Das Netzwerk FREO – Freie Ensembles und Orchester – feierte am 15. und 16. Juni sein zehnjähriges Bestehen und veranstaltete aus diesem Anlass eine zweitägige Konferenz, zu der Vertreter:innen ihrer Mitgliederensembles quer aus Deutschland in die Bundes- und Kulturhauptstadt eingeladen wurden, wo sich auch der Hauptsitz des Vereins befindet.
Auf dem Podium von links nach rechts: Christian Fausch (FREO), Antje Valentin (DMR), Olaf Zimmermann (DKR), Lena Krause (FREO). Fotos: Eva Radünzel
Erfolge und neue Herausforderungen
Seit 2016 versucht FREO als Interessenvertretung und Netzwerkorgan der freien Szene, die Arbeitsbedingungen und die politische Stimme selbständig tätiger, nicht institutionalisierter Musikensembles zu stärken. Sie bündeln und vertreten die politischen Interessen ihrer Mitglieder, bieten praktische Hilfen und Angebote wie Rechtsberatung an und vernetzen die freien Ensembles auf verschiedenen Ebenen, durch gemeinsame Workshops, Diskussionsrunden und Foren, in denen die Mitglieder auf einen gesammelten Fundus an Erfahrungen und Expertise zurückgreifen können, etwa wenn es um Antragstellungen für Fördergelder geht. Dies spart den Musiker:innen in der Praxis vor allem Zeit und Ressourcen – rare Güter in der Musik- und Kulturlandschaft. Die politische Wirksamkeit und Effizienz FREOs dürfte unter anderem der Expertise und Sachkundigkeit der Geschäftsführerin Lena Krause geschuldet sein, die einerseits bereits parteipolitische Vorerfahrungen bei der Grünen Partei in Wolfenbüttel und Braunschweig vorweisen kann, sowie eine starke und wirksame Stimme als Präsidiumsmitglied des DMR besitzt.
Zu den Mitgliedern des FREO-Netzwerks zählen zehn Jahre nach ihrer Gründung immerhin 52 professionelle Ensembles der freien Musikszene aus der gesamten Bundesrepublik, darunter einige der populärsten und prestigeträchtigsten Ensembles dieser Szene, wie das vielfach ausgezeichnete „Ensemble Modern“, das „Mahler Chamber Orchestra“, das „Ensemble Resonanz“ und viele weitere.
Auf der FREO-Vernetzt-Tagung am 15. und 16. Juni wurde nun anlässlich des zehnjährigen Jubiläums gemeinsam mit den anwesenden Mitgliedern Bilanz gezogen – zur vergangenen Arbeit FREOs, zur Antizipation künftiger Projekte und Forderungen, wie auch zum gesamtheitlichen Zustand der freien Ensembles und ihren Rahmenbedingungen. Der Montag war gefüllt mit verschiedenen Panels zur kulturpolitischen Einbettung der freien Musikszene; als Redner:innen waren relevante Vertreter:innen der deutschen Kulturadministration zu Gast, wie DMR-Präsidentin Lydia Grün, DMR-Generalsekretärin Antje Valentin, oder Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann. Der Dienstag hingegen war vollständig einer „Zukunftswerkstatt“ gewidmet, indem die anwesenden Vertreter:innen der freien Ensembles angehalten waren, sich gemeinsam mit dem FREO-Team ein ideales 2036 zu ersinnen. Am Vormittag wurde, aufgeteilt auf verschiedene Themenbereiche, eine Utopie der freien Szene für das Jahr 2036 konzipiert; am Nachmittag wurde über mögliche Strategien zum Erreichen dieser Utopien beraten. Die in der Zukunftswerkstatt erarbeiteten Szenarien, Impulse und Wünsche der freien Ensembles sollen dem FREO-Team als Aufschläge für künftige Forderungen, Maßnahmen und Strategien dienen.
Im Interview mit FREO
Den gemeinsamen Rundumblick der Tagung nahmen wir zum Anlass, den FREO-Vorstandsvorsitzenden Christian Fausch und die Geschäftsführerin
Lena Krause persönlich zu bereits erreichten Erfolgen und künftigen Herausforderungen zu befragen, und um im Gespräch herauszufinden, wie das FREO-Team nun nach zehn Jahren intensiven Netzwerkens und kulturpolitischer Arbeit seine Rolle und Mission versteht.
neue musikzeitung: Zehn Jahre begleitet FREO – begleiten Sie nun die freie Musikszene Deutschlands. Wie hat sich diese Szene aus Ihrer Sicht seit 2016 entwickelt?
FREO: Wir stellen auf jeden Fall fest, dass die Szene in den letzten 10 Jahren deutlich gewachsen und diverser geworden ist. Das ist einerseits wunderbar, wir wollen die freie Szene als ihre Interessenvertretung und Sprachrohr gerne wachsen und gedeihen sehen, aber darin steckt natürlich auch, dass es zunehmend mehr Konkurrenz auf dem Markt für Aufträge und Projektfinanzierungen gibt. Auf der positiven Seite können wir beobachten, dass die öffentliche Sichtbarkeit der Szene insgesamt größer geworden ist, was sicherlich einerseits an einer immer professionelleren Außendarstellung liegt, andererseits an einer immer stärker werdenden Vernetzung untereinander. Hierzu haben wir wohl auch unseren Teil beigetragen.
nmz: Gehen wir bezüglich Ihrer Beiträge für die freie Szene noch mehr ins Detail: Welche konkreten politischen Maßnahmen konnten Sie in Ihrem zehnjährigen Bestehen für die freien Ensembles und Orchester in Deutschland bereits erwirken?
