Singen ist eine menschliche Grunderfahrung. Darüber sollte man nicht reden (müssen), sondern es einfach frohgemut tun. In der Evangelischen Akademie Loccum haben sich trotzdem drei Tage lang Fachleute damit beschäftigt, wie man Menschen „ins Singen bringen“ kann. Denn das eigene Singen ist leider nicht (mehr?) so verbreitet, wie man es sich – gerade auch wegen der mannigfaltigen positiven Effekte für den Singenden – wünschen möchte. Drei Tage lang wurde nach Strategien gesucht, wie man dieses ändern kann.
Zusammenkommen – Absprachen treffen – singen! © Anna-Kristina Bauer | VISION KIRCHENMUSIK
Ins Singen bringen – zwischen Demokratie und Gotteserfahrung
Ortsbestimmung: Wir befinden uns mitten in der evangelischen Musik-Bubble. – Die Evangelische Akademie Loccum hatte in der vergangenen Woche zu einer Tagung unter dem Thema „Ins Singen bringen! Gemeinsames Singen initiieren, fördern und begleiten“ eingeladen. Knapp 100 Personen waren der Einladung gefolgt, hauptsächlich Kirchenmusiker und Pastoren, nur wenige Vertreter außerkirchlicher Institutionen. Diese „Beschränkung“ im Teilnehmerkreis ist aber durchaus kein Manko, ermöglicht vielmehr ein hochkomplexes Phänomen exemplarisch für einen klar definierten gesellschaftlichen Bereich zu diskutieren und gegebenenfalls die Ergebnisse auf größere Zusammenhänge zu übertragen.
Dies gilt auch dann, wenn „Ins Singen bringen“ etwas voraussetzt: Es müssen bereits Menschen da sein, die man ins Singen bringen kann, die man anregen kann, aktiv zu werden und an einem nicht zuletzt gemeinschaftsstiftenden Phänomen teilzunehmen. Dieses selbstverständliche „Dasein“ ist – bei allen unübersehbaren Schrumpfungen der christlichen Kirchen – eine kirchliche Eigentümlichkeit: Da kommen Menschen zum Gottesdienst, zur Taufe, zur Beerdigung, zum Chor, zum Konfirmandenunterricht, weil sie eben kirchlich (zumindest aber kulturell) sozialisiert sind. Singen gehört ja im kirchlichen Bereich zumindest streckenweise noch zu einem zelebrierten und gelebten Kulturgut.
Die Frage, wie man Menschen – rein örtlich gemeint – „zum Singen bringen“ (vielleicht besser: „zum Singen holen“) kann, war also aus der kirchlichen Perspektive heraus naturgemäß nicht Fragestellung der Tagung. Nur der Hannoversche Landeskirchenmusikdirektor Benjamin Dippel erwähnte kurz die aktuelle Amateurmusikstudie (Deutsches Musikinformationszentrum und Institut für Demoskopie Allensbach), die 16,3 Millionen Menschen in Deutschland sieht, die in ihrer Freizeit musizieren. Bei derzeit einer Gesamtbevölkerung von 83,3 Millionen Menschen ist das ein knappes Fünftel. Da ist noch Luft nach oben! „Die Studie zeigt aber auch, dass die Zugänge sozial ungleich verteilt sind. Gerade für Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status gewinnen niedrigschwellige Orte an Bedeutung. Die Studie nennt dabei ausdrücklich die Kirchen“, so Dippel.
Body Percussion. © Anna-Kristina Bauer | VISION KIRCHENMUSIK
Die Weite, die Menschen dazu bringt, selbst zu singen und andere zum und ins Singen zu bringen, ist gigantisch groß. Antje Valentin, Generalsekretärin des Deutschen Musikrats, eröffnete den Reigen mit Gedanken zum Singen als demokratiefördernde Maßnahme. Die eigene Stimme hören, verwenden, laut werden lassen – das ist letztlich persönlichkeitsbildend. Sie warnt aber auch davor, dass Musik auch immer wieder politisch missbraucht worden ist. Pfarrer Frieder Dehlinger (Amt für Kirchenmusik der Ev. Landeskirche in Württemberg) beschreibt Singen als eine mögliche mystische Erfahrungsform im Gottesdienst, als eine positive geistliche Singerfahrung. Akademiedirektorin Julia Koll wirft einen Blick auf das mittlerweile traditionelle Weihnachtssingen im Hannoverschen Fußballstadion, einen ziemlich kirchenfernen Ort. Timm Siering von der Hochschule für Kirchenmusik in Bayreuth fragt nach Innovation in der Kirchenmusik und stellt die Frage „Was ist eigentlich ein neues Lied?“ und stellt heraus, dass es sich hierbei nicht um etwas „Modernes“ oder „Zeitgemäßes“ handelt, sondern „neu“ im Sinne von „neu entstanden“, „frisch“, „bisher nicht vorhanden“ oder „qualitativ anders“ zu verstehen ist. Melanie Wald-Fuhrmann vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik spürte der Frage „Wer singt, betet doppelt?“ nach und erläuterte, was die Wissenschaft über Singen als religiöse Praxis weiß.
