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Volker Rausenberger. Foto: Georg Rudiger

Volker Rausenberger. Foto: Georg Rudiger

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Die Vielfalt umarmen

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„Quetschkommode“, „Zerrwanst“, „Treckfiedel“: das Akkordeon ist Instrument des Jahres 2026
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Manche Bezeichnungen für das Akkordeon klingen nicht gerade wertschätzend. Da sind „Ziehharmonika“, „Schifferklavier“ oder „Handorgel“ neutraler und auch verbreiteter. Schon die Vielzahl der Namen verrät jedoch, wie vielseitig dieses Instrument ist. Nun rückt es ins Rampenlicht: Die Landesmusikräte haben das Akkordeon zum „Instrument des Jahres 2026“ gewählt. Erfunden wurde es 1829 vom Wiener Orgelbauer Cyrill Demian, der es unter dem Namen „Accordion“ patentieren ließ. Neu war damals vor allem eines: Durch Ziehen und Drücken eines Balges werden Stimmzungen in Schwingung versetzt. Zu jedem Melodieton konnte ein Akkord gespielt werden, was zu seinem Namen führte. Es ist weder reines Tasten- noch Blasinstrument, sondern ein musikalischer Zwitter.

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Grundsätzlich unterscheidet man zwei Bauarten. Wechseltönige Instrumente – etwa Bandoneon, Steirische Harmonika oder Schwyzerörgeli – erzeugen beim Ziehen und Drücken unterschiedliche Töne und sind vor allem in der Volksmusik verbreitet. Gleichtönige Akkordeons dagegen klingen in beide Richtungen gleich. Sie sind größer, kom­plexer und heute vor allem in Orchestern und der Kunstmusik zu Hause. Für den Freiburger Solisten, Pädagogen und Dirigenten Volker Rausenberger ist das Akkordeon ein wahres Chamäleon.

Zum Gespräch in seinem Unterrichtszimmer hat er sein eigenes, gleichtöniges Instrument mitgebracht: eine Gola der Firma Hohner. Gekauft hat er das Akkordeon Anfang der 90er-Jahre: „Damals war es das Beste, was man im solistischen Bereich bekommen konnte“, sagt Rausenberger. Und erinnert an die goldenen Zeiten der Firma, als das „Orchester des Hauses Hohner“ (ODHH) unter der Leitung von Rudolf Würthner zwischen 1949 und 1961 große Tourneen durch Europa, Nordafrika, Australien, USA und Mexiko machte. Heutzutage stammen die Spitzeninstrumente meist von italienischen Herstellern wie Bugari, Borsini oder Victoria.

Rund dreizehn Kilo schwer ist die in Schwarz, Weiß und Gold gehaltene Gola. Die Schwere spürt man vor allem, wenn man sich das Instrument mit den Lederriemen umschnallt. Es wird aber im Sitzen gespielt. Das Gewicht ruht auf dem linken Bein, so dass sich der Balg durch die Schräglage des Instruments automatisch öffnet und man schon, wenn man eine Tas­te greift, einen Ton produziert.

„Man umarmt das Instrument – das mag ich sehr. Ich spiele mit dem ganzen Körper. Das Ziehen und Drücken des Balges ist wie das Ein- und Ausatmen. Auch beim Spielen versuche ich, meinen Atem mit diesen Bewegungen zu koordinieren,“ sagt Rausenberger.

Ähnlich wie eine Orgel hat das Gola-Akkordeon mit dem 4-Fuß (eine Oktave höher), 8-Fuß (normale Tonhöhe) und 16-Fuß (eine Oktave tiefer) verschiedene Register im dreieinhalb Oktaven umfassenden, Diskant genannten 1. Manual, das wie bei einem Klavier aussieht und mit der rechten Hand gespielt wird.