FREO: Direkt zu Beginn unseres Bestehens, 2017, konnten wir als großen Verhandlungserfolg erzielen, dass das Förderprogramm „Exzellente Orchesterlandschaft“, welches im anfänglichen Ausschreiben nur auf staatliche Orchester ausgerichtet war, aufgebrochen wurde, sodass folglich auch freie Ensembles Förderung beantragen konnten. Zahlreiche unserer Mitglieder wurden seither in die Förderung im Programm „Exzellente Orchesterlandschaft“ aufgenommen und konnten dadurch finanziell profitieren. Seitdem kamen viele weitere kleinere und größere Erfolge dazu; während Corona konnten wir beispielsweise schnell und effizient viel konkretes an Maßnahmen und Verordnungen für die Freien Ensembles bewegen: Es gab ein „Neustart Kultur“-Programm für freie Musikensembles, was es ohne FREO so nicht gegeben hätte, außerdem konnten wir ganz pragmatisch Ausnahmeregelungen für Einreiseverordnungen erwirken, die unseren Ensembles und ihren Musiker:innen in dieser Zeit bei ihrer Arbeit zugute kam. In jüngster Zeit konnten wir beispielsweise mit dem Aufbau unserer digitalen Wissensplattform FREO-FORUM einen Ort für Weiterbildung, Wissenstransfer und Professionalisierung schaffen und haben mit anderen Netzwerken in Niedersachsen zusätzliche Fördermittel für freie Ensembles erstritten.
nmz: Wir durften in der Zukunftswerkstatt bereits einen regen Austausch der anwesenden Vertreter:innen verschiedenster freier Ensembles erleben und sehen außen auf Plakaten entlang der Einfriedungsmauer des Tagungsortes, dass Sie Ihre nunmehr 52 Mitgliedsensembles aus ganz Deutschland transparent und stolz präsentieren. Wie können weitere interessierte Ensembles zu Mitgliedern werden?
FREO: Wir achten in erster Linie darauf, dass die potentiellen Neumitglieder unserem Modell eines freien Ensembles entsprechen. Das beinhaltet eine feste Stammbesetzung, der überwiegende Teil der Musiker:innen im Ensemble soll selbständig tätig sein, das Ensemble muss eine privat getragene Organisation sein, also nicht in öffentlicher Trägerschaft stehen. Außerdem nehmen wir grundsätzlich keine Laien- oder Hobbyensembles auf, sondern unterstützen professionelle freie Ensembles und Orchester. Ansonsten sind wir aber ganz offen, was die Stilistik der Ensembles angeht, die Anzahl der Musiker:innen oder wie lange das Ensemble bereits existiert.
nmz: Es klingt teilweise so, als würde FREO die Position einer Gewerkschaft für die freie Musikszene ausfüllen. Wie stehen Sie selbst zu diesem Vergleich und wie genau sehen Sie Ihre Rolle im Verhältnis zu den freien Ensembles und im gesamten kulturpolitischen Diskurs?
FREO: Das Bild einer Gewerkschaft ist, auf uns angewandt, grundfalsch. Bei unseren Mitgliedern gibt es den typischen Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Interessenkonflikt nicht, da in freien Ensembles die Musiker:innen selbst Träger der Struktur sind und es dadurch eine Gleichzeitigkeit von Auftraggeber- und Auftragnehmer-Rolle gibt.
nmz: Ihre konkreten Serviceangebote sowie die Netzwerkarbeit über Tagungen wie FREO VERNETZT können sicherlich schnell kostspielig werden. Wie finanziert sich FREO?
FREO: Wir haben im Prinzip zwei finanzielle Hauptstandbeine: Mitgliedsbeiträge und Förderungen. Speziell diese FREO VERNETZT-Tagung läuft zum Beispiel über unser Projekt „Perspektiven“, das gefördert wird durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Dieses Projekt umfasst außerdem unser FREO-FORUM als digitale Workshop- und Wissensdatenbank für die freie Musikszene. Für die Tagung FREO VERNETZT hatte außerdem die GVL eine Projektfinanzierung beigesteuert.
nmz: Wo soll es in den nächsten 10 Jahren hingehen? Was sind unmittelbare und langfristige Ziele bis 2036?
FREO: Wir haben eine ganze Liste an noch offenen Forderungen – etwa zur Verbesserung der bürokratischen Rahmenbedingungen bei Förderungen – die wir weiter versuchen werden, politisch umzusetzen. Exemplarisch: Längere Mittelverwendungszeiträume, Vereinfachung der Verwendungsnachweisverfahren, Streichung des Verbots der Rücklagenbildung aus den Nebenbestimmungen zur Förderung, Dynamisierung des Bundesreisekostengesetzes und mehr Festbetragsfinanzierung anstatt Fehlbedarfsfinanzierung. Wir kämpfen für Strukturförderung in allen 16 Bundesländern und ein Engagement des Bundes in der Förderung der freien Ensemble- und Orchesterlandschaft. Wir möchten außerdem künftig mehr den Aufbau unserer regionalen Vernetzung fördern und vorantreiben. Es bilden sich inzwischen auch auf Landesebene von uns strukturell unabhängige Vereine zur Unterstützung der freien Ensembles und Orchester, denen wir gerne durch unsere langjährige Vorerfahrung mit Rat und Tat zur Seite stehen.
In erster Linie wollen wir in Zukunft aber weiterhin vor allem das angehen, was unsere Mitglieder für ihre musikalische Arbeit brauchen und sich wünschen. Hier helfen uns zum Beispiel die gemeinsamen Workshops und Zukunftswerkstätten, seismographisch zu erkennen, was die freien Ensembles gerade politisch und organisatorisch bewegt und wo wir künftig unterstützen, vernetzen und Initiative ergreifen können.
Nils Kubenka
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