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Wo die Menschmaschine sich auflöst, werden andere Weisen des In-der-Welt-Seins sichtbar. KI generiert/ChatGPT

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Musik aus den Verwertungslogiken befreien

Untertitel
Warum wir den „musical turn“ aus dem technisierten „Gestell“ der Moderne befreien müssen
Vorspann / Teaser

Wir leben im Zeitalter der großen Kehrtwenden. Alles soll sich wenden, am besten zum Guten. Die Verkehrswende sorgt dafür, dass wir nun mit Lithium-Batterien in gewohnter Weise von A nach B jagen, dank der Energiewende werden unsere Server nun mit Strom aus Silizium-Farmen gefüttert, die Agrarwende lässt uns auf das Bio-Siegel achten, bevor wir artgerecht produziertes Fleisch verspeisen. Bildungsreformen dienen auch weiterhin der Ressourcenoptimierung, ohne sich von einem technokratischen Lernbegriff abzuwenden. Herkömmliche „Wenden“ sorgen dafür, ein System zu reparieren, ohne das hier zugrunde liegende Denken zu verändern. Wenn in der Schule eine „Wende“ ausgerufen wird, verlagern sich die Tragödien der Effizienz lediglich vom Papier auf das Tablet. Ob im Bildungsbereich, ob Verkehr, Energie- oder Landwirtschaft: Solange wir „Wenden“ nur technologisch und ökonomisch planen, modulieren wir vielleicht die Grammatik eines Systems, nicht aber unser Verhältnis zur Welt.

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„Musical turn“ reloaded?

Vor mittlerweile fünf Jahren hat der Autor an gleicher Stelle einmal von einem „musical turn“ (nmz 9/21) geträumt, von einem Resonanzraum, der bis heute sehnlichst vermisst wird und vergeblich darauf wartet, gestimmt zu werden. Der Philosoph Martin Heidegger spricht nicht von einer „Wende“, er hat den Begriff der „Kehre“ geprägt und bezeichnet damit einen tiefgreifenden Wandel, der sich in seinem philosophischen Denken selbst vollzogen hat. In seinem Frühwerk „Sein und Zeit“ versuchte Heidegger noch, das „Sein“ aus der Perspektive des menschlichen Bewusstseins zu ergründen. In seinem Spätwerk steht das „Sein“ nun selbst im Mittelpunkt. Er warnt davor, die Welt nur noch als „Bestand“, also als Material oder Ressource, zu betrachten, nennt diese kollektive Sucht nach Beherrschung und Berechenbarkeit die „Machenschaft“. Ihr blindes Werkzeug ist das „Gestell“ – ein technokratischer Blick, der das Gerüst eines Systems beschreibt, das alles Lebendige in eine nützliche Ressource verwandelt.

Gegen planetarische Ausbeutung hilft keine Reform, solange sie nur die Rädchen im Getriebe repariert, aber nichts am Code der Maschine ändert. Keine Kehrtwende der Welt, keine Bildungsreform, kein „musical turn“ kann dieses Gestell auflösen, denn jede Reform spricht bereits dessen Sprache: die Sprache der Zahlen, der Outputs, der Optimierung.

Weg vom hochmütigen Machen-Wollen

Für eine „Kehre“ braucht es das, was Heidegger in seinem eigenen Denken vollzog: den Schritt heraus aus dem hochmütigen Machen-Wollen, hinein in das hörende, empfangende „Lassen“, es braucht „Gelassenheit“. Und wo, wenn nicht in der Kunst, bricht dieses unberechenbare als Leuchten der Wahrheit hervor? Darum gilt es nun, den Gedanken eines fundamentalen „musical turns“ zu radikalisieren. Wenn uns die technokratische Sprache der Gegenwart gefangen hält, dann müssen wir diese Sprache hinter uns lassen. Was wir brauchen, ist eine musikalische „Kehre“ vom bloßen „Seienden“, hin zum „Sein“. Kunst ist der natürliche Feind der „Machenschaft“, solange sie sich konsequent weigert, nützlich zu sein. Ein Kunstwerk lässt sich nicht konsumieren. Für Heidegger stiftet Kunst das „Sein“, weil sie das einzige menschliche Handeln ist, das die Welt nicht benutzt, sondern in ihrer Wahrheit erscheinen lässt. Kunst zergeht, wenn wir allzu zudringlich werden, sie analytisch zergliedern oder für unsere Zwecke einspannen, fordert sie uns doch dazu heraus, die Dinge um ihrer selbst willen anzuschauen.

Der Mensch ist nicht der Dirigent dieser Welt, auch wenn er sich in seinem technologischen Größenwahn gerne so aufführt. Er ist, wenn es hochkommt, der „Hirt des Klangs“. Erst wenn wir den Lärm unserer eigenen „Machenschaft“ ausschalten, können wir das eigentliche Lied der Welt wieder vernehmen. So wird es Zeit, dass wir das Errechnen verlernen und das Singen wiederentdecken.