„Zusätzlich besitzt es einen Dämpfer“, erklärt Rausenberger und nimmt das Verdeck ab, um die Jalousie zu zeigen, die vor die Stimmzungen zur Schallminderung gezogen werden kann. Die linke Hand liegt auf den Knöpfen, die bei der Gola nochmals in einen Standardbass mit Akkorden und einen Einzeltonbass unterteilt sind. Tastend findet man Orientierung in dem Gewirr aus 185 Knöpfen. Beim in Quinten angeordneten Standardbass sind jeder Note neben einem Terzbass noch vier Akkorde zugeordnet: bei C also C-Dur, c-Moll, C-Septakkord und C-vermindert. „Die Melodie in der rechten Hand kann also durch die Akkorde mit der linken begleitet, aber auch durch die Einzelbassfunktion mit einer gleichwertigen Stimme kombiniert werden. Die Kombination von Einzelbass und Akkorden macht die Begleitung insgesamt viel lebendiger.“

Volker Rausenberger ist vor allem von der Modulationsfähigkeit des Tones fasziniert. Während ein Pianist den Klang nur durch den Anschlag beeinflussen kann, bietet das Akkordeon mit der durch den Balg ausgelösten Luftströmung noch eine zweite, sehr individuelle Möglichkeit. 1967 entdeckte der dänische Komponist Per Norgard mit seiner Komposition „Anatomic Safari“ ganz neue Klänge und Geräusche mit dem Instrument. Diese große Palette an Ausdruckmöglichkeiten ist laut Rausenberger auch der Grund dafür, warum das Akkordeon in der zeitgenössischen Musik eine so große Beachtung findet – mit Werken etwa von Klaus Huber, Hans Zender und Sofia Gubaidulina. Auch für Rausenberger spielt die Beschäftigung mit neuer Musik eine große Rolle. Er arbeitete selbst eng mit Komponisten wie Toshio Hosokawa, Uroš Rojko und Juliane Klein zusammen.

Seit er 2011 die musikalische Leitung des 1928 gegründeten Freiburger Akkordeonorchesters übernommen hat, sorgte der ruhige Schwabe auch bei diesem Ensemble, was das Repertoire angeht, für viel frischen Wind. Traditionell ist ein Akkordeon­orchester in vier Melodiestimmen, die nur mit der rechten Hand gespielt werden, und einen auf speziellen Instrumenten erzeugten Bass aufgeteilt. Kürzlich spielte das Orchester aber auch ein zwölfstimmiges Arrangement von Jean-Louis Matinier. Und betritt auch stilistisch immer wieder Neuland wie bei der Zusammenarbeit mit dem Rahmentrommler Murat Coşkun oder dem Trompeter Markus Stockhausen. „Ob Folklore, Alte Musik, World Music, Klassik oder Avantgarde – gerade hier in Freiburg können wir das Akkordeon in seiner ganzen Bandbreite zeigen und finden überall dazu geeignete musikalische Partner.“

Für das nächste Jahr erhofft sich Rausenberger, dass das Akkordeon auch bundesweit jenseits der Volksmusik-Klischees in seiner ganzen Vielfalt wahrgenommen wird. In Freiburg ist dafür eine lange Nacht des Akkordeons geplant. Auch im Ensemble Variabile der Musikschule, das sich vor allem der Musik aus dem Balkan widmet, ist das Akkordeon fester Bestandteil. Und das Freiburger Akkordeonorchester wird gemeinsam mit der Sängerin Josefina Aymonino im Juli ein Tangoprogramm für mehrere Konzerte erarbeiten.

Volker Rausenberger

Volker Rausenberger wurde 1968 in Hülben auf der Schwäbischen Alb geboren. Akkordeonstudium in Trossingen und Würzburg. Preisträger 1997 beim internationalen Gaudeamus-Wettbewerb für Neue Musik. Akkordeonlehrer an der Musikschule Freiburg und am Hohner-Konservatorium Trossingen. Leiter des Freiburger Akkordeonorchesters. Jurorentätigkeit bei „Jugend musiziert“ und „Prima la musica“ (Österreich) und Landesleiter beim Deutschen Akkordeonlehrer-Verband (DALV).

  • Mehr zum Instrument des Jahres 2026 unter Akkordeon2026.de

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