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Man diskutiert, streitet, brüllt: Hans Werner Henze scheute keine Konflikte. Foto: Martin Hufner

Man diskutiert, streitet, brüllt: Hans Werner Henze scheute keine Konflikte. Foto: Martin Hufner

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Wilder schöner Klang

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Hans Werner Henze zum 100. Geburtstag · Von Christoph Becher
Vorspann / Teaser

Als Hans Werner Henzes 60. Geburtstag bevorsteht, beschließt seine Heimatstadt Gütersloh, den Jubilar mit einer umfangreichen Werkschau zu feiern. Ein knapp dreiwöchiges stolzes Programm entsteht, mit Opernaufführungen, Orchesterwerken, Kammermusik, Filmen und Vorträgen, mit Musik der Schüler und mit einem von Henze initiierten Kollektivprojekt. Zu diesem Zeitpunkt liegen die schlimmsten Konflikte bereits hinter ihm.

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Im Jahr 1986 blickt Henze auf Aufträge zurück aus London, Berlin, Hamburg, Stuttgart und Zürich, von den Salzburger Festspielen, den Berliner Philharmonikern und vom Chicago Symphony Orchestra, von Leonard Bernstein und Herbert von Karajan. Die Einladung aus der Heimatstadt bedeutet ihm dennoch viel. Ostwestfalen fühlt er sich immer nahe, trotz Wohnsitz in Italien, trotz Reisen in die ganze Welt, trotz international hohem Ansehen. Henze bedankt sich in Gütersloh:

„Es ist sehr schwer für mich zu beschreiben, was in mir vorgeht an Freude, an Rührung und an Zufriedenheit. Vielleicht ist das gute Gelingen dieses Konzerts […] darauf zurückzuführen, dass da wirklich etwas passiert ist, was vielleicht viele gemerkt haben, nämlich ein Kommunikationsbedürfnis zwischen der Musik und dem Publikum.“

Dies ist das zentrale Anliegen Hans Werner Henzes, der am 1. Juli 100 Jahre alt geworden wäre: dass seine Musik mit dem Publikum kommuniziert, dass ihre Sprache, ihre Vokabeln und ihre Grammatik, schließlich auch ihr Anliegen auf Verständnis stoßen. Damit das gelingt, schlägt sie Wurzeln in der Tradition und ruft Motive auf aus Mythen und Märchen, aus Literatur und Theater.

Theatrale Momente

1963 verkündet Henze: „Alles bewegt sich auf das Theater hin und kommt von dort her zurück.“ Überblickt man seinen rund 300 Titel umfassenden Werkkatalog, finden sich fast 50 Theaterkompositionen: neben Opern und Balletten auch „Funk-“ und „Fernseh­oper“ sowie Gattungszwitter wie das „Das Floß der Medusa“ (Oratorium), „Der langwierige Weg in die Wohnung der Natascha Ungeheuer“ (Show mit 17) oder „El Cimarrón“ (Rezital). Konzertwerke wie „Tristan“ und das Zweite Violinkonzert, das „Requiem“ und die Sinfonia N. 9 (nach Anna Seghers’ „Das siebte Kreuz“) besitzen theatrale Momente, der Liederzyklus „Voices“ sowieso, und zwei Werke nennt er gar „Imaginäres Theater“.

Henzes Musik ruft Gesten und Vokabeln wach, auch dort, wo sie abstrakt wirkt. Das kompositorische Räderwerk dahinter findet er, Schönberg folgend, entbehrlich für die Hörer. Das 3. Streichquartett, heißt es zum Beispiel, sei „zum Schauplatz eines tiefgehenden Umgangs mit dem Kontrapunkt geworden […]. Musikwissenschaftler und Studenten können das nachprüfen und nachrechnen, aber der unvorbereitete Hörer braucht von diesen Umständen und Kunststücken nichts zu wissen. Denn worauf es mir ankam und ankommt, ist, daß die Theorie in der Versenkung verschwindet, wenn die Protagonisten die Bühne betreten“.

