Wir leben in einer Epoche, in der das Urheberrecht immer weniger Wert hat. Bei Texten, bei Kompositionen und auch bei Bildern. Geschäftsmodelle der Digitalisierung sind kanibalische Killerinstrumente. Die Erlöse aus Streamingdiensten gelten als Paradebeispiel für Missbrauch und Ausnutzung von Kreativen. Das KI-Training ohne Honorierung ist nur noch die Spitze des Missbrauchs. Für Musikerinnen und Musiker sind die Einnahmen aus Konzerten und Merchandise-Verkauf bei selbigen daher existenziell. Der nmz-Rechercheansatz war daher ein möglicher Missbrauch von illegal hergestellten T-Shirts und anderen Fan-Devotionalien durch Produktpiraterie. Geblieben ist – gar nicht mal überspitzt formuliert – die Diskriminierung von Pressefotografen in der Musikbranche.
Im Münchener Olympiastadion. Foto: Bernd Schweinar
Konzertfotografen als Feinde diskriminiert?
Die Null-Komma-Fastnichts-Beteiligungen an den Streamingerlösen sind lächerlich. Wie sagte ein Singer/Songwriter vor kurzem: Davon kann ich mir pro Monat drei Tassen Kaffee leisten. Ohne den Verkauf von – immer öfter selbstproduzierten – CDs, T-Shirts und Hoodies, aber auch Stickern, Feuerzeugen, Buttons, Tassen und so weiter würden die Einnahmen von Bands und Solo-Acts vielfach nicht mehr zum Leben und Überleben reichen. Ist dieses Einnahmestandbein im heutigen Pirateriezeitalter ebenfalls bedroht?
2012 gab es eine interessante Studie der medienboard Berlin-Brandenburg und der House Of Research GmbH Berlin mit dem Titel „Auswirkungen digitaler Piraterie auf die Ökonomie von Medien“ zu den „Effekten von Urheberrechtsverletzungen auf die Film-, Musik- und Games-Wirtschaft“. Seither sind 15 Jahre vergangen. Viel Zeit in einer schnelllebigen Branche. In den Jahreszahlen des Bundesverbandes der Musikindustrie (BVMI) sagten für 2024 immerhin rund 15 Prozent der Streamingnutzenden „Ich interessiere mich für special editions von Musikprodukten mit umfangreichem Bonusmaterial wie ausführlichem Booklet, Videos, Songtexten, Merchandise-Artikeln“. In der Käuferanalyse lagen die Werte bei jenen, die CDs, Downloads und Vinyl kaufen sogar rund doppelt so hoch. Gerade im digitalen Zeitalter der Entwertung von Musik sind diese Minimum 15 Prozent jedoch elementar. Wie bedroht daher Produktpiraterie diese Einkommenssäule aktuell?
Keine verbreitete Piraterie
Der Zoll-Generaldirektion, dem deutschen Markenverband und dem Bundesverband Musikindustrie sind diesbezüglich entweder gar keine Schadenssummen bekannt oder es scheint so marginal, dass dazu gar keine Daten geführt werden. Dem Zoll war es sogar eine eigene Pressemeldung wert, als im April 2024 in einem Container aus China ganze 98 gefälschte T-Shirts dreier Metalbands mit deren Standardmotiven entdeckt wurden. Die nmz hat auch bei den drei Major-Tonträgerfirmen sowie dem Verband Unabhängiger Tonträgerunternehmen (VUT) nachgefragt. Keine Antwort dürfte auch eine Antwort sein! Für die Kreativen scheint es durchaus eine positive Bilanz zu sein, dass Produktpiraterie – noch dazu mit Pressefotos – diesbezüglich keine (große) Gefahr zu sein scheint. Zumindest aktuell.
Trotzdem Pressefotografen unter Generalverdacht
Allerdings ist auffallend, dass in den Fotoverträgen, die Pressefotografen bei etlichen größeren Bands und Einzel-Acts vor der Erlaubnis zur Bildberichterstattung unterzeichnen müssen, die Restriktionen weiterhin unverhältnismäßig vorgegeben werden. Selbst eine eher regional prominente bayerische Band legte vor Jahresfrist 20 Minuten vor Einlass dem örtlichen Veranstalter einen Fotovertrag für die Medien vor, in welchem es hieß: „Eine darüber hinausgehende Nutzung der Fotografien, das heißt insbesondere eine kommerzielle Nutzung in Form von Postern, Karten, Kalendern oder Büchern sowie für Merchandising jeglicher Art, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung durch (Band) ausgeschlossen.“ Das ist im Geschäftsleben lizenzierter Usus. Die nicht existente Piraterie bestätigt das auch. Trotzdem kommt folgender Droh-Absatz: „Sollte das Fotomaterial über die oben genannten journalistischen Berichterstattungen hinausgehen und/oder vorgenommene Fotografien des Auftritts genutzt werden, sind sie verpflichtet, sämtliche entstehenden Schäden sowie Rechtsverfolgungskosten zu erstatten.“
Es gibt auch seriöse Partner
Die nmz hat auch bei dieser Band und deren Management nachgefragt, wie oft und in welcher Höhe der Band denn in der Vergangenheit Schaden durch missbräuchliche Pressefotos entstanden seien. Antwort? Zweimal keine! Fotoverträge sind in der Branche ein heikles Thema. Auch andere angefragte Managements und Agenturen antworten nicht. Lediglich Dieter Schubert, CEO von A.S.S. Concerts & Promotion in Hamburg gibt sein Go für namentliche Zitate. „Ich kann mich nicht entsinnen, dass das bei unseren Künstlern noch ein großes Thema wäre“, so Schubert. Und weiter: „Außer, es gibt persönliche Gründe des Künstlers, an die wir als Agentur natürlich gebunden sind.“ Er nennt eine optische Einschränkung eines Künstlers und das ist auch dessen gutes Recht, hier seine Bildrechte zu priorisieren. Dem nmz-Autor ist es in den Neunzigern aber auch schon mal passiert, dass trotz bestätigter Akkreditierung und ausgegebener Fotopässe die Fotografen fünf Minuten vor showtime wieder aus dem Fotograben weichen mussten, weil der damals bekannte deutsche Künstler ein Herpesbläschen an der Lippe hatte. Bei einer Bildqualität von 150 dpi von Schwarz-Weiß-Zeitungsbildern wäre das kaum bis gar nicht sichtbar gewesen. Dafür dann 270 Kilometer umsonst durch die Nacht gefahren zu sein, muss verdaut sein.
Der Fotovertrag als Abschreckung
Ein anderer antwortet, dass Fotoverträge von den Künstlermanagements kämen und außerhalb der Einflussnahme von Tourneeagenturen lägen. Und er sagt auch: „Meiner Meinung nach geht es hier aber hauptsächlich um Abschreckung durch Androhung.“ A.S.S.-CEO Schubert führt den oben zitierten Vertragspassus der bayerischen Band („wenn die in Hamburg spielen, kommen schon noch ein paar tausend Leute“) jedoch auf deren vermeintliche „Unerfahrenheit“ zurück. Oft werde einfach von anderen abgeschrieben! Ohne das zu hinterfragen oder rechtlich selbst zu prüfen!
Fotovertrag als Urheberrechtsentzug
Dabei verstoßen etliche Verträge konstant gegen deutsches und europäisches Recht. Konkrete Namen von Negativbeispielen nennen wir nachfolgend nicht. Aber es hilft auch keine Rose im Gewehrlauf wenn Fotografen ihres – rechtlich bei uns nicht zulässigen – Urheberrechts beraubt werden: „Die weltweiten Urheberrechte (sowie alle Verlängerungen und Erweiterungen) an den Fotografien liegen ab ihrer Entstehung und für immer ausschließlich bei (Band und deren Beauftragten)“, so der Vertragspassus.
