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Nachruf auf Jürgen Kesting, den „Stimmen-Papst“ von Dieter David Scholz

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Ich hatte Jürgen Kesting als „Klassik zum Frühstück“-Kollegen im SFB kennengelernt und mit ihm öfter zusammengearbeitet. Einmal hatte ich ihn sogar in Hamburg besucht, wo er recht großbürgerlich mit einer wohlhabenden Ärztin im schönen, eleganten und teuren Harvestehude zusammenlebte.

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1986 brachte der Journalist (ehemals war er Feuilletonleiter beim Stern) und Musikkritiker eine dreibändige Geschichte der Großen Sänger heraus. Nach dem sechsbändigen Sängerlexikon von Kutsch-Riemens wurde es das Nonplusultra in Sachen Gesang. Später hatte er sie sogar um einen Band erweitert und als vierbändige Neuausgabe auf den Markt gebracht.

Für Viele galt Jürgen Kesting als der „Stimmen-Papst“ schlechthin. Manche Sänger hingegen belächelten ihn als „Hals-Nasen-Ohren-Archäologen“. Zweifellos war Jürgen Kesting einer der profundesten Kenner der Sängerstimme und der führende deutsche „Gesangskritiker“. Und er war ein Meister der Sprache. Seine Rundfunksendungen und Zeitungsartikel (nicht zuletzt in der FAZ) waren gefragt. Seine Urteile wurden geschätzt, aber auch gefürchtet. Eine Reihe von interessanten Porträts und Interviews entsprangen seiner Feder. Über Maria Callas hatte Jürgen Kesting 1990 ein viel beachtetes Buch geschrieben und später eine sehr erfolgreiche ARD-Radioserie produziert.

Mit der „Diva aller Diven“, wie er sie nennt, mit Adelina Patti, der Nachtigall aus Madrid, die noch von Giuseppe Verdi bewundert wurde, beginnt sein waghalsiges Mammutwerk über die Geschichte der Sänger und der Gesangskunst. Sechsunddreißig Kapitel gibt es. Die meisten werden mit einem Essay eingeleitet, in dem es um Begriff und Geschichte des Belcanto und um die verschiedenen französischen, italienischen und deutschen Gesangsschulen geht, aber auch um Praxis und Geschäft des Opernlebens, die Vermarktung von Stimmen, deren Voraussetzungen und den Wandel des Geschmacks. Jürgen Kesting hat allerdings kein Sängerlexikon, keine Enzyklopädie vorgelegt. Seine Sängergeschichte will er – wie er mir im Gespräch versicherte – eher verstanden wissen als ...

„… eine ästhetische Geschichte des Singens, eine Methodik des Singens, was die Technik angeht und eine Sozialgeschichte des Singens (verstanden wissen), auch daran abzulesen, dass es viele Glieder in der Darstellungskette gibt, die sich mit Karajan, mit Mahler, mit Toscanini, mit Rudolf Bing, mit der Entwicklung des Opernbetriebs beschäftigen.“

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“, zitiert Jürgen Kesting Thomas Mann. Das Zitat ist fast so etwas wie ein Motto, unter dem die vier Bände gelesen werden können. Sie dokumentieren, illustrieren und veranschaulichen verloren gegangene Traditionen, aber auch deren Wiederentdeckung in unserer Zeit. Gerade was die Kunst des Belcanto Rossinis oder Donizettis angeht. Man denke nur an Sänger wie Marilyn Horne, Kesting nennt sie die „größte Sängerin der Welt“, oder an Juan Diego Florez, einen „Belcanto-Prinzen“. Auch wenn es für Kesting natürlich favorisierte und weniger favorisierte Sänger gibt, Christa Ludwig etwa nennt er „die Herrlichste von allen“, Franco Corelli den „Burt Lancester der Opernbühne“, Anna Netrebko tut er dagegen als „Cindy Crawford der Oper“ ab, so schreibt er doch nicht billig über „goldene Stimmen“, Idole oder abschreckende Beispiele falschen Singens. Das natürlich zuweilen auch. Und bei ruinierten Stimmen nimmt Kesting kein Blatt vor den Mund.

Sängerischer Stil war für Kesting immer die Symbiose von Technik und Musik. Seine Hauptthese: „Bei wahrhaft großen Sängern vollzieht sich die Darstellung primär im Gesang.“ Deshalb stützt er sich auch lieber auf distanzierende, objektivierende Schallplatten als auf reale Bühnenerlebnisse. Was ihm manche Sänger verübelten.

„Ein Darstellen im Singen meine ich im Sinne von Wagner, der gesagt hat: Ich muss so singen, dass ich den Mimus der Figur im Klang, in der Klanggeste erkennen kann. Das ist eigentlich das wahre, große Singen. Und alle Sänger, die sich dem Hörer eingeprägt haben und einprägen, Enrico Caruso, Fjodor Schaljapin, Tita Ruffo, Maria Callas, Rosa Ponselle, Jussi Björling, sie alle zeichnen sich dadurch aus: Der Klang ist das Gesicht dieser Stimmen.“

Maria Callas, die ihn jahrelang beschäftigte, ist natürlich ein besonders umfangreiches Kapitel gewidmet: „Die Ära der Callas“. Fast hundert Seiten umfasst es. „Der Gedanke, der dahinter steht ist der: Es hat drei richtungsweisende Sänger gegeben, was die italienische Oper angeht, nämlich Caruso auf der einen Seite, Schaljapin als der Sängerdarsteller, der diesem modernen Typus, überhaupt den Sängerdarsteller, einen Christoff, einen Gobbi möglich gemacht hat und die Callas, die eine verloren gegangene Technik zurück gewonnen hat durch die Renaissance der romantischen Belcanto-Oper. Ohne die Callas wären Sänger wie Renata Scotto, Raina Kabaivanska, Leyla Gencer und Montserrat Caballé, um nur einige zu nennen, kaum denkbar.

Jürgen Kestings großes Verdienst ist es, dass er nicht nur sängerische Traditionslinien, sondern auch stilistische Aufbrüche und Rückbesinnungen verdeutlichte, Initiativen und ihre Folgen, und zwar in England, Russland, Amerika, Italien und Deutschland. Was er über Richard Wagners Anschauungen vom Singen, über Bayreuther Stil, aber auch den Niedergang heutiger Bayreuther Gesangskultur, über Verdis Credo des Singens wie über alle andere wegweisende Gesangstheorien und gesangsgeschichtliche Epochen zusammengetragen hat, ist faszinierend und in dieser Ausführlichkeit beispiellos.

Allein die Fülle seiner Zitate ist überwältigend. Kesting hat unendlich viel gelesen. Rares Fotomaterial und so entlegene wie erhellende Kostproben aus biographischer und autobiographischer Sängerliteratur machen diese vier Bände zu einem unschätzbaren Wissens-Kompendium. 

Geboren wurde Jürgen Kesting am 26. Juli 1940 in Duisburg. Er hatte Germanistik, Anglistik und Philosophie studiert. Kesting etablierte sich rasch in der Phonoindustrie, dann im Journalismus. Seine Biographie über Maria Callas machte ihn berühmt. Seine vier Bände über die großen Sänger wurden zum Standardwerk. Am 7. Juni 2026 ist der präzise analysierende wie begnadet sprachkräftige, alle Phrasendrescherei stets verachtende Stimm‑Fetischist im Alter von 85 Jahren gestorben.

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