Die Frage war eher sachlicher Natur und lautete: „Wie qualifiziert sich das Musikreferat ihres Kunstministeriums fachlich und sachlich über die Popkulturszene, um daraus gegebenenfalls Förderansätze zu entwickeln, bestehende zu stabilisieren oder langfristig vorauszudenken?“ Zurück kam viel Konstruktives. Vereinzelt schrammte die Antwort aber auch an der Brüskiertheit vorbei. Dabei scheint Länderförderung immer wichtiger zu werden, da BKM Wolfram Weimer offenbar keinen Bezug zur Popkultur herstellen kann.
Kulturpolitik-Panel bei der Nürnberg.Pop. Foto: Bernd Schweinar
Wie qualifizieren sich Ministerien für Popkulturförderung?
Die Initiative Musik gGmbH als Bundesfördereinrichtung hat 2009 mit der „Plan! Pop“ eine Dialogplattform geschaffen, um auch Fördergeber aus Landesministerien und Kommunen mit Szenenetzwerken ins Gespräch zu bringen. Funktionierende Best-Practice-Beispiele sollten sich als mögliche Einstiegspforten für jene Länder öffnen, die damals mit Popförderung noch gefremdelt haben. Nach der 2009er Konferenz wurde mit Henning Rümenapp, Gitarrist der bekannten „Guano Apes“, sogar ein „Weißer Ritter“ als quasi Lobbyist für mehrere Jahre durch die Länderministerien geschickt. Ziel sei es gewesen, so erinnert sich die Gründungsgeschäftsführerin der Initiative Musik, Ina Keßler, Infrastrukturförderung zu initiieren und dafür Szene und Fördergeber möglichst flächendeckend an einen Tisch zu bringen. Popförderung sei kredibel, so eine der weiteren Botschaften. Allerdings sahen sich durchaus einige Länder auf den Schlips getreten und betrachteten den Bundesimpuls als Konkurrenz.
Der „Weiße Ritter“ Henning Rümenapp hatte schon damals mit der Fluktuation in den Landesministerien zu kämpfen, sah sich nach etlichen Personalwechseln damit konfrontiert, dass er seinen Know-how-Transfer immer wieder bei Null beginnen musste. Und das in einem Genre, dessen Veränderungszyklen ohnehin immer kürzer wurden – gerade in einer sich digitalisierenden Welt. Wie musste es dann erst unbedarften Szenen gehen, die mit Ideen in Ministerien anklopften?
Auf die nmz-Umfrage zur Personalqualifizierung haben die Länderministerien überwiegend sehr konstruktiv und kompetent geantwortet. Möglicherweise sind wir damit Einzelnen aber auch auf die Gefühlszehen getreten: „Das Musikreferat des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur verfügt selbstverständlich über eine umfassende fachliche Expertise um seinen vielfältigen Aufgaben nachzukommen...Über die Förderwürdigkeit eines Projektes berät ein hierfür bestellter Fachbeirat, soweit der Förderantrag die formalen Kriterien erfüllt“, so die Pressestelle sichtlich derangiert. Es ging aber nicht darum, Länder anzugreifen. Es ging auch nicht nur um Entscheidungskompetenz bei einzelnen Förderanträgen. Popkulturförderung verlangt auch perspektivischen Weitblick und Offenheit.
Viel Positives in den Ländern
Überaus positiv waren die Rückläufe neben den klassischen „Pop-Städten“ aber auch aus Flächenländern wie Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und – dem „Champion“ Baden-Württemberg. Nicht geantwortet hat Bremen.
Hoffnung macht, dass sich augenscheinlich viele Länderverwaltungen der Relevanz des Dialogformates mit der Popkultur bewusst sind. Der Pressesprecher des Kulturministeriums in Mecklenburg-Vorpommern analysiert die Problematik sehr kenntnisreich: „Mitarbeitende von Kulturverwaltungen sind nicht per se in den betreuten Fachbereichen ausgebildete und damit zu qualifizierende Personen.“ Und fortfahrend: „Soweit die Kapazitäten des zuständigen Fachreferates den Besuch von Fachkonferenzen zulassen, werden diese genutzt. Ansonsten finanziert das WKM die PopKW im Sinne einer Fachstelle, zu deren Aufgabe auch der Besuch der Fachkonferenzen ist.“ Vom Reeperbahnfestival bis zur c/o Pop in Köln sowie weiteren listet man Konferenzen auf, die aus M-V regelmäßig besucht werden, denn „wir schätzen diese Konferenzen sehr, weil sie spartenübergreifend Wissen bereitstellen, Synergien initiieren und Austausch ermöglichen“.
Austausch mit den Multiplikatoren
Ähnliches reflektiert Sachsen-Anhalt: