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Axel Ballreich auf Schloss Alteglofsheim. Foto: Schweinar

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Kultureller Grundversorger mit privatem Risiko

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Gespräch mit Axel Ballreich zum Jubiläum des Concertbüro Franken und der Livebühnen „Der Hirsch“ und „Löwensaal“
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Wenn man Politiker auf das Thema kulturelle Grundversorgung anspricht, dann gibt es oftmals Begriffe wie Theater, Oper, VHS oder auch noch Musikschulen zur Antwort. Warum eigentlich? Gewachsener Horizont? Regelmäßige Förder- oder Finanzierungsaura, auch wenn alle genannten Einrichtungen für die öffentliche Hand Geld kosten, sie aber gleichzeitig zur Eigenpräsentation und medialen Verwertung dienen? Warum nicht Privatveranstalter als Grundversorger nennen? Ein Begriff, der einst von der Kulturpolitischen Gesellschaft eher konservativ genutzt wurde. Mit einem gewissen Schutzsignal vor einer Liberalisierung der Kultur, wie man sie in den 1990er Jahren sah – Fragezeichen, Ausrufezeichen. Anlass genug, um mal den Fokus aus der Gegenrichtung zu justieren.

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Axel Ballreich war sechs Jahre Bundesvorsitzender des Spielstättenverbandes LIVEKOMM. In Nürnberg feierte er im Oktober ein 99- jähriges Jubiläum: 44 Jahre Concertbüro Franken, 33 Jahre Livebühne „Der Hirsch“ und 22 Jahre Livebühne „Löwensaal“. Kann man die kulturelle Grundversorgung im 21. Jahrhundert nur monokausal definieren? So, wie Strom nicht einfach nur aus der Steckdose kommt, fällt auch Kultur jenseits der vermeintlichen Hügel nicht einfach so vom Himmel. Gäbe es ohne privatwirtschaftliche Veranstalter überhaupt eine genreübergreifende und flächendeckende Kulturgrundversorgung? Dass dabei für Veranstalter ein Goldesel im Stall stehe, ist zudem eines der weitverbreiteten Vorurteile.

„plärrer“-Benefiz als Wurzel

Die Geschichte des Concertbüro Franken (CBF) beginnt mit einem geschichtsträchtigen Vorfall: der sogenannten „Massenverhaftung“ von 141 Jugendlichen, darunter 21 Minderjährige im Nürnberger Jugendzentrum KOMM. Das Nürnberger Stadtmagazin „plärrer“ druckte in der Folge Teile der Anklageschrift im Heft ab und wurde selbst Ziel einer Beschlagnahmeaktion der Staatsanwaltschaft.

Um die Anwalts- und Prozesskosten zu kompensieren veranstalteten Axel Ballreich und Peter Harasim, zwei der Hobby-Musikredakteure des Blattes, ein Benefizkonzert unter dem Motto „Rock für die Richter“. Es spielten „Ihre Kinder“, „Schroeder Roadshow“, „Guru Guru“ und mehr. Student Ballreich und Umschüler Harasim veranstalteten in der Folge weitere Konzerte – unter anderem auch im KOMM – mit Künstlern wie „Erste Allgemeine Verunsicherung“, „Haindling“ oder Konstantin Wecker. Im nmz-Gespräch erinnert sich Axel Ballreich: „Künstler riefen irgendwann an und fragten, wollt ihr nicht einfach mal ein normales Konzert mit uns machen? Weil wir gerne mal wieder in Nürnberg spielen würden.“ Die KOMM-Versammlung hatte beschlossen, dass Konzerte im dortigen Saal maximal 5 Mark kos­ten durften. „Damit ließen sich natürlich keine großen Gagen bezahlen, aber die Bands sind trotzdem zu uns gekommen“, erinnert sich Ballreich heute und sagt: „Wir haben das alles mit Kumpels gemacht. Von ganz klein hat es angefangen und dann ist es größer geworden.“

Die Verfahren gegen die KOMM-Jugendlichen und gegen das „plärrer“-Stadtmagazin endeten später alle ziemlich im Nichts beziehungsweise wurden ausgesetzt. Aber die Wurzeln für das Concertbüro Franken waren gepflanzt. Und das Duo Ballreich und Harasim ergänzte sich, der eine mit dem Händchen für die Zahlen und der andere mit Künstlerkontakten, die heute um die ganze Welt reichen.

