Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach: Kurz vor dem Ende des Trompetenrohres wird ein Loch gebohrt und daran ein zweiter Schalltrichter befestigt. Mittels eines zusätzlichen Drehventils kann der Luftstrom augenblicklich zum einen oder zum anderen Trichter geleitet werden. Steckt nun in einem der beiden ein Dämpfer, so lassen sich reizvolle Effekte wie Farbtremoli und Echoklänge erzielen. Und wenn man das Ventil in der Zwischenposition hält, dann ertönen beide Trichter gleichzeitig, wodurch sich die Palette möglicher Timbres auf fantastische Weise erweitert.
Marco Blaauw. Foto: van Loon
Experimentalmusik und Ethnographie
Zwar gab es instrumentenbautechnische Experimente dieser Art schon seit dem 19. Jahrhundert, jedoch wird heutzutage kein Name so sehr mit diesem Spezialinstrument assoziiert – eine einfache Google-Suche nach „double-bell trumpet“ belegt dies eindrücklich – wie der von Marco Blaauw. Sein silbernes Hauptinstrument mit dem aufgesetzten blauen Zweittrichter und einem zusätzlichen Vierteltonventil diente als Prototyp für eine stetig wachsende Zahl von Neuanfertigungen und hat damit Ikonenstatus innerhalb der zeitgenössischen Musikszene. Ich treffe den Solisten, Gründer des Monochrome Project und künstlerischen Forscher in seiner Wohnung in Köln-Ehrenfeld, um über erweiterte Spieltechniken, Blechbläserkonservativismus und die ältesten Trompeten der Menschheit zu sprechen.
Blaauw entwickelte sein Instrument im Jahr 2000 in intensiver Zusammenarbeit mit dem Trompetenbauer Dieter Gärtner. Schon im Jahr darauf entstand dafür das erste Solostück – die jazzigen „Snatches of a Conversation“ von Peter Eötvös mit Sprecher und Ensemble. Diese Pionierarbeit inspirierte wiederum weitere Ensembles, ähnliche Stücke in Auftrag zu geben und Doppeltrichtertrompeten anzuschaffen. So avancierte Blaauws Prototyp schnell zum Standardmodell. Und auch für die Notation des Umschaltventils etablierte sich bald eine best practice: Isabel Mundrys „Solo auf Schwellen“ – uraufgeführt von Blaauw bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik 2002 – setzt die Position des Daumens als Verlaufslinie über die Notenzeile, wodurch sich auch Mischklänge und Übergänge präzise aufzeichnen lassen.
Auf den Trompetenklang an sich – so Blaauw – habe der zweite Trichter übrigens keine signifikanten Auswirkungen, allerdings biete das Instrument aufgrund des zusätzlichen Gewichts und der ungewohnten Ventilarbeit mit der linken Hand erhebliche spieltechnische Herausforderungen auch für professionelle Blechbläser:innen. Dennoch, ginge es nach ihm, so sollte jede:r von Anfang an ein solches Instrument erlernen!
Unter klassischen Trompeter:innen stoßen derlei Experimente allerdings eher auf Skepsis, da sie für die Interpretation der geläufigen Orchesterliteratur kaum einen Mehrwert bereitstellen. Dies lässt sich auch historisch erklären: Als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Ventilinstrumente entwickelt wurden, fanden sie schnell Einzug in Amateur- und Freizeitensembles, allen voran die Brassbands britischer Minenarbeiter, da sie gerade für nichtprofessionelle Musiker:innen einen leichten Zugang zu chromatischem Spiel boten und dabei klanglich viel ausgeglichener waren als etwa Klappentrompeten (– auch eine solche findet sich in Blaauws Sammlung, ein erstes Stück dafür steht aber noch aus). Sinfonieorchester hingegen blieben lange Zeit dem Ideal von Naturtoninstrumenten verpflichtet, und noch Brahms bekundete öffentlich seine Ablehnung gegen Ventilinstrumente.
Während die Trompete der Zukunft also vorerst noch ein Nischenphänomen der experimentellen Musikszene bleiben dürfte, richtet Marco Blaauw den Blick in die Vergangenheit. Ausgehend von der Beobachtung, dass in geographisch völlig unabhängigen Regionen immer wieder erstaunlich ähnliche Mythen und kulturelle Praktiken entstanden, initiierte er 2015 das künstlerische Forschungsprojekt „Global Breath“ mit der Leitfrage, ob der Klang von Trompeten beziehungsweise allgemein von Lippenschwinginstrumenten eine universelle menschliche Grunderfahrung darstellt. Er führte Interviews mit diversen Interpret:innen und Forscher:innen und besuchte indigene Kulturen, etwa in Japan, Indien und Australien – die dorther stammenden Didgeridoos zählen zu den ältesten Lippenaerophonen der Welt.
Im Verlauf der Forschung stellte sich heraus, dass die jeweiligen Instrumente aufgrund ihrer Eigenschaften häufig einen besonderen gesellschaftlichen Status innehaben und oft in ähnlichen Kontexten eingesetzt werden. Der vergleichsweise hohe Schalldruckpegel ermöglicht Kommunikation über weite Distanzen, im übertragenen spirituellen Sinne auch zwischen Diesseits und Jenseits, während sich der kräftige, obertonreiche und äußerst direkte Klang besonders als Signalinstrumente für herrschaftliches Zeremoniell, Jagd und Kriegsführung eignet.
Durch die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Kulturen rückte die Frage der Geschlechterungleichheit in den Fokus. Häufig traf Blaauw den Umstand an, dass Frauen in indigenen Gemeinschaften der Zugang zu den Instrumenten zwar nicht verwehrt wird und sie diese auch ebenso gut beherrschen, die musikalische Partizipation am Ritus allerdings streng den Männern vorbehalten bleibt. Als Rechtfertigung für diesen systematischen Ausschluss wird meist das Kraftargument genannt. Blaauw sieht darin auffällige Parallelen zur westlichen Gesellschaft und übt deutliche Kritik am Chauvinismus, der auch heutzutage noch in professionellen Blechbläserkreisen üblich sei. Um diesem Problem beizukommen, dürfe man nicht auf einen kulturellen Wandel warten, sondern müsse handfeste Frauenquoten einführen – das gelte auch für seine eigene Stelle im Ensemble Musikfabrik.
„Global Breath“ ist nicht darauf ausgelegt, irgendwann vollständig abgeschlossen zu sein und in einer großen Publikation zu kulminieren. Vielmehr bilden Blaauws ethnografische Studien die Basis für eine Reihe weiterer Unterfangen, etwa dem seit 2023 laufenden „Composer’s Project“, bei dem sieben Komponist:innen über mehrere Jahre intensiv mit dem Trompeter zusammenarbeiten und neues Repertoire erarbeiten. Man darf gespannt sein: Nachdem die Komponistin Liza Lim zu Beginn des Projektes ein Solostück für die Nachbildung eines steinzeitlichen Keramikhorns beisteuerte, wird nun im Rahmen des Lucerne Festivals im August 2026 ihr neues Werk „Tongue of the Land“ mit Marco Blaauw als Solist uraufgeführt: ein Konzert für Orchester und Carnyx, jenem enigmatischen Instrument mit Wildschweinkopf aus der keltischen Antike, das lange Zeit nur aus Darstellungen bekannt war und erst 2004 in Südfrankreich tatsächlich gefunden wurde. Eine originalgetreue Nachbildung steht nun in Marco Blaauws Wohnzimmer – stellvertretend für die unerschöpfliche Neugier einer herausragenden Künstlerpersönlichkeit auf der Suche nach der Synthese von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Trompete.
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