Auf der Bühne ist alles nur Fake: Erdachte Geschichten und Träume, gespielt (!) von Schauspielern. Das Schlimmste aber sind die Kulissen – nicht einmal die Bäume sind heute mehr aus Holz. Tief im Inneren sind sie aus einer Stahlkonstruktion gebaut – diese gibt ihnen eine größere Stabilität und macht sie auch leichter, als dies früher mit „echten“ Bäumen der Fall war. Hergestellt werden diese Kulissen oftmals in eigenen Theaterwerkstätten. Friederike Rosemeyer vom Staatstheater Braunschweig hat kürzlich ihre Lehre als beste niedersächsische Absolventin abgeschlossen.
Siegerehrung der „Deutschen Mannschaft im Handwerk“. Gewinnerin bei den Metallbauern ist in Niedersachsen Friederike Rosemeyer, die ihre Ausbildung am Staatstheater Braunschweig absolviert hat. © Torben Röhricht Photography
Bäume mit Stahlherz – Staatstheater Braunschweig bei „Deutscher Meisterschaft im Handwerk“ erfolgreich
Ein kleines in sich abgeschlossenes Universum sind ein Theater oder ein Opernhaus. Ein Universum, in dessen Zentrum eine Bühne steht, auf der für das geneigte Publikum Geschichten erzählt, Lieder gesungen, Illusionen und Unterhaltung hervorgezaubert werden. Viel mehr nehmen die Besucher einer Aufführung vom Gesamtkonzept Theater auch nicht wahr, vielleicht noch die Kartenabreißer und Platzanweiser, die Bedienungen in der Gastronomie. Ein Theater aber ist viel mehr! Von der ersten Idee, ein Stück auf die Bühne zu bringen, bis hin zur Premiere wird in vielen Abteilungen des Theaters gedacht, ver- und gehandelt und gewerkelt. Insbesondere in den größeren Theatern wird das Allermeiste, was nachher die Aufführung ausmacht, mit eigenen Mitteln am Haus selbst produziert.
Am Staatstheater Braunschweig wurde kürzlich Friederike Rosemeyer nach ihrer Gesellenprüfung als Metallbauerin im Rahmen der „Deutschen Meisterschaft im Handwerk“ als beste niedersächsische Absolventin ihres Jahrgangs ausgezeichnet und hat sich mit dieser Auszeichnung auch für den Bundeswettbewerb qualifiziert. Rosemeyer steht für die vielen Hände in vielerlei Werkstätten, die unsichtbar hinter der Bühne das vorbereiten, was dann einst als Bühnenbild einen nicht unerheblichen Teil einer Inszenierung ausmacht. Rosemeyers Erfolg steht aber auch für den Ausbildungsbetrieb Staatstheater Braunschweig, der Gesellen und Gesellinnen hervorbringen kann, die absolut auf dem Höchststand der derzeitigen Technik ihres Berufsstandes stehen.
„Man muss schon ein bisschen Interesse am Theater und an künstlerischen Dingen haben, wenn man bei uns in die Lehre gehen will“, sagt Anne Belatra, Leiterin der Werkstätten am Staatstheater Braunschweig. Deshalb müssen die Bewerber – durchaus untypisch für angehende Tischler und Metallbauer – Mappen mit Ideen und Entwürfen einreichen, etwas, was man sonst eher aus dem künstlerischen Bereich kennt. Dafür stellen die Mitarbeiter in den Theaterwerkstätten auch nicht Fenster, Türen und Treppen in Serie her. In den Theaterwerkstätten ist jedes Werkstück immer wieder ein Einzelstück, ein Unikat, das für einen ganz bestimmten Ort auf der Bühne oder eine ganz bestimmte Situation in einer konkret anstehenden Inszenierung angefertigt wurde.
