Wenn man vor nicht allzu langer Zeit jemanden nach Blasmusik und Blaskapellen befragt hat, bekam man meistens zu hören: „Logisch, die spielen im Bierzelt, beim Feuerwehrfest oder beim Frühschoppen irgendwo draußen auf dem Land Lieder wie ‚Heit gibt’s a Rehragout‘ oder anderes Bayrisch-Böhmisches.“ Mittlerweile sieht die Geschichte etwas anders aus. Es hat sich eine nie dagewesene Begeisterung für Blasmusik vor allem auch bei jüngeren Fans entwickelt, die zur Folge hat, dass die Kapellen auf Festivals spielen, deren Größe man schon am Namen wie „Woodstock der Blasmusik“ erkennen kann. Die Musiker sind praktisch mittlerweile Pop- und Rockstars auf riesigen Bühnen und spielen eben auch Titel, die man früher nicht einer Blaskapelle zugeordnet hätte. „Bohemian Rhapsody“ oder auch komplette Rock- und Popmedleys, sorgen bei den Zuschauern für wahre Begeisterungsstürme. Von gemütlich kann man da nicht mehr sprechen oder singen, da passiert vieles uptempo, die agierenden Musiker sind da natürlich richtig gefordert, das Niveau ist hoch. Viele der „Bands“ (Kapellen) bieten zudem eine Bühnenshow inklusive Stagediving, worauf das Publikum natürlich ebenso voll „abfährt“.
Josef Menzl mit seiner Klarinette. Foto: Hubert Lankes
Advertorial: Blasmusik goes Woodstock und Brass Wiesn
Wir sprachen mit Josef Menzl, Leiter der „Kapelle Josef Menzl“, Klarinettist und Komponist, der vor kurzem den Kulturpreis der Stadt Regensburg erhalten hat, über seine Erfahrungen und Einschätzung dieser aktuellen Dynamik.
neue musikzeitung: Wie lange machst Du schon Musik beziehungsweise wie lange gibt es die „Kapelle Josef Menzl“ schon?
Josef Menzl: So richtig mit Band/Kapelle mache ich Musik seit 1990. Damals habe ich in einer Rockabilly Band Saxophon gespielt, später in einer Soul Band und in einer Bigband. Vorher spielte ich Klarinette in einer Blaskapelle/Musikverein. Die Kapelle haben wir 1995 gegründet. Wir wollten halt altbayerische Blasmusik machen, so im Stile vom königlich bayerischen Amtsgericht, einer Fernsehserie im Bayerischen Fernsehen in den Siebziger- und Achtziger-Jahren.
nmz: Ab wann ungefähr setzte diese neue Entwicklung ein, gibt es also eine neue Blasmusik-Szene oder neudeutsch Community? Und was könnten die Gründe dafür sein? – Stichwort: Große Festivals wie Woodstock der Blasmusik oder Brasswiesn gab es früher nicht. Blasmusik war für den Biergarten oder Frühschoppen da. Jetzt seid Ihr praktisch wie Pop- und Rockstars auf großen Festivals...
Menzl: Ich würde sagen so ab 2007 mit Gründung der Band LaBrassBanda. Die haben den Trend aus den USA mitgenommen und nach Bayern/Deutschland gebracht. In den Staaten war es schon länger üblich, dass diese so genannten Brass Bands (brass= Messing, bei uns hieß es auch früher Blech) auch genreferne Musik aufgegriffen und interpretiert haben. LaBrassBanda entstaubten einfach das Image von Trompeten, Posaunen, Tuba und Mundartgesang und machten Blasmusik cool. Wobei sie ja eigentlich keine Blasmusik im herkömmlichen Sinn machen, sondern quasi energetische tanzbare Club-Musik mit Mini-Blaskapelle, gemischt mit Rockband und bayerischen Texten. Das kann man mit der Kapelle Josef Menzl nicht vergleichen… Ich glaube, dass das was wir machen, ein einzigartiges Phänomen ist, das ich oft selber nicht begreife.
nmz: Sind die jetzigen Fans aus verschiedenen Altersgruppen oder was hat sich da verändert in punkto junge oder alte Fans ?