Neues Evangelisches Gesangbuch
Nicht nur im Hintergrund des Themas wird allseits mit Spannung das Neue Evangelische Gesangbuch erwartet, das derzeit in Vorbereitung ist. Nach 30 Jahren ist es wieder einmal an der Zeit, das Gesangbuch auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen – theologisch, musikalisch, gesellschaftspolitisch. Seit März 2026 gibt es eine vorläufige [sic!] Liedliste, die den Bestand des neuen Gesangbuches skizziert. Aus etwa 17.000 Liedern hat die Arbeitsgruppe nun 1.200 herausgefiltert, die in der zukünftigen digitalen Bank höchstwahrscheinlich vorhanden sein werden. Es stehen aber noch diverse Überarbeitungen und Veränderungen der Liste an, auch sollen noch die regionalen Sonderteile eingearbeitet werden. Am Ende werden in der digitalen Bank um und bei 2.000 Lieder enthalten sein. Ein Teil dieser Lieder wird auch in einer gedruckten Ausgabe erscheinen.
Nach der gemeindlichen Erprobungsphase gab es grundsätzlich Zustimmung zu der Auswahl. Nicht jeder will aber auch verstehen, wie so ein Gesangbuch entsteht und welche Kriterien berücksichtigt werden müssen. „‚Mein‘ Lied ist nicht drin und jenes Lied singt doch kein Mensch“ war wohl der häufigste Kritikpunkt. Die Devise der Gesangbuchkommission lautete – gerade auch im Hinblick auf die Vielgestaltigkeit des Protestantismus in den einzelnen Gemeinden –: „‚Ein Gesangbuch für alle‘, das bedeutet: Viele bis sehr viele sollen und werden sich darin wiederfinden. In der Konsequenz bedeutet dies allerdings vermutlich auch: Nicht alles im Gesangbuch ist gleichermaßen für alle geeignet, wichtig, nötig.“ Im kommenden Jahr sollen die Beratungen abgeschlossen werden – das neue Gesangbuch wird 2028 erscheinen und in den Gemeinden eingeführt werden.
Einen großen Teil der Tagung nahm die Diskussion in Arbeitsgruppen unter der Überschrift „Singen, lebenslang“ ein. Dabei wurden alle Stationen vom Kleinkindalter und der KiTa bis zum generationenübergreifenden Singen betrachtet. Der Tagungsbeobachter Michael Schneider, Theologe und Hymnologe an der Goethe-Universität, macht zwei Beobachtungen: „Ausnahmslos jede Gruppe hat in ihren Statements festgehalten: Erstens – unsere Altersgruppe ist sehr schwer abzugrenzen und zu definieren. Zweitens – unsere Altersgruppe fällt durch eine sehr große Diversität bzw. Heterogenität auf. Und noch etwas war deutlich: In nahezu allen Gruppen wurden ähnliche Strategien beobachtet – Projektorientierung, Einbindung inner- und außerkirchlicher Partner, Geh-Struktur statt Erwartung ‚Ich lade zum Singen ein und alle kommen‘.“
Schönheit, Freiheit, Lust und Freude des Singens
Zum Schluss und als Zusammenfassung der Tagung noch einmal Michael Schneider: „Musik – wie Religion – ist eben nicht nur etwas, über das man sprechen soll und kann, sondern in, durch, mit dem man sprechen, im Wortsinn sich ausdrücken kann. Ich bin überzeugt davon, dass wir andere außerhalb unserer Bubble nur von der Schönheit, der Freiheit, der Lust, der Freude des Singens überzeugen können, wenn wir nicht nur klug darüber sprechen, sondern solche Erfahrungen ermöglichen.“
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