Honorarfreie Fotonutzung als Vertragsknebel
Auch gerne missbräuchlich, die honorarfreie Nutzung von Pressebildern. Sogar ein im europäischen Recht beheimateter und inzwischen ergrauter Österreicher schreibt: „Fotograf verpflichtet sich, die Bilder nach der Veranstaltung dem Künstler kostenfrei und zur freien Nutzung zur Verfügung zu stellen und per E-Mail oder mittels Link zum Download zu übermitteln.“ Auf nmz-Nachfrage auch hier keine Antwort.
Grundsätzlich: Es ist völlig rechtens, wenn Künstler Sicherheit haben wollen, dass ihr Konterfei nicht im Zusammenhang mit irgendwelchen Produkten oder politischen Positionen veröffentlicht wird. Die Unverfrorenheit, mit der Donald Trump Songs ungefragt für seine politischen Veröffentlichungen und Auftritte nutzt, zeugen von der Sinnhaftigkeit von Vorsicht. Aber bei einer sehr angesagten deutschen Band hieß im Vertrag zur Konzertberichterstattung: „Eine weitergehende Nutzung der Fotos, insbesondere die Verbreitung über das Internet (Online-Dienste) … ist nicht gestattet.“ Angedrohte Vertragsstrafe: 5.000 Euro! Fast alle Zeitungen publizieren mehrgleisig und das Internet gehört zum Standardausspielweg. Das auszuschließen, grenzt an Angela Merkels früheren Satz, wonach das Internet für alle „Neuland“ sei. Und das im Digitalzeitalter! Eine andere, früher große deutsche Künstlerin fordert in ihrem Vertrag sogar, dass Onlinebilder nach drei Monaten zu löschen seien. Welches Medium hat dazu Kapazitäten. Dann lieber Verzicht auf Berichterstattung bei zwei der großen deutschen Namen. Und lieber von Newcomern berichten!
Fotosklaven zwischen Management und KI-Gefahr
Freie Fotografen sind inzwischen bei augenscheinlich abgehobenen Superstars buchstäblich auf Sklaven-Status gesunken. Bildagenturen mit Stockfotos ebenso. Ihnen wird das Wasser dadurch abgedreht, dass die Veröffentlichung nur einmalig, nur für ein eventuell beauftragtes Medium und auch nicht für die Eigenwerbung des fotografischen Portfolios erlaubt wird. Zur Zwickmühle der Katalogfotografen ist es dann nicht mehr weit. Die KI killt dort inzwischen vielfach den Fotografenberuf gänzlich. Konzertfotos von einem einmaligen Ereignis kann die KI kaum künstlich erstellen, aber hier sind scheinbar überhebliche Managements der Tod des Fotografen als Künstler. Selbst ein als Fotograf bekannter Rockstar von jenseits des Atlantiks gräbt seinen „Kollegen“ in seinem Vertrag das Wasser ab („keine Arbeitsproben, keine Eigenwerbung“), obwohl er ansonsten auf seine eigene kreative Gestaltungsfreiheit großen Wert legt.
Es gibt auch Positivbeispiele
Wie es auch gehen kann zeigen ein paar positive Beispiele. Kollegen berichten, dass selbst die „Rolling Stones“ inzwischen ohne Verträge agieren. Auch Weltstars wie Patti Smith oder Graham Nash sind für Pressefotografen kollegiale Partner. Bei „Judas Priest“ hieß es knapp und bündig: „Alle Fotopässe sind nur gültig für die ersten drei Songs. Das ist alles!“ Und es ist ganz im Sinne dessen, was A.S.S.-CEO Schubert als „gegenseitige PR-Partnerschaft“ zwischen Künstlern und Pressefotografen beschreibt.
Dann sind auch Fotografen zum Konsens bereit, wenn etwa ein Lionel Richie im Vertrag schreibt: „Der Künstler bittet um Erlaubnis, die Fotos in seinen sozialen Medien zu verwenden. Sollte diese Erlaubnis erteilt werden, werden alle erforderlichen Urheberangaben gemacht.“ Im Gegenzug heißt es bei Lenny Kravitz, der Fotograf sei „berechtigt, die Fotografien in seinem Portfolio und anderweitig zur Bewerbung seiner fotografischen Dienstleistungen zu verwenden“.
