In der gestrigen ARD-Reportage von REPORT MAINZ wurde der Machtmissbrauch an deutschen Musikhochschulen thematisiert. Betroffene von sexueller, verbaler und diskriminierender Gewalt kamen zu Wort. Problematische Strukturen, die Übergriffe begünstigen, wurden aufgezeigt.
In der ARD-Mediathek heißt es dazu:
"Auf den großen Opernbühnen der Welt stehen, tosenden Applaus genießen und die Leidenschaft zur klassischen Musik zum Beruf machen – für viele junge Menschen ist das der Traum schlechthin. In Deutschland ebnen renommierte Musikhochschulen mit internationalem Ruf den Weg, um genau diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.
Doch die Klassische Musik ist eine Branche, die von Druck, Abhängigkeiten und Machtgefälle geprägt ist. Gerade ganz am Anfang der Karriere, im Studium, sind die jungen Menschen ganz unten im Machtgefüge. Ihnen gegenüber stehen Lehrende, die meist als künstlerische Genies wahrgenommen werden, deren musikalisches Können offenbar über allem steht. REPORT MAINZ trifft Betroffene, die sexuelle, verbale oder diskriminierende Gewalt erfahren haben. Und zeigt, warum die Strukturen an Musikhochschulen Machtmissbrauch begünstigen können und Täter fast unantastbar scheinen. Der Film erzählt, wie für die Betroffenen der Weg zum vermeintlichen Traumberuf zum Albtraum wurde, Karrieren durch das Melden von Missbrauch ausgebremst wurden und die Täter weiter in der Branche für ihr musikalisches Können gefeiert werden.
[update, 20.5., 18:00]
Musikhochschule untersucht Vorwürfe sexueller Belästigung
Im ARD-Magazin «Report Mainz» berichtet eine ehemalige Schülerin des Weimarer Musikgymnasiums von sexueller Belästigung durch eine Lehrkraft der Musikhochschule Weimar. Deren Leitung reagiert.
Weimar (dpa/th) - Die Hochschule für Musik «Franz Liszt» Weimar geht nach einem ARD-Bericht Vorwürfen der sexuellen Belästigung einer Musikschülerin durch einen Lehrbeauftragten vor einigen Jahren nach. Dazu sei eine Untersuchungskommission eingesetzt worden, die hausinterne Recherchen begonnen habe, teilte die Hochschule mit. Die Vorwürfe beträfen einen im Jahr 2012 für die Musikhochschule tätigen Lehrbeauftragten, der seither nicht mehr an der Einrichtung und am Musikgymnasium Schloss Belvedere unterrichtet habe.
Im ARD-Magazin «Report Mainz» vom 19. Mai berichtet eine ehemalige Schülerin des Musikgymnasiums, dass der Lehrbeauftragte sie auf einer Klassenfahrt nach Berlin sexuell belästigt habe. Das Mädchen war damals 15 Jahre alt und Schülerin des Musikgymnasiums Weimar, einer renommierten Spezialschule für Musiktalente. Die Schülerinnen und Schüler werden von Professoren der nahegelegenen Musikhochschule unterrichtet. In der Sendung schildert die inzwischen erwachsene Frau auch, wie sie sich seinerzeit einem Professor der Hochschule anvertraut habe, der ihr aber eine Mitschuld am Vorgefallenen gegeben haben soll.
«Nehmen die Vorwürfe sehr ernst»
Die aktuelle Hochschulleitung sei vor der Sendung mit den Vorwürfen konfrontiert worden, so die Hochschule. «Wir nehmen die Vorwürfe sehr ernst und zweifeln sie nicht an», erklärte Präsidentin Anne-Kathrin Lindig nach der Sendung in einer Mitteilung. Die Hochschule sei dabei, sich ein möglichst umfassendes Bild von den damaligen Geschehnissen zu machen. «Die sofortige Aufarbeitung hat für uns oberste Priorität.» Lindig bat alle Personen um Entschuldigung, «die an unserer Hochschule solches persönliche Leid erfahren mussten», wie es in der Erklärung heißt. Sollte sich im Zuge der Untersuchungen herausstellen, dass es in der Vergangenheit zu Versäumnissen seitens der Hochschule gekommen ist, übernehme die Hochschule hierfür die volle Verantwortung.
«Machtmissbrauch und Verletzungen der Intimsphäre von Hochschulmitgliedern oder Schutzbefohlenen werden an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar nicht geduldet», hieß es in der Erklärung weiter. Festgestellte Verstöße würden von der Hochschulleitung mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln geahndet.
Hochschule verweist auf Schutzkonzept
Die Hochschule verwies darauf, in den vergangenen Jahren umfangreiche Maßnahmen zur Sensibilisierung, zur Prävention, zum Schutz der Betroffenen und zum Umgang mit Machtmissbrauch, Diskriminierung und sexualisierter Gewalt ergriffen habe und diesen Prozess weiter intensivieren werde. Betroffene sollten sich direkt an die Hochschulleitung wenden oder sich über den SOS-Knopf auf der Hochschul-Website über die Ansprechpersonen, Anlaufstellen und anonymen Briefkästen informieren und ihre Fälle melden.