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Moscow Contemporary Music Ensemble (MCME). Foto: privat

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Zwischen Parteilinie und Nonkonformismus

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Zur Situation von Komponisten im heutigen Russland
Vorspann / Teaser

Der Krieg in der Ukraine spaltete die russischen Komponisten in jene, die das Land verließen, und jene, die blieben. Von diesem Moment an war jede Erwähnung eines Komponisten mit der Frage verbunden: „Wo ist sie/er jetzt?“ Die Antwort darauf bestimmte die Sichtweise auf den Komponisten und sein Werk. Lange Zeit galt die Flucht als starke Geste, die die Position des Komponisten gegenüber dieser Situation offenbarte, denn schließlich war es nicht nur eine bewusste Entscheidung – es war eine Handlung. Doch mit der Zeit verlor diese Handlung an Aussagekraft, da ihr oft keine kreativen Manifestationen folgten, die die Flucht aus Russland notwendig gemacht hätten. Die Position derer, die blieben, schien hingegen weniger offensichtlich, verschleiert durch das Fehlen starker Ges­ten. Ein Schatten aus Vorwürfen seitens der „moralischen Stimmgabeln“ der Emigrantengemeinschaft legte sich sogar auf sie. Doch das Bleiben ist nicht immer eine freie Entscheidung.

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Für viele war die Flucht aus Gründen des Alltagslebens unmöglich, während andere von einer existenziellen Abneigung getrieben wurden, ungeachtet der Gefahren im eigenen Land. In jedem Fall bedeutet das Bleiben nicht, eine Position zu äußern. Und im fünften Kriegsjahr wird deutlich, dass sich inmitten der ethischen und ideologischen Turbulenzen auf beiden Seiten der Grenze zwei unterschiedliche Musikgemeinschaften herausbilden, die sich auf unterschiedliche Weise an die neue, toxische Realität anpassen, aber nach wie vor durch eine intensive Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in ihrem Land vereint sind. Und dabei ist es eben diese Auseinandersetzung, und nicht der Ort, die einen Komponisten charakterisiert und die Wahrnehmung seiner Person bestimmt.

Exil und Opportunismus

Man spricht von „Relokanten“, einer Welle russischer Emigranten, die das Land seit Beginn des Ukraine-Krieges 2022 mit der Absicht verließen, ihren Lebensmittelpunkt nur vorübergehend zu verlagern, bis sich der Auslandsaufenthalt für viele in ein dauerhaftes Exil verwandelte. Komponisten-„Relokanten“ vermieden zwar einige Risiken, sahen sich aber anderen gegenüber: der Gefahr, ihre kreative Motivation im zermürbenden Kampf mit dem Alltag nach neuen, ungewohnten Regeln zu verlieren; und der Notwendigkeit, ihre berufliche Zukunft neu zu gestalten, wo die Freiheit, für die so viel geopfert worden war, nur noch eine Bedingung, aber keine Garantie für Erfolg ist.

Diejenigen, die in Russland blieben, mussten sich auf schwindenden Inseln der Freiheit zurechtfinden, zwischen immer mehr Verboten und Prioritäten, der Schließung und Umstrukturierung von Institutionen, der Markierungen als „unerwünscht“ oder „feindselig“, der „Normalisierung“ und „Banalisierung“ des total Unvorstellbaren und dem ständigen Refrain informierter Gesprächspartner: „Nun, das verstehst du doch selbst.“ Auf diesem Weg mussten Komponisten bewusste Entscheidungen treffen, die sich nicht nur in ihren Karrieren, sondern auch in den Abenteuern ihrer Musikstile manifestierten.

Die russische Musikszene begann, zwei Sprachen zu entwickeln – die opportunistische und die äsopische. Und in beiden Fällen geschieht dies blindlings. Denn im ersten Fall bedarf es keiner Vision, sondern der Vorgaben loyaler Auftragsgeber und der sowjetischen Erfahrung von „Parteilinien in der Kunst“. Im zweiten Fall sind Komponisten gezwungen, die ihnen widerfahrene und bis dahin unbekannte Realität eingehend zu betrachten, um deren Wesen in ihrer Musik zu erkennen und auszudrücken, während sie gleichzeitig Distanz zu den roten Linien wahren, jenseits derer das Leben ­unsicher wird.

Das Offensichtliche vermeiden

Zwischen diesen Extremen werden verschiedene kreative Strategien praktiziert, die es Komponisten ermöglichen, zu schreiben und aufzuführen. Jene Pragmatiker, die die Begabung und das Geschick besitzen, offenen Opportunismus zu verachten, finden Zuflucht im abstrakten Akademismus oder in einer Art heiterer, positiver Thematik. Ambitioniertere Komponisten, die sich zu größeren Themen hingezogen fühlen, ziehen sich in Esoterik und illustrative Spiritualität zurück, wo sie die ganze Welt lieben oder verfluchen können, ohne sich in Details zu verlieren. Auch das Feld abstrakter technologischer Experimente erweitert sich. Doch in all dem lässt sich die Strategie erkennen, das Offensichtliche zu vermeiden, sich von der komplexen und unsicheren Moderne zu distanzieren. In solchen Fällen wird Musik zu einer dekorativen und angewandten Kunst, die ihre eigenen Mittel der Sinnstiftung unterdrückt und sie durch Techniken der Bedeutungsimitation ersetzt.

