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„Parsifal“ am Aalto-Theater Essen: (v.l.) Robert Watson (Parsifal) und Bettina Ranch (Kundry). Foto: Matthias Jung/Aalto

„Parsifal“ am Aalto-Theater Essen: (v.l.) Robert Watson (Parsifal) und Bettina Ranch (Kundry). Foto: Matthias Jung/Aalto

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Die Ungewöhnliche

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Die Mezzosopranistin Bettina Ranch ist FAUST-Preisträgerin 2025
Vorspann / Teaser

„Seitdem ich sprechen konnte, wollte ich Sängerin werden. Als Kind habe ich, egal ob traurig, krank oder fröhlich, immer gesungen.“ Singen als ursprüngliche, elementare Lebensäußerung: Das glaubt man sofort der gebürtigen Berlinerin, die im vergangenen November mit dem Deutschen Theaterpreis FAUST in der Kategorie Musiktheaterdarsteller:in ausgezeichnet wurde, in direkter Reihe solcher Sängerinnen und deren Interpretationen von Format wie Marlis Petersen als Emilia Marty, Vera-Lotte Boecker als Haas‘ Nadja und Asmik Grigorian als Salome.

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Auf sie folgt nun Bettina Ranch, in der Essener Inszenierung von Wagners „Parsifal“ durch Roland Schwab, als Kundry. Nach den Sopranen das Zwischenfach sozusagen und gleichzeitig eine Figur voll elementarer vokaler Lebensäußerungen: vom Schweigen zum Röcheln, Stammeln und Schrei, zum Singen und wieder ins Schweigen zurück. Nach dieser Kundry, auf die sie sich zwei Jahre vorbereitet hatte, für die sie auf Partien im „Rosenkavalier“ oder in Missy Mazzolis „The Listeners“ verzichtete und deren Gestaltung die Preisjury „atemlos“ zurückließ, kann man Bettina Ranch das Bedürfnis nach elementarem, ursprünglichem Singen nicht nur glauben. Man kann es sehen und hören.

Ihr bisheriger Weg dorthin und schließlich zu einem der bedeutendsten Theaterpreise ist dabei durchaus ungewöhnlich und sehr individuell. In Zeiten, da man vor allem als Sängerin in Gütersloh, Rheinsberg oder sonst wo reüssiert haben muss, um dann weitere Wettbewerbsorte abzureisen und abschließend vermittels privatkapitalisierter Stipendien und Förderprogramme an mehr oder minder bedeutenden Häusern zwecks Verjüngung der Hausensembles herumgereicht zu werden, da verlief Bettina Ranchs Karriere eher still und unauffällig. Man kann auch sagen handwerklich solide. Ein wenig erinnert sie an alte Zeiten, als Sänger*innen sich im alltäglichen Musikleben und an den vielen Stadttheaterensembles bildeten, mit oder trotz einer Ausbildung beispielsweise als Kauffrau oder Bürokraft (wie Mödl oder Kermes), dank oder trotz jugendlichen Broterwerbs bei Festen oder in Weinwirtschaften (wie Schock oder Wunderlich), sofern sie nicht aus den einschlägigen Knabenchören von Limburg bis Leipzig herauswuchsen. Andere Zeiten, andere Sitten. Sollte man sich fragen, warum in Deutschland das Gesangswesen so durchprofessionalisiert und internationalisiert wirkt, so mag das vielleicht auch daran liegen, dass es immer mehr aus dem Alltag entwichen ist. In Skandinavien und im Baltikum etwa, wo Musikschulen kein Luxus sind, wird mehr gesungen als hierzulande, und in Osteuropa sowieso wird um ein Vielfaches mehr und härter unterrichtet als an deutschen Hochschulen.

Bettina Ranch hat, mit Ausnahme des FAUST, keinen Preis gewonnen, hat bei keinem Wettbewerb mit konkurriert. Sie, die als junges Mädchen eine Zeit lang beinahe jeden Abend in der Komischen Oper verbrachte, freilich unter der mütterlichen Auflage, sie nähme ja den „Opernbus“ für die späte Heimfahrt; sie hat nicht einmal Gesang studiert, sondern ursprünglich Geige, womöglich den Fußstapfen des Vaters folgend, Konzertmeister im einstigen Leipziger Großen Rundfunkorches­ter. „Weil ich lieber gesungen als geübt habe, habe ich die Geige in den Kas­ten gelegt und weitergesungen, überzeugt, das wird schon was werden.“ Das Studium unterdessen substituierte das Musikleben selber, entgegen der immer noch landläufigen Ansicht vieler Gesangspädagogen, Ensemblesingen wäre der individuellen Entwicklung abträglich, wo es doch die musikalische Intelligenz schult und die Selbstwahrnehmung erdet: „Dann fing das mit den Chören an.“ Und viele Projekte folgten, querbeet durch das Repertoire und die Epochen, mit dem Chor der Bamberger Symphoniker, dem Gewandhaus Kammerchor, dem Collegium Vocale Gent, dem Kammerchor Stuttgart, dem ChorWerk Ruhr, der Gächinger Kantorei, mit Zuspruch und Förderung durch Philippe Herreweghe, Morten Schuldt-Jensen und vor allem durch den jüngst verstorbenen Helmuth Rilling. Letzterer war es denn auch, der Bettina Ranch sachte wieder auf die Solospur brachte, indem er sie bei einer „Elias“-Probe aufforderte, doch einmal die Königin zu geben. Worauf Rilling, der hier wie sonst Karrieren fördernde, ihr stets bedeutendere Partien bei der Gächinger Kantorei antrug.

Die Soloverpflichtungen wurden mehr und größer, die üblichen Kirchenkonzerte in der Provinz und anderswo häufiger, gesangspädagogisch begleitet von Andreas Karasiak und heute von Caroline Merz. Vorsingen sowie die dabei gewonnene Gewogenheit zunächst von Hartmut Haenchen und Simone Young ebneten in Hamburg und Amsterdam ihr 2012 den mit Beharrlichkeit und Fleiß eingeschlagenen Weg zur Bühne als 3. Dame, Walküren und Rheintöchter, bevor Bettina Ranch 2016 Ensemblemitglied an der Essener Aalto Oper wurde mit der inneren und äußeren Freiheit, sich zielsicher weiterzuentwickeln: vom Barocken (Scarlatti), übers Klassische wie Glucks Orfeo und Mozarts Sesto, das Romantische (Marschner) bis zu Carmen, Amneris und eben Kundry. Ebenso konsequent wie geglückt folgte jüngst ihr Debüt als Fricka im neuen Kölner „Ring“, dem sicher mehr im schweren Fach noch folgen wird. Mithin, ein individueller und nicht wirklich zeitgemäßer Lauf durchs Musikleben, das womöglich lebendiger und reicher wäre, wenn es häufiger solche Bahnen böte. Oder den Opernbus. Omnibus. „Ich singe auch sonst immer noch gern überall: Liederabende, Kirchenkonzerte…“

  • „Parsifal“, Aalto-Theater Essen: 26.4 sowie 2., 17. und 24.5.2026

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