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Kultur im ländlichen Raum: Open Air mit Kulisse am Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen. Foto: Bernd Schweinar

Kultur im ländlichen Raum: Open Air mit Kulisse am Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen. Foto: Bernd Schweinar

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Festivals als Orte der Heimat im ländlichen Raum

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Das Bundeslandwirtschaftsministerium und die Tagung „Land: Raum für Zukunft“
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Protagonisten sagen, man könne sich nie genug um die Förderung von Musik kümmern. Je mehr Ebenen – auch politische – um so besser. Auf das Bundeslandwirtschaftsministerium kommt man da vielleicht nicht gleich beim ers­ten Gedanken. Musik ist zum Glück nicht nur im urbanen Raum Spielwiese. Musik bildet viele Plattformen. Über alle Genres hinweg, auch und insbesondere im ländlichen Raum. Dies zu unterstützen, Bedarfe auch zu etatisieren, kann daher gerade in finanziell rauen Zeiten nur die erste Stufe zum Zugewinn sein.

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Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) hatte Ende Januar zum Zukunftsforum unter dem Motto „Land: Raum für Zukunft“ nach Berlin geladen. Der Subtitel „Flächen und Gebäude klug nutzen – Heimat gemeinsam gestalten“ ließ viel Interpretationsfreiraum. Rund eintausend Besucher sollen vor Ort und nochmals die gleiche Zahl virtuell in den parallel online übertragenen Foren beteiligt gewesen sein. Die drei Themenfelder Raumordnung, Gebäude und ihre Nutzung, sowie Raum für Begegnungen würden alle Kulturaktiven sofort auch auf sich und das eigene Engagement fokussieren.

Dass es in Ministerien auch angekommen ist, darf durchaus als sehr erfreulich subsummiert werden. Es hat allerdings gedauert und etwas Zeit gebraucht. Die Wurzeln reichen fast ein Jahrzehnt zurück zur Aktion „LandKultur“ und durchaus passablen Projektbudgets. Inzwischen ist das „Heimatministerium“ auch aus dem Innenressort ins Landwirtschaftsministerium „gewechselt“, wie ein BMLEH-Vertreter im Diskussionsteil eines Fachvortrages einfließen lässt. Horst Seehofer hatte sich damals sicherlich einiges gedacht, auch wenn der Heimatbegriff im Kontext zum Innenministerium medial einst eher belächelt wurde. Umgekehrt sollte man schon fragen, ob der Herr Dobrindt mit dem Begriff nur schwer etwas anzufangen weiß. Dabei hat Markus Söder es ihm doch in Bayern vorgemacht, dass das eigentlich ein durchaus zentrales Thema sein könnte.

Und neben Bibliotheken, Chören, Theatergruppen oder Klassik gibt es auf dem Land eben auch viele junge Leute. Mit anderem Musikgeschmack! Damit sie nicht in die zweite Reihe rutschen, gilt es für möglichst viele auch durchaus unterschiedliche Angebote zu schaffen. Und dabei das Mobilitätsproblem nicht aus den Augen zu verlieren.

Im Fachforum „Wie Festivals Gemeinschaft stärken – Livemusikkultur im ländlichen Raum“ stellte die Initiative Musik gGmbH als Fördereinrichtung des Bundes zusammen mit drei Landeseinrichtungen die Bundesstudie zur Festivalförderung dar (die nmz berichtete). Die viel zu üppige Vorstellung dieser Studie war überfrachtet mit Zahlenmaterial das die Zuhörenden schnell wieder „verlassen“ hat. Auch wenn es durchaus relevant ist zu wissen, „dass 35 Prozent der Festivals im ländlichen Raum“ stattfinden und „rund 60 Prozent in Städten unter 100.000 Einwohnern“.

Aufmerksamkeit und spätere Nachfragen generierten insbesondere die Praxisbeispiele aus den Ländern Niedersachsen, Brandenburg und Bayern. Simon Knop-Jacobsen von ImPuls Brandenburg prägte den Satz „auch bei Rock- und Popfestivals kommt Gesellschaft zusammen“. Und Andreas Olschar vom Verband für Popkultur in Bayern e.V. hob hervor: „Bei uns veranstalten auch viele Sportvereine Rock- und Popfestivals.“ In Bayern können unter dem eher sperrigen Programmtitel „Hinter ins Land“ Landesmittel zwischen 3.000 und 9.000 Euro aus einem Etat für die „Freie Szene“ beantragt werden. 130 Festivals mit rund 180.000 Besuchenden hätten sich zuletzt beworben. 33 Festivals konnte man fördern. Dies sei insbesondere auch eine Unterstützung für das Ehrenamt.

In der Publikumsdiskussion wurde dies nochmals hervorgehoben: „Festivals sind nicht nur ‚Rock am Ring‘. Auf dem Land helfen sie Heimat neu zu definieren. Festivals bringen Menschen zusammen, sind ein Einstieg ins Ehrenamt“. Zudem hat die Festivalstudie des Bundes ergeben, dass rund dreiviertel aller Festivals mit Ehrenamtlichen arbeiten beziehungsweise ohne diese gar nicht existieren könnten. „Popfestivals sind auch Ausdruck für Orte der Heimat“, so eine andere Diskussionsteilnehmde.

Vermisst wurden allerdings Argumente wie jenes, dass ein fundiertes Kulturangebot im ländlichen Raum auch ein Standortfaktor für die Ansiedelung von Unternehmen ist. Deren Mitarbeiter, die es anzuwerben gilt, wollen ja nicht in eine Diaspora übersiedeln. Das hat auch Bedeutung für die Tatsache, dass sich viele das Wohnen in der Stadt immer schwerer leis­ten können und ins Umland ziehen.

Und das Thema blendete aus, dass Jugendliche auf dem Land unzählige Partys – nicht selten mit Coverbands – veranstalten. In der Relation vereinnahmte die Diskussion eher den für das Land durchaus elitär zu nennenden Anspruch für die selbstkomponierte Musik von selbstaufführenden Autorinnen und Autoren. Solche Akteure ziehen auch auf dem Land weniger bis wenig Publikum. Aber selbst eine Vereinsparty will ihre Kosten refinanziert bekommen. Allerdings bieten kleinere Rockfestivals mit bekannteren Headlinern durchaus unbekannteren Bands im Vorprogramm interessante und wichtige Plattformen.

Zu wenig präsent: Ein Wegweiser, wie man Festivalmacherinnen und -macher motiviert und anleitet. Denn Festivals zu organisieren bedeutet fast immer auch ins Risiko zu gehen. Ausfallbürgschaften von Gemeinden wären hier aber schon ein sehr hilfreiches Werkzeug, bei natürlich angemessener Kalkulation. Simon Knop-Jacobsen wies allerdings darauf hin, dass man beim ImPuls Brandenburg e.V. das Handbuch „How-To Festival“ bestellen könne, das sowohl für Aktive wie auch für Behörden und andere Verwaltungen ein wichtiger Wegweiser sei.

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