Dezentrales ­Kulturangebot

Aus dem „plärrer“-Benefiz entwickelt sich über Jahrzehnte ein privater kultureller Grundversorger in Mittel-, Ober- und Unterfranken, aber auch der Oberpfalz und bis nach Niederbayern. Für Besucher von Livekultur aller Genres. In Nürnberg betreiben sie seit 1993 den für sein Programm vielfach ausgezeichneten Livemusikclub „Der Hirsch“ (für cirka 700 Besucher) und seit 2004 auch den „Löwensaal“, mit einer Kapazität von cirka 1400 Besuchern. Comedy-Künstler stellen sie im Saal der Gaststätte Gutmann auf die Bühne. Und hinter dem Frankenstadion veranstalten sie im Sommer die „Stadionpark“-Open-Air-Reihe für bis zu 10.000 Besucher. Eine breite Palette von Festivals haben sie zudem in mittelfränkischen Städten positioniert. Das „Feuertanz“ auf Burg Abenberg, das eher mit Rockgrößen besetzte „Lieder am See“ in Enderndorf am Brombachsee, oder in Pyras ein Classicrock-Festival mit Metal. Auch beim „Open-Air am Jahnstadion“ in Regensburg wirken sie mit. Zudem bespielen sie weitere Clubshows von Frankfurt bis Schweinfurt und Schwabach. Insgesamt rund 400 Konzerte oder Liveproduktionen, die von einem Team aus 30 Festangestellten gestemmt werden. Eine Mannschaft, die während der Sommerfestival auf bis zu 300 Mitarbeitende anwächst und jährlich einer satt sechsstelligen Zahl von Besucherinnen und Besuchern ein Livekulturerlebnis verschafft. Ohne in Steuertöpfe zu greifen! Gut laufende Veranstaltungen müssen in einer Mischkalkulation die Definzite anderer Veranstaltungen und insbesondere den Nachwuchsaufbau auffangen.

Kein Steuergeldfallschirm

1988 hat das CBF mit einem der ers­ten Festivals (unter anderem mit Bo Diddley, Ron Wood, Jethro Tull) mächtig Miese geschoben, konnte eine zeitlang ihre Mitarbeiter nicht bezahlen. „Da haben wir eigentlich schon überlegt gehabt, ob wir das vielleicht doch lieber wieder lassen“, so Ballreich rückblickend. Dann kam aber ein bisschen später “durch eine glückliche Fügung“ die Möglichkeit mehrfach den Russischen Staatszirkus mit dem damals sehr berühmten Clown Oleg Popov zu veranstalten. „Da wurde dann Gott sei Dank wieder Geld verdient“, so Ballreich heute. Sie haben daraus ihre Lehren gezogen, neue Teilhaber ins Boot geholt. Das führte auch zu Stabilität so Axel Ballreich, der das ausführt, was im öffentlich geförderten Kulturbereich alleinige Intendanzen nicht als Finanzproblem sehen: „Wir haben immer verschiedene Meinungen gehabt und sind immer aus drei verschiedenen Richtungen gekommen, haben dadurch vielleicht auch manches Unheil abwenden können. Wenn einer wieder dachte, er muss jetzt unbedingt das machen, dann hat der andere gesagt, nee, das machen wir jetzt nicht. Das ist zu teuer, das ist zu riskant, können wir nicht machen. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass wir so relativ lange gut durchgehalten haben, dass wir a) so unterschiedlich sind und b) eben auch ganz verschiedene Herangehensweisen haben, was sowohl die Musik als auch bestimmte geschäftliche Sachen angeht.“

Nachwuchsaufbau

Für das Programm in ihrem Nürnberger Livemusikclub „Der Hirsch“ wurden sie mehrfach bundesweit, regional und lokal ausgezeichnet. Auch in Fanvotings liegt ihr Club oft ganz vorne mit dabei. Anfang der neunziger Jahre reifte in ihnen die Erkenntnis „Wir brauchen jetzt einen eigenen Laden“. Im KOMM gab es keinen Aufzug und alles Equipment musste immer die Treppen raufgeschleppt werden. Den „Hirsch“ betreiben sie jetzt seit 33 Jahren, ein Zeitraum, in dem andere x-fach den Besitzer wechseln oder pleite gehen. Und Ballreich bezeichnet die Entwicklung mit der eigenen Bühne immer noch als „Lottogewinn“. Denn „wir haben jetzt nicht nur Sachen gemacht, die uns gefallen haben und auch nicht nur nach unserem eigenen Gusto veranstaltet.“

