Der Mythos vom genialen Nachwuchsmusiker, der bei einem Wettbewerb entdeckt wird und direkt den Sprung auf die großen Konzertbühnen der Welt schafft, hält sich in der Klassik bis heute erstaunlich hartnäckig. Für Lukas Hasler, Gast der aktuellen Folge vom nmz Podcast „Laut und leise“, hat diese Vorstellung mit dem heutigen Musikerleben allerdings nur noch wenig zu tun: „Ich kann nicht davon ausgehen, dass ich einen Wettbewerb spiele, mich der beste Manager dabei hört und ich dann einen Plattenvertrag bekomme.“
Lukas Hasler. Foto: Kirill Lialin
Raus aus dem Feed, rein in den Konzertsaal
Lukas Hasler weiß ziemlich genau, wovon er spricht. Der junge Organist pendelt zwischen Wien und den USA, spielt internationale Konzertreisen und erreicht gleichzeitig hunderttausende Menschen auf Social Media. Ausgerechnet mit der Orgel. Einem Instrument, das man wohl kaum mit Algorithmen auf Instagram und Facebook verbinden würde. Mit dieser digitalen Sichtbarkeit ist er unter jungen Musikern nicht alleine. Viele Nachwuchskünstler setzen heute auf digitale Präsenz, bauen sich Communities auf Instagram oder TikTok auf und versuchen, ihr Publikum nicht erst im Konzertsaal, sondern bereits online zu erreichen. Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Wandel der Klassikbranche. Junge Musiker sind heute nicht mehr nur Interpreten. Sie sind gleichzeitig Produzenten, Organisatoren und oft ihre eigene kleine Medienagentur.
Was passiert nach der Reichweite?
Hasler versteht diesen digitalen Weg dabei nicht als reine Selbstvermarktung. Reichweite allein scheint ihn erstaunlich wenig zu interessieren. Viel wichtiger ist für ihn die Frage, was danach passiert. „Mein Ziel ist es, die Menschen wieder ins Konzert zu bringen.“ Das Smartphone versteht Hasler also nur als Eintrittskarte zurück in die Realität. Vielleicht erklärt das auch, warum seine Inhalte online so gut funktionieren. Nicht weil sie sich maximal dem Algorithmus anpassen, sondern weil sie Menschen offenbar das Gefühl geben, an etwas Echtem teilzuhaben. Und weil sie dazu einladen, die digitale Welt irgendwann auch wieder zu verlassen: raus aus dem Feed, rein in den Konzertsaal.
Spagat
Dabei zeigt sich auch die Schwierigkeit dieses Spagats. Denn natürlich könnte man ein traditionsreiches Instrument wie die Orgel problemlos auf leicht konsumierbaren Online-Content reduzieren. Filmmusik, schnelle Schnitte, möglichst einfache Unterhaltung.
Grenzen setzen
Doch genau dort zieht Hasler offenbar bewusst Grenzen. „Ich kann jetzt nicht als Lukas Hasler nur Filmmusik auf Social Media posten. Dann kommen die Menschen ins Konzert und hören ein reines Bach-Programm und werden enttäuscht. By the way: Ich spiele nicht nur Bach (lacht).“ Darin steckt fast schon eine Grundsatzfrage für die gesamte Klassikszene: Wie modern darf Vermittlung werden, ohne dass am Ende die eigentliche Kunst verloren geht?
Verteidigung der Langeweile
Zwischen internationalen Konzertreisen, permanenter Sichtbarkeit und dem Druck sozialer Medien wirkt es fast widersprüchlich, dass Lukas Hasler ausgerechnet die Langeweile verteidigt: „Diese Langeweile, die uns abhandengekommen ist, gehört meiner Meinung nach wieder kultiviert.“ Während Algorithmen ständig neue Aufmerksamkeit verlangen, spricht der Organist über Ruhe, Rückzug und darüber, wie wichtig es geworden ist, auch Momente ohne Dauerbeschallung auszuhalten. Und vielleicht beschreibt genau dieser Widerspruch ziemlich präzise, wie sich das Musikerleben gerade verändert: sichtbar sein müssen, ohne sich komplett sichtbar zu machen. Reichweite aufbauen, ohne sich dabei komplett dem Algorithmus zu unterwerfen. Und zwischen all dem digitalen Dauerrauschen trotzdem noch genug Ruhe finden, um überhaupt Musik machen zu können.
Türöffner für die Klassik
Über Konzertreisen zwischen Wien und den USA, Social Media als Türöffner für die Klassik, ungewöhnliche Konzertorte rund um den Globus und die Frage, wie junge Musiker heute überhaupt noch Karriere machen, haben wir mit Lukas Hasler ausführlich in der neuen Folge vom nmz Podcast „Laut und leise“ gesprochen. Jetzt anhören – überall, wo es Podcasts gibt.
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