Entgegen der in der Emigrantengemeinschaft weit verbreiteten Ansicht, dass neue russische Musik unter den gegenwärtigen Bedingungen nichts Wertvolles hervorbringen kann und auch gar nicht das Recht dazu hat, wird durchaus etwas Wertvolles geschaffen und muss auch entstehen. Denn, wie bereits erwähnt, der Aufenthaltsort eines Komponisten ist kein Ausdruck seiner Position. Das bedeutet, dass es im Land weiterhin Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und unterschiedlicher Bereitschaft gibt, diese zu äußern. Trotz der schmerzlichen Zahl von Künstlern, die die Heimat verlassen haben, gibt es in Russland noch genügend empathische und kritische Denker, um die Lebensfähigkeit der kreativen Szene und ihrer wenigen Zentren zu erhalten.

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Vokalensemble N‘Caged. Foto: privat

Vokalensemble N‘Caged. Foto: privat

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Natürlich schrumpft die Anzahl an geeigneten Spielstätten und Institutionen, aber Komponisten und Interpreten neuer Musik lernen, sich an die ideologisch vergifteten Bedingungen anzupassen – sie bevorzugen kleine, unabhängige Bühnen, infiltrieren die „neutralen“ Programme von Philharmonien und anderen Konzerteinrichtungen, arbeiten mit Theaterprojekten zusammen und suchen private Sponsoren für kleinere Projekte. In jedem Fall werden Komponisten jedoch der Möglichkeit beraubt, starke Gesten zu unternehmen – außer suizidalen. Um überhaupt etwas zu sagen, muss ein Komponist sich unter dem Radar des öffentlichen Interesses halten und jeglichen Kontakt zum Kulturestablishment vermeiden. Selbst mit den besten Absichten ist er in dieser Mesalliance dazu verdammt, zum Propagandafutter zu werden.

Zwischen Norm und Negation

Neue russische Musik kann sich nur mühsam in den gegenwärtigen Gegebenheiten ihres Landes zurechtfinden und eine eigene Sprache entwickeln, um Bedeutungen auszudrücken, die sich nicht direkt und offen äußern lassen. Aus naheliegenden Gründen tendiert der ästhetische Mainstream im heutigen Russland zum „Normalen“, also zur Einhaltung geschriebener und ungeschriebener Normen. Die Hegemonie der Normen als Form sozialer Kontrolle erstreckt sich auch auf die zeitgenössische Musik. Projekte, die mit den Ideologien der „großen Tradition“ und des „historischen Gedächtnisses“ verbunden sind, gewinnen an Bedeutung. Sie implizieren einen spezifischen Stil, den einige ehrgeizige Komponisten mit unterschiedlichem Zynismus annehmen. Doch bisher ist aus dieser lukrativen Position keine gute Musik hervorgegangen (was die Gegenwart von der Sowjetzeit unterscheidet, als kommunistische Utopien, selbst unter den Zwängen der Staatskulturpolitik, herausragende Werke inspirierten).

Komponisten, die Würde und schöpferischen Willen bewahren, greifen zunehmend zu unkonventionellen, radikalen Mitteln künstlerischer Reflexion, um ihre Distanz zu Konjunkturästhetik zu betonen. Dies erfordert große innere Freiheit und kritisches Denken, wodurch das hohe professionelle Niveau ihrer Kompositionen erhalten bleibt. Ein nachdenklicher Komponist im heutigen Russland ist ein Nonkonformist, der nicht nur sein Umfeld, sondern auch sich selbst genau beobachten muss, damit er nicht, getrieben von der Trägheit eines widernatürlichen Laufs der Dinge, ins Reich des Bösen abgleitet und sich irgendwann im Film „Mephisto“ wiederfindet.

Vielleicht kann ein Komponist in Friedenszeiten, wenn das Leben irgendwie seinen gewohnten Gang geht, die Umgebung ignorieren und, wie Brodsky schrieb, „Stendhals Spiegel benutzen, um die Windungen und Irrungen seiner eigenen Seele zu erforschen“. Doch im heutigen Russland genügen allein Talent und Bildung nicht, um die Musik der eigenen Zeit zu schaffen, denn, wie der Pianist Heinrich Neuhaus (der Lehrer von Swjatoslaw Richter) einmal sagte: „Ein guter Musiker kann kein guter Musiker sein, wenn er nur ein guter Musiker ist.“

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