Im Grunde ist ein solcher Liveclub mit einem Programmkino vergleichbar. Man macht kuratiertes Konzertprogramm, mit all den Einschränkungen, die es auch beim Film gibt. Es gibt Acts die ausverkaufen und jeden Monat auch Shows, die Defizit generieren. Ähnlich wie die Programmkinos, die bei einem Treffen mit Bayerns Ministerpräsident Söder mal offenlegten, dass sie eine Gewinnmarge von zwei bis fünf Prozent hätten und ohne Popkorn- und Getränkeverkauf nur rote Zahlen schreiben würden, verhält es sich auch in der Popmusikbranche: die Gastro finanziert auch Programmentwicklung mit. Das Concertbüro Franken veranstaltet als sogenannter „Örtlicher“ die ganze musikalische Bandbreite. Wer auf Tournee geht, baut auf solche Firmen. Wären sie durch Corona verschwunden, gäbe es heute bundesweit vieles an Kulturangeboten nicht mehr. Insbesondere nicht auf dem flachen Land. Das hat Politik lange nicht verinnerlicht.

Chuck Berry in Niederbay­ern

Chuck Berry war im niederbayerischen Deggendorf, im oberpfälzischen Amberg hat das CBF mal ein „Wacken-Süd-Festival“ mit renommierten Bands versucht, die heute Stadien füllen und im ebenfalls oberpfälzischen Neumarkt waren von den „Ramones“ bis zu „Red Hot Chili Peppers“ und Meat Loaf viele Weltstars zu Gast. Frägt man dort heute wie das kam, erinnert sich kaum jemand an die Veranstalter. Das hat auch mit Wertschätzung zu tun. Viele ähnliche Konzertagenturen kämpfen bundesweit mit diesem Defizit an Wertschätzung. Kommunen wissen die Arbeit dieser Agenturen zur Bereicherung des örtlichen Kulturangebotes für die Einwohner leider zu oft nicht zu schätzen. Wenn ein Bürgermeister bei einem Festival sogar als Moderator die internationalen Acts auf der Bühne ansagt, gleicht das schon einem Glücksfall.

Markus Söder sagte zu Corona-Zeiten, dass Verwaltungsbehörden nicht darauf schauen sollten, wie sie eine Konzertveranstaltung verhindern oder behindern können, sondern wie sie Konzerte (trotz Corona) ermöglichen können. Diese Philosophie aus Corona-Zeiten, ist aus vielen Köpfen leider wieder verschwunden. Wenn eine private Konzertagentur nach neuen Locations sucht, dann, so Ballreich, immer unter der Maxime, ob es einen Bedarf gibt oder nicht. „Und wenn wir festgestellt haben, es gibt einen, dann haben wir es weiter bedient.“ Auf eigenes finanzielles Risiko, aber zur Bereicherung des kommunalen Kulturangebots! Wer hat gleich wieder Chuck Berry nach Deggendorf gebracht oder Meat Loaf nach Neumarkt?

Axel Ballreich: „Es gab natürlich auch viele Hallen oder Orte, die sich wirklich gefreut haben, wenn wir zu denen gekommen sind und die gesagt haben, super, kommt bald mal wieder.“ Aber wie alle Veranstalter hätte auch das CBF viele Erfahrungen gemacht, dass es weder Achtung noch Respekt gab, „sondern dass es einem manchmal eher schwer gemacht wurde.“

Ein Widerspruch in sich: Denn es sei Fakt, dass es im ländlichen Einzugsraum für Veranstalter schwerer sei, ein Publikum zu bedienen als in Großstätten wie Berlin, wo es reichlich Bühnen gebe. Dennoch machen sie ihre Open-Airs weiterhin auch gerne in den genannten Regionen, weil es auf dem Land oft noch unkomplizierter sei, als bei Behörden in Großstädten. Und damit das so bleibt, haben sie auch die Weichen für die Zukunft schon in eine konstruktive Richtung gelenkt.

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