Menzl: Ich würde sagen, unsere Fan-Gemeinde wächst kontinuierlich, es kommen jetzt auch die Kinder von unseren früheren Fans zu unseren Konzerten, und die alten bleiben oder kommen wieder. Das ist ein weiteres Phänomen bei uns.
nmz: Gibt es durch diese Beliebtheit der Blasmusik mehr Nachwuchs? In Zeiten von KI sind ja die Echtheit und der Live-Charakter ein positives Signal. Echte Menschen am Instrument und auf der Bühne oder im Studio für eigene Stücke auf Tonträger.
Menzl: Ja, es ist nicht mehr peinlich, in einer Blaskapelle zu spielen, sondern die Kids finden das cool, und das ist es ja auch. Man kann verschiedene Musikrichtungen ohne Strom ausprobieren und überall gemeinsam machen. Blasmusik verbindet.
nmz: Hat das schon Auswirkungen auf den Verkauf von Blasinstrumenten, also eine positive Tendenz für die Hersteller und den Einzelhandel oder Musikschulen ?
Menzl: Ich glaube ja, weil die Instrumentenhersteller auf den Festivals vertreten sind mit ihren Ständen und die Festivals auch sponsern.
nmz: Was wird denn bei den Festivals gespielt, titelmäßig?
Menzl: Auf Festivals wird alles gespielt: von traditioneller Blasmusik bis zu Rock- und Pop-Klassikern, sogar Rage Against the Machine, Status Quo, Nena, Major Tom, Aha, ABBA, AC/DC, einfach alles und gemixt mit Blasmusik-Klassikern.
Woodstock der Blasmusik
nmz: Wie groß sind die Festivals und wieviele gibt es bereits? Kommen da noch Neue dazu?
Menzl: Die Mutter aller Festivals ist das „Woodstock der Blasmusik“ in Ort im Innkreis/Österreich (www.woodstockderblasmusik.at). Das hat schon eine „Rock im Park“-Dimension. Gefolgt von der „Brass Wiesn“ in Eching (www.brasswiesn.de). Und ja: es kommen ständig neue Festivals hinzu. Zum Beispiel das „Biergarten-Festival“ in Katharinenberg/Thüringen, wo wir auch vertreten sind. Ein neues Mega Festival inmitten der Republik.
nmz: Wie wird das in Zukunft aussehen, ist der Zenit schon erreicht, oder geht’s eigentlich erst richtig los?
Menzl: Die Diskussion ist ja gerade wieder entfacht. Jetzt plötzlich wird davon gesprochen, auf dem Oktoberfest mehr Blasmusik zu machen, weil die Leute dadurch nicht so aggressiv werden. Das kann man jetzt als Kompliment nehmen oder als Beleidigung. In dem Sinn: Lassen wir Blasmusik spielen, da kommt sowieso keine Stimmung auf. Diese Diskussion wird oft auch von Leuten geführt, die von Musik keine Ahnung haben.
Wir jedenfalls haben eine Anfrage zum Beispiel von „Cannstatter Wasen“ in Stuttgart, wo musikalisch eigentlich der Ballermann regiert. Die wollen einen Blasmusik-Tag machen, die sogenannten „Brass-Wasen“. Mit Saso Avsenik und seinen Original Oberkrainern, die eine tolle Karriere in der dritten Generation fortführen. Und mit uns.
Früher war es so: es wurde während des Oktoberfests den ganzen Tag Blasmusik gespielt, dazwischen hat eine Party-Band zwei Stunden aufgemischt. Jetzt ist es umgekehrt: die Party-Bands spielen den ganzen Tag, und wir sollen kommen und zwei Stunden dazwischen aufmischen. Irgendwie verrückt für mich, aber wir werden es machen und sehen, wie es wird.
Interview: Bernhard Kreuzer
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