren im Monat der zeitgenössischen Musik stattgefunden hat, begegnen einem neben komponierter Neuer Musik Improvisation, experimentelle Clubmusik, Klangkunst, Musiktheater, Elektronik oder performative Formate. Die Grenzen zwischen diesen Bereichen sind weniger wichtig geworden – oder zumindest werden sie von vielen Künstler:innen nicht mehr so streng gezogen. Auch über die Konzertformate wird stärker nachgedacht: Wie lässt sich Musik heute präsentieren, und welche Bedingungen schaffen neue Formen des Hörens? Die stilistische Öffnung geht mit einer sozialen und politischen Öffnung einher. Fragen danach, wer Musik macht, für wen sie gemacht wird, unter welchen Bedingungen Künstler:innen arbeiten und wie Macht und Ressourcen innerhalb des Kulturbetriebs verteilt sind, spielen heute eine größere Rolle. Auch das verändert natürlich, welche Musik entsteht und wie sie präsentiert wird.

nmz: Dieses Jahr findet im Rahmen des MdzM zudem das erste ENSEMBLEFEST statt. Handelt es sich dabei sozusagen um ein Festival im Festival? Wie genau hebt sich das ENSEMBLEFEST vom MdzM ab?

Benjes: Das ENSEMBLEFEST ist ein unabhängiges Festival, das ein Wochenende lang den MdzM eröffnet. Wir wählen jedes Jahr ein Projekt für die Eröffnung aus und zur Feier des 10. Jubiläums haben wir das ENSEMBLEFEST initiiert, welches – inspiriert durch das Pariser „Festival Ensemble(s)“ – in ganz enger Zusammenarbeit mit der Szene entstanden ist. Wir hatten mehrere Treffen, in denen wir zusammen mit den Ensembles überlegt haben, wie ein solches eigenes Festival der Szene aussehen könnte und organisiert sein müsste. Das ENSEMBLEFEST wurde bewusst nicht von der inm beantragt, sondern es wurde ein eigener Verein gegründet, sodass das Festival unabhängig ist und sich in Zukunft selbstständig machen kann.

nmz: Hat sich eure Arbeitsweise seit der Gründung vor zehn Jahren insgesamt verändert?

Benjes: Wir hatten 2016 mit gedruckten Konzertkalendern angefangen, dann kamen Workshopangebote und die jährliche Konferenz dazu, die wir jedes Jahr mit der Akademie der Künste zusammen ausrichten und heute ist die internationale Vernetzung ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Die ersten Jahre war es noch ein sehr anstrengender und langwieriger Weg. Nach fünf Jahren konnte man dann aber richtig merken, wie man mehr und mehr die Früchte der Arbeit ernten konnte. field notes war den Leuten auf einmal ein Begriff, Türen sind überall leichter aufgegangen, man war überallhin vernetzt. Die Fünfjahresmarke war wirklich ein Wendepunkt.

Vielleicht haben wir früher mehr rumexperimentiert und sind die Dinge spielerischer angegangen, heute sind wir etwas „professioneller“. Die Ressourcen sind so knapp, dass wir uns streng auf das fokussieren müssen, was sich über die Jahre bewährt hat.

nmz: Wie genau sieht diese internationale Vernetzung, von der du sprachst, aus?

Benjes: Wir haben es über die Jahre glücklicherweise geschafft, ein umfangreiches und internationales Netzwerk aufzubauen. Wir bieten zum MdzM ein Gastprogramm an mit Führungen zu wichtigen Konzertstätten und Gesprächen mit Kurator:innen und Künstler:innen. Dieses Jahr erwarten wir zum MdzM 60 Gäste aus dem Ausland. Auch unsere „Time to Listen“-Konferenz zieht immer mehr internationale Gäste an.

nmz: Was waren für dich Highlights aus zehn Jahren „field notes“ und „Monat der zeitgenössischen Musik“?

Benjes: 2017 haben wir ein schönes Publikumsgespräch mit dem Künstler Ed Atkins und der Komponistin Rebecca Saunders veranstaltet. Sie hatten eine tolle Chemie miteinander und fanden schnell gemeinsame Themen wie ihre Leidenschaft für Beckett. Seitdem hat Rebecca Saunders mehrfach Werke zu Arbeiten von Atkins komponiert, zuletzt die Oper „LASH“ auf einer Textgrundlage von Atkins.

Eine weitere besondere Veranstaltung war eine Kundgebung im Rahmen von „Time to Listen“ für mehr Klimaschutz und nachhaltiges Handeln und zugleich gegen die parallel stattfindende Demonstration der AfD. Es war ein Wunsch aus der Szene, gemeinsam aktiv zu werden, statt immer nur zu reden. Wir haben zusammen eine Klangaktion von Kirsten Reese entwickelt und Plakate und Transparente gebastelt, die dann bei der Kundgebung zum Einsatz kamen. Mir schlotterten ein bisschen die Beine, als ich auf dem Pariser Platz zwischen einer Gruppe Reichsbürgern und Hundertschaften alles vorbereiten sollte. Aber als dann unsere Demonstrierenden mit einer Besenperformance von katrinem über den Platz getänzelt sind, hat sich tatsächlich die Stimmung auf dem ganzen Platz verändert. Ob die Straße nun wirklich unser vertrautestes Terrain ist, sei dahingestellt.

Das nächste Highlight wird sicher das ENSEMBLEFEST!

nmz: Betrachtet ihr eure Arbeit also auch als eine politische?

Benjes: Auf jeden Fall! Auf direkte und indirekte Weise: Die inm ist nicht nur eine Fördereinrichtung, sondern macht auch Lobbyarbeit für die Interessen der neuen Musik. Diese politische Arbeit des Vorstands flankieren wir über unseren Kommunikationskanäle. Unser Magazin geht zum Beispiel auch an Berliner Politiker:innen. Indirekt wird unsere Arbeit politisch, indem wir die freie zeitgenössische Musikszene so darstellen, wie sie ist: unglaublich vielseitig, professionell und ganz nah an gesellschaftlichen Themen – fernab von Klischees über eine elitäre Nische und Vorurteilen über die „Freie Szene“.

Letztlich geht es uns immer darum, die Rahmenbedingungen zu verbessern, unter denen zeitgenössische Musik entsteht.

nmz: Zum Abschluss: Wie soll es den field notes und der freien zeitgenössischen Szene insgesamt in zehn weiteren Jahren – zum 20. Jubiläum des MdzM – gehen?

Benjes: Wenn man sich momentan die Wahlergebnisse und -prognosen anschaut, bei denen Rechtspopulisten erfolgreich sind, die teils explizit gegen die moderne Kunst- und Kulturszene wettern, ist natürlich unser tiefster Wunsch, dass es die Szene in dieser diversen Form wie heute dann überhaupt noch gibt.

Ansonsten reflektieren wir selbst fortwährend, ob es unsere Arbeit für die derzeitigen Bedürfnisse der freien Szene überhaupt noch braucht. Es hat sich seit Gründung der field notes glücklicherweise schon viel zum Positiven entwickelt, was die Sichtbarkeit und die Finanzierung der freien zeitgenössischen Musik in Berlin angeht, allerdings verschieben sich die Herausforderungen auch kontinuierlich und es kommen neue hinzu. Ich denke, wir konnten auch in jüngerer Zeit noch Akzente setzen und Projekte initiieren, die den Musiker:innen der Szene wirklich zugutekamen und hoffe, dass uns das auch in zehn Jahren noch gelingen wird.

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