Musik offenbart die „Tiefe des Seins“

Bei aller Problematik um seine politischen Verirrungen, die sich nach Veröffentlichung seiner Tagebücher, der „Schwarzen Hefte“, nicht widerlegen lassen, und ohne hier diskutieren zu wollen, ob sein Hauptwerk „Sein und Zeit“ anschlussfähig für ein faschistisches Denken sei, gilt es festzuhalten, dass Heidegger in seiner „Kehre“ den „musical turn“ selbst angestimmt hat. Er wendet sich ab von den technisierenden Begriffen der Philosophie, dem Besteck der „Machenschaften“, und findet seine eigene – manchen auch befremdlich wirkende – poetische Sprache. Auch wenn er sich kaum explizit zu Musik geäußert hat, spricht er vom „Geläut der Stille“ und lässt uns darüber nachdenken, wo wir Musik als bloßes „Erlebnis“ degradieren, das den modernen Menschen ablenken soll, anstatt ihn mit der Tiefe des „Seins“ zu konfrontieren. Will ein „musical turn“ zur „Kehre“ werden, dann muss die Musik den Menschen aus seinem Raum herausreißen und es gilt zu fragen, ob es in gebotener Weise auch gelingen kann, die Welt der „Machenschaften“ und ihr „Gestell“ wirklich zu verlassen.

Aufruf zur „Ungelassenheit“

Auf jeden Fall wartet der „musical turn“ darauf, angestimmt zu werden, eine zur Passivität verdammte „Gelassenheit“ hilft uns dabei, aber auch nicht weiter. Die von Heidegger ausgerufene „Kehre“ sollte angesichts der dramatischen Situation, in der wir uns aufgrund der bereits verpassten „Wenden“ befinden, mit einem von seinem Schüler Günther Anders gelenkten Aufruf zur „Ungelassenheit“ verbunden werden: Widerstand darf nicht im Kopf (oder bei Heidegger in der Berghütte) bleiben. Statt dem „antiquierten Menschen“ (Anders) als Soundtrack für den Wellness-Lifestyle zu dienen, sich als bürgerliche Oase des Abschaltens zu inszenieren oder im Konzertsaal gar als Disziplinierungsmaschine mit starrer Sitzhaltung und Hustverbot zu fungieren, muss Musik politisch aufrütteln, ungemütliche Debatten anstoßen. Überträgt man Heideggers Kritik am „Gestell“ und Anders’ Rede von der „Antiquiertheit des Menschen“ auf den Konzertbetrieb, wird schnell deutlich, wie sich die Klassikbranche wie kaum eine andere Sparte in erstarrten Ritualen und Konventionen verhakt.

Dem Verweilen Raum geben

Interaktive Formate, ungewöhnliche Orte, offene Zeitstrukturen, die dem Verweilen Raum geben, versuchen jedoch längst, die funktionalen Distanzen zwischen Musizierenden und Hörenden aufzubrechen und machen Musik zum unvorhersehbaren Ereignis. Musik wird als ein kritisches Reflexionsmedium genutzt, wenn gesellschaftliche und philosophische Fragestellungen in der Musik verhandelt und in Publikumsgesprächen und Workshops reflektiert werden. Im Rahmen des internationalen Projekts „Experimental Concert Research“ werden – unter anderem unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik – solche Formate auch wissenschaftlich untersucht. Das „Stegreif Orchester“ nutzt zum Beispiel Musik als Werkzeug der „moralischen Phantasie“ (Anders), um im Projekt „FreeMahler“ Mahlers Naturbegeisterung mit den Bedrohungen des menschengemachten Klimawandels zu kontrapunktieren. Dieses ist nur ein ausgewähltes Beispiel für viele, das zeigt, wie „Gelassenheit“ im Sinne Heideggers dazu führen kann, das „Sein“ unverstellt zu betrachten, es aber nicht darum gehen darf, hier in Passivität zu verfallen. Das wäre für Günther Anders eine unterlassene Hilfeleistung.

Solange wir Musik nicht aus den Verwertungslogiken befreien, in denen wir uns auch selbst bewegen, wird uns niemand retten. Zu einem „musical turn“ gehört nämlich zuallererst, dass wir aufhören müssen, gefällig zu sein. Darum sollten wir den Konzertsaal wieder zu dem machen, was er im Kern seines Wesens schon immer sein wollte: ein Ort des radikalen zweckfreien „Seins“, ein hochpolitischer Resonanzraum, der die Welt nicht nur abbildet, sondern im Innersten erschüttert.

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