Damit setzt Henze sich von den Komponisten seiner Generation ab, auch wenn man sich bei den ersten „Darmstädter Ferienkursen“ nach dem Zweiten Weltkrieg noch auf einer Wellenlänge wähnte. Doch am 20. Oktober 1957 flüchten bei den ersten Tönen von Henzes „Nachtstücke und Arien“ die Kollegen Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono aus dem Saal in Donaueschingen. Henze schüttelt es noch 23 Jahre später: „Der Anblick dieses mich verlassenden Kollegen-Trios hatte etwas Definitives. Das gab einem zu denken!“

Da gilt Henze bereits als erfolgreicher Außenseiter der Nachkriegsmoderne. Einer, der alles konnte: Ballette, Film- und Kammermusik, Symphonien und Streichquartette. Und Oper bis ins hohe Alter. 2003 gelobt Henze der Presse, seine gerade bei den Salzburger Festspielen uraufgeführte Oper „L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe“ sei die letzte. Spricht’s und nimmt, kaum zurück auf dem italienischen Landsitz „La Leprara“ bei Marino, die nächste in Angriff. Die Liste der Texte, die er vertont, reicht von Shakespeare über Hölderlin bis zu Hans Magnus Enzensberger und zur Künstlerfreundin Ingeborg Bachmann. Keiner war so belesen, keiner so produktiv. Und keiner so streitbar. Henzes Konflikte ziehen sich entlang der bundesdeutschen Geschichte und unterschiedlichen ästhetischen Positionen. Wer glaubt, heutige Diskurse seien vergiftet, hat den Zorn früherer Debatten vergessen.

Der Antifaschist

Eine Jugend im Nationalsozialismus macht Henze zum Antifaschisten. Nach dem Ende der Diktatur orientiert er sich an Hindemith, bis ihn René Leibowitz in Darmstadt in die Mechanik der Zwölftonmethode einweiht, die er fortan freigeistig und unorthodox verwendet. Fast alle seiner Werke fußen auf Zwölftonreihen, keiner einzigen erlaubt er lückenlose Regentschaft über seine Musik. Während Boulez & Co. die ordnende Kraft der Zwölftonreihe auf Parameter wie Rhythmus und Lautstärke übertragen und sich im seriellen Konstruktivismus einrichten, schwärmt Henze vom wilden schönen Klang. Seine Musik soll verstanden werden wie Sprache, sie will, wie er sagt, „nicht abstrakt sein, sie will nicht sauber sein, sie ist ,befleckt‘: mit Schwächen, Nachteilen und Unvollkommenheiten.“ 1953 hat er genug von der neuen Musik und ihren Meinungsmachern, von Adenauerdeutschland und Homophobie. Er übersiedelt nach Italien, dessen Licht seine Musik zum Leuchten bringt. Die „Nachtstücke und Arien“ sind ein mediterranes Werk, mehr noch aber das Ballett „Undine“, das er für Covent Garden London schreibt – ein Jahr nachdem Nono „Il canto sospeso“ und Stockhausen den „Gesang der Jünglinge“ beendet haben.

Seite an Seite mit Luigi Nono

Als Studentenbewegung und Springerpresse aufeinanderprallen, politisiert sich Henze auf Seiten der Außerparlamentarischen Opposition. Er hilft bei der Organisation des Vietnam-Kongresses im Februar 1968 in Berlin, demonstriert Seite an Seite mit Lui­gi Nono und Peter Weiss gegen den Vietnamkrieg, beherbergt auf dem italienischen Landsitz Rudi Dutschke, nachdem dieser bei dem Attentat am 11. April lebensgefährlich verletzt worden ist, tritt aus der Westberliner Akademie der Künste aus und in die Ostberliner ein und hält sich mehrere Monate auf Kuba auf.

Immer drängender fragt er nach der gesellschaftlichen Relevanz seiner Musik. 1968 lautet die radikale Antwort: „Musik kann unter den bestehenden Verhältnissen nur noch als Akt von Verzweiflung gesehen werden, als Verneinung. Sie kann vielleicht noch die Utopie von der Freiheit des Menschen vage vorzeichnen, aber die von uns gemeinte Freiheit ist größer als ihr Surrogat, das Kunstwerk.“

1968 plant Hamburg die Uraufführung seines Oratoriums „Das Floß der Medusa“: ein Bericht über ein Schiffsunglück von 1816, bei dem die Passagiere auf einem behelfsmäßigen Floß dem Ozean überlassen wurden, während die Offiziere der Grande Nation sich an Land retteten. Henze widmet das Werk Che Guevara und führt das Orchester am Ende in den berüchtigten „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“-Rhythmus. Doch noch bevor der Komponist den Taktstock heben will, platzt dem Berliner RIAS-Chor angesichts einer roten Fahne am Dirigentenpult der Kragen und der weigert sich aufzutreten. Man diskutiert, streitet, brüllt, schließlich schickt die Polizei alle nach Hause. Die Uraufführung platzt. Mit beispielloser Hähme prasseln Kommentare von rechts und links auf den „Salonkommunisten“ ein – ein Shitstorm in vordigitaler Zeit und ebenso folgenreich wie ein heutiger: Der deutsche Musikbetrieb boykottiert Henze für die nächsten zehn Jahre.

Stilles Bergnest

1975 schenkt ihm ein „stilles Bergnest“ (Henze) zwischen Rom und Florenz ein Musikfestival. Henze komponiert und organisiert von nun an für das Publikum und für die Kinder, stellt mit ihnen Konzerte, Aufführungen, Opern auf die Beine – in Montepulciano, Mürzzuschlag, Deutschlandsberg und Alsfeld. Das pädagogische Engagement folgt der politischen Vehemenz bruchlos. Henze sucht einen neuen Weg, außerhalb des „Elfenbeinturms“, will nützlich werden. Anlässlich des ersten „Cantiere“ in Montepulciano schreibt er: „Form, Inhalt und Charakter dieses kleinen didaktischen Cantiere sind das Ergebnis zahlreicher Begegnungen mit der Bürgerschaft bei öffentlichen Debatten. Jede Aufführung ist vorbereitet worden mit der Absicht, das Publikum schöpferisch zu beteiligen. […] Musik kennen bedeutet, sich selbst besser zu kennen. […] Die Musik, die nicht mehr einer einzelnen Gesellschaftsschicht gehört, hat auch die Fähigkeit, Liebe und Verständnis unter den Menschen zu verbreiten.“

Die Versöhnung mit dem deutschen Musikbetrieb erfolgt erst in den 80er-Jahren. Die Universitäten von Osnabrück und München verleihen ihm die Ehrendoktorwürde, 1982 ernennt ihn die Deutsche Oper Berlin zum Ehrenmitglied, 1983 erhält er den Hamburger Bach-Preis, 1990 den Ernst-von-Siemens-Musikpreis, 1997 die Hans-von-Bülow-Medaille der Berliner Philharmoniker, ein Jahr darauf den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst und 2008 das Große Bundesverdienstkreuz. Publikum, Experten und Politiker applaudieren ihm auf Festivals und Symposien als einem Komponisten, der, ausgehend von der reichen Tradition europäischer Musik, seinen Weg gegangen ist, indem er nicht Theorie, sondern Leben in seine Kunst eingelassen hat.

Der wilde Klang der Freiheit

„Freiheit, wilder und schöner neuer Klang, kann nur durch das Gefühl von Einsamkeit und Freiheit entstehen.“ Hans Werner Henze kämpft bis zu seinem Tode 2012 für einen „wilden und schönen Klang“. Und für die Freiheit: die des Komponisten und jene, die entsteht, wenn Musik durch die richtige Tür zu uns Hörern tritt. Wenn sie Geschichten in uns wachruft, die wir weiterspinnen, in immer gewagteren Erzählungen.

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