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Konstantia Gourzi mit Georges Aperghis (re.) und Minas Borboudakis bei der Verleihung des Christoph und Stephan Kaske Preises 2016. Foto: Susanne van Loon

Konstantia Gourzi mit Georges Aperghis (re.) und Minas Borboudakis bei der Verleihung des Christoph und Stephan Kaske Preises 2016. Foto: Susanne van Loon

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Haltung der Offenheit, Dialog und Neugier

Untertitel
Die Komponistin Konstantia Gourzi und ihre Zeit als Composer in Residence bei den Bremer Philharmonikern
Vorspann / Teaser

Einander zuhören und aufeinander eingehen: Die Offenheit dafür scheint heute in politischen wie in gesellschaftlichen Debatten oft verloren gegangen zu sein, wenn es um gegensätzliche Meinungen geht. Stattdessen nehmen Lautstärke, Polemik und Hass zu. Konstantia Gourzi zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der zeitgenössischen Musik. Als Komponistin, Dirigentin und Professorin für Ensembleleitung Neue Musik an der Münchener Hochschule für Musik und Theater verbindet sie künstlerische Konsequenz mit einer Haltung, die Offenheit, Dialog und Neugier ins Zentrum stellt.

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Sie nimmt die eingangs erwähnte Problematik ernst und hat diese zu einem zentralen Aspekt ihres Schaffens gemacht. Ein umfangreicher Werkkatalog, der so ziemlich alle Gattungen umfasst, und zahlreiche Tondokumente dokumentieren das umfangreiche Schaffen der 1962 in Athen geborenen und in Deutschland lebenden Künstlerin. Ihre Arbeiten wurden international vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem OPUS KLASSIK 2023 als „Komponistin des Jahres“ sowie mehreren Nominierungen für die International Classical Music Awards und den Preis der deutschen Schallplattenkritik.

Konstantia Gourzi erfüllt damit so ziemlich alle Kriterien, die schon vor rund 20 Jahren (!) die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger formuliert hat: „Frauen brauchen Macht… Sie brauchen Stellen an Universitäten (nicht nur im Mittelbau), im Musik-Management, im Musikrat, in der Tonträger-Industrie, im Musikverlag und beim Rundfunk.“

Gleichwohl muss auch Konstantia Gourzi feststellen, dass die Zugehörigkeit zum jeweiligen Geschlecht noch immer mit gesellschaftlichen Verortungen verbunden ist. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich daran einiges verbessert, aber der Kampf um eine Teilhabe von Frauen an gesellschaftlicher Bedeutung ist noch immer notwendig. Im Gefolge der Frauenbewegung hat sich im Bereich der Musik einiges getan, um Forderungen nach gebührender Wahrnehmung und gesellschaftlicher Anerkennung von Komponistinnen Nachdruck zu verleihen.

Konstantia Gourzi vertraut der These, dass Menschen, zu deren Leben Singen und Musizieren mit anderen gehört, zumeist auch besser zuhören und anderen mehr Raum geben können und insgesamt fähiger sind, auf andere einzugehen. Dies gehört notabene auch zu den Fundamenten einer demokratischen Gesellschaft, die zunehmend unter Druck gerät. „Respekt und Akzeptanz sind keine abstrakten Begriffe, sie müssen im künstlerischen Alltag gelebt werden“, urteilt Konstantia Gourzi. „Wir sprechen viel über Offenheit, Gleichberechtigung und Diversität – gleichzeitig erleben wir, dass diese Werte häufig eher im Sinne der Begriffe, jedoch noch immer nicht in ihrem Geist selbstverständlich praktiziert werden.“

Viele Frauen entwickeln – so die Komponistin – „ihre eigene künstlerische Sprache mit großer Konsequenz und Verantwortung. Statt diese Vielfalt als Bereicherung wahrzunehmen, wird sie jedoch häufig vorschnell bewertet oder in ästhetische Schubladen eingeordnet. Das steht im Widerspruch zu dem Anspruch, den wir an eine zeitgenössische und offene Kulturlandschaft stellen sollten. Wenn wir Respekt einfordern, müssen wir ihn auch selbst gewähren – unabhängig von Geschlecht, ästhetischer Position oder Erwartungshaltungen. Gerade in der Neuen Musik, die sich als experimentell und zukunftsorientiert versteht, sollte Akzeptanz keine Verhandlungsmasse sein. Sie ist eine Voraussetzung für künstlerische Freiheit und für echte Entwicklung.“

In Bremen hat man die Zeichen der Zeit erkannt. Die Bremer Philharmoniker führen in ihrer 201. Spielzeit (2025/26) Werke von vier Komponistinnen auf und setzen mit diesem spürbaren Frauenanteil ein klares, wenn auch bescheidenes Signal. Und sie wählten Konstantia Gourzi zum ersten „Composer in Residence“ in der langen Geschichte des Ensembles. Eine exzellente Entscheidung, die auf den früheren Intendanten Guido Gärtner zurückgeht.