Bühnenbau
Sicher ist manches in einer Theaterwerkstatt anders als in einem handwerklich orientierten Betrieb in der freien Wirtschaft. Jeder einzelne Mitarbeiter ist im Theater in seiner Kreativität und seinem Einfallsreichtum sicher mehr gefordert, als ein Kollege, der Tag für Tag zum Beispiel immer nur Fenster und Türen in vorgefertigte Löcher in der Wand einbaut. Andererseits hat der Letztere sicher mehr Erfahrung und Routine in Standardprozeduren seines Berufsstandes. Auch hat er wahrscheinlich eine breitere Kenntnis über Materialien und ihre Möglichkeiten der Verarbeitung, als jemand, der immer mit billigen Materialien arbeitet. Manches in Theaterwerkstätten ist eben, anders als eine Haustür im privaten Heim, nicht für die Ewigkeit hergestellt und wird nach einer Spielzeit wieder demontiert oder entsorgt.
Manches hat sich im Laufe der Jahre im Bühnenbau verändert. Sicher musste es schon immer für alle sein – für die Erbauer und nachher für die Akteure auf der Bühne! Günstig durfte es gern sein. Aber auch die Beweglichkeit der einzelnen Kulissenteile sollte irgendwie handhabbar sein. Hatte man früher viel mit Holz gebaut, werden heute mehr Stahlkonstruktionen gebaut. Diese sind gerade auch in den tragenden Teilen stabiler als ihre Holzvorgänger – und sie sind vor allem auch leichter. Mehrgeschossige Gebäude oder Bäume haben heute quasi ein Herz aus Stahl – etwa 10 km Stahlstangen sind im Staatstheater Braunschweig in der vergangenen Spielzeit verbaut worden.
Ausbildung
Die Lern- und später auch Prüfungsinhalte im Theater und in der freien Wirtschaft sind bei den Ausbildungsberufen letztlich gleich. Der Gesellenbrief hat den gleichen Wert, egal wo man seine Lehre absolviert hat. Die Erfahrungen sind andere. Das erzählt Rosemeyer dann auch vom Bundeswettbewerb: „Da war ich einfach nicht gut genug. Ich wusste zwar, wie manche Dinge gehen. Natürlich! Aber die Kollegen hatten diese Dinge in ihrer Ausbildung eben sehr viel öfter gemacht als ich. Da konnte meine Erfahrung nicht mithalten. Aber diese Erfahrung könnte ich mir, wenn ich einmal in einem Handwerksbetrieb arbeiten sollte, schnell aneignen. Das Wissen habe ich ja.“
Rosemeyer hatte nach dem Abitur einen Bundesfreiwilligendienst bei der Sportjugend Hannover gemacht. Sport war in Ordnung, aber Büroarbeit war nicht das, was sie sich beruflich für sich vorstellen konnte. Sie wollte etwas Handwerkliches machen, Theater lag in ihrem Interessenradius – also versuchte sie ihr Glück am Staatstheater Braunschweig, wurde genommen und begann 2023 ihre Ausbildung. Die Zusammenarbeit mit den anderen Gesellen und die Anleitung machten ihr Spaß. Immer wieder durfte sie auch selbständig Arbeiten ausführen. Es war eine Befriedigung für sie, zu sehen, wie etwas, das vorher nur auf einer technischen Zeichnung entworfen worden war, plötzlich Gestalt annahm und die einzelnen Teile sogar zusammenpassten, sich ineinanderfügten.
Nach ihrer Lehre und dem Gesellenbrief hat Rosemeyer nun ein duales Studium im Fachbereich Maschinenbau begonnen. Sie möchte gern im handwerklichen Bereich bleiben, aber auch noch weitere und andere Schritte in diesem Bereich gehen. Vom Theater bleibt sie weiterhin fasziniert – ob sie eines Tages wieder zurückkommen wird, ist zumindest offen. Die handwerkliche Ausbildung im Theater war in jedem Fall eine gute Erfahrung, eine andere Erfahrung. So sind Theaterwerkstätten sicher auch ein Ort, an den man bei möglichen Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz auch denken sollte!
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