Digitalkameras machen faul
Bernd Schweinar im Interview mit dem Fotografen Neal Preston
neue musikzeitung: Neal, ich habe gelesen, dass du immer noch viel analog fotografierst. Stimmt das? Gerade in einer Welt, in der Fotos oft innerhalb weniger Stunden online für einen Artikel verfügbar sein müssen?
Neal Preston: Nun, ich fotografiere ein bisschen analog… aber nicht sehr viel natürlich. Und es muss eine Situation sein, in der ich eine lange Deadline habe. Außerdem ist das Fotolabor, das ich für Filme benutze, in Los Angeles. Ich lebe in Las Vegas, das heißt, ich muss meine Filme zur Entwicklung nach Los Angeles schicken.
nmz: Ich habe in den Achtzigern auch mit der Nikon F3 angefangen. Heute liebe ich aber die Geschwindigkeit der Z9 – besonders bei Konzerten, wenn viel Action ist. Wie siehst du diesen Wandel von heute im Vergleich zur analogen Ära?
Preston: Nun, natürlich hatte ich immer Motorantriebe an all meinen Kameras. Die sind schnell genug. Nur weil die Z9 schneller ist, bedeutet das nicht, dass sie besser zum Fotografieren ist. Wenn du dich auf die Geschwindigkeit der Kamera verlässt, um ein großartiges Foto zu bekommen… dann bist du kein großartiger Fotograf.
Neal Preston. Foto: Dave Brolan/Limelight Gallery
nmz: Wenn ein Künstler heute vom Schlagzeugpodest springt, erzeugt meine Z9 eine lange Bildserie. Früher war ein Film wie HP5 oder FP4 mit seinen 36 Aufnahmen schnell aufgebraucht. Wie viele Bilder hast du damals in Serie gemacht, wenn Pete Townshend gesprungen ist? Hättest du dir damals nicht die Möglichkeiten der Digitalfotografie gewünscht?
Preston: Da bin ich anderer Meinung. Entweder weißt du, was du tust, oder du weißt es nicht. Stell dir jemanden wie David Lee Roth vor, der von einem Podest springt. Du brauchst keine Bildserie, um das beste Foto zu bekommen – du musst nur ein einziges Bild machen… du musst nur wissen, wann du auslösen musst. Digitalkameras machen es einem sogar zu leicht, zu viele Bilder zu machen. Nur weil man praktisch unbegrenzt viele Fotos machen kann, heißt das nicht, dass man die besten Bilder bekommt. Im Gegenteil – es macht dich faul. Digitalkameras machen dich absolut faul.
nmz: Du bist derzeit auf Vortragstour in Deutschland. Was ist der Grund dafür? Kann man deine Fotos dort kaufen? Arbeitest du an einem neuen Buch?
Preston: Wir versuchen, meine Arbeiten möglichst vielen Menschen in Deutschland zu zeigen – und natürlich auch im Rest der Welt. Die Abzüge können jederzeit über die Limelight Gallery in Frankfurt gekauft werden. Mein nächstes Projekt ist es, mein Buch „Exhilarated and Exhausted“ in eine Dokumentation für Streaming umzuwandeln. Ich habe noch nicht entschieden, wie viele Episoden es geben wird. Ich habe noch ein weiteres Interview für die Dokumentation zu führen, dann beginnen wir mit dem Schnitt und schauen, wo wir stehen.
nmz: Was war die letzte Live-Show, die du fotografiert hast?
Preston: In Las Vegas läuft derzeit eine Show mit Bezug zu Bob Marley im Mandalay Bay Hotel, die ich vor Kurzem fotografiert habe. Außerdem war ich letzten Dezember auf einer Kreuzfahrt und habe dort die britische Sängerin Jenna Lee-James fotografiert. Sie ist eine fantastische Sängerin und ein wunderbarer Mensch.
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