Gourzi verbindet nicht nur künstlerische Konsequenz mit einer Haltung, die Offenheit, Dialog und Neugier ins Zentrum stellt, sondern sie macht auch durch ihre pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen auf sich aufmerksam. Um ihre musikalische Botschaft zu vermitteln zu können, gründete und leitet sie zahlreiche Ensembles, die neue musikalische Räume eröffnen und interdisziplinäre Zusammenarbeit fördern, auch vor dem Hintergrund eines gewaltfreien und demokratischen Zusammenlebens. Also glänzende Voraussetzungen, als „Composer in Residence“ das musikalische Profil der Bremer Philharmoniker zu schärfen. Was die Zusammenarbeit mit ihr so spannend macht, ist die Tatsache, dass sie oft Stücke in enger Teamarbeit mit Musiker:innen zur Aufführung bringt. Was Konstantia Gourzi darunter versteht, ist deutlich an der Struktur des für Nils Mönkemeyer geschriebenen Bratschenkonzerts „Ishaón, the Angel in the Golden Garden - Eleven Episodes“ für Viola und Orchester zu erkennen, das in Bremen uraufgeführt wurde. Die Satzbezeichnungen – beispielsweise „Das Gebet“, „Der Baum“, „Der Vollmond“ – markieren einen semantischen Horizont, der sich der Ideologie des „Absoluten“ bewusst entzieht. Es geht hier offenkundig nicht um das Fortschreiben eines virtuosen Konzerttyps, sondern um die Ausarbeitung von Zustandsbildern, in denen solistische Linie und orchestrale Umgebung weniger gegeneinander ausgespielt als aufeinander hin geöffnet werden.

Charakteristisch ist, wie sich Naturbilder und spirituelle Chiffren überlagern: Der Baum als Bild von Wachstum und Verwurzelung, der Vollmond als zyklische Lichtfigur, das Gebet als Moment der Sammlung – all dies deutet auf einen Klangraum, der das Psychologische nicht als Programmunterschrift, sondern als strukturbildende Kategorie begreift. Dass hier Fragen des kompositorischen Materials im Sinne von Theodor W. Adorno nicht relevant sind, versteht sich von selbst. Konstantia Gourzi erschließt neue Klangräume, auf die man sich in Ruhe einlassen muss. Es gibt keine Effekthascherei, keine zur Schau gestellte „Extended Technique“, sondern eine konsequente Reduktion auf wenige, klar definierte klangliche Zustände. Wer bereit ist, seine Hörwahrnehmung auf die Mikroebene zu schalten, dem erschießt sich ein faszinierender Klangraum. Das gilt auch für die subtile Komposition „messages between trees“.

Konstantia Gourzi hat sich für Bremen viel vorgenommen. Im Tabakquartier Bremen, dem Sitz der Bremer Philharmoniker mit Proben- und Konzert­räumen, gab es ein Gesprächs- und Kammerkonzert („A song for peace“) sowie ein Familienkonzert mit dem Titel „Meine Klangreise – Musik von Konstantia Gourzi“ speziell für ein junges Publikum. Ein weiteres Kammerkonzert mit der Überschrift „Vergessenes Entdecken“ erklang im „Haus im Park“ im Stadtteil Osterholz.

Konstantia Gourzi scheint sich in Bremen wohlzufühlen. In einem kurzen Gespräch erklärte sie: „Jede Stadt ist für mich ein eigener Organismus – mit spezifischer Dynamik, Geschichte und Energie. Diese Unterschiede ernst zu nehmen, ist der Ausgangspunkt künstlerischer Arbeit. Städte sind nie neutral: Sie prägen Haltungen, Hörweisen und Formen der Begegnung.“

Bremen erlebe sie als „offenen Resonanzraum, der zugleich Labor und Ausgangspunkt für Neues ist. Die Stadt ermöglicht konzentriertes Arbeiten, genaues Zuhören und gemeinsames Suchen – ohne den Druck schneller Ergebnisse. Hier gibt es eine besondere Bereitschaft, Experimente zuzulassen und Prozesse mitzugestalten. In meinem ‚Netzwerk der Städte‘ ist Bremen daher ein Ort, an dem Ideen nicht nur erprobt, sondern auch weiterentwickelt und weitergetragen werden. Ein Raum, in dem künstlerische Impulse wachsen und von dem aus neue Verbindungen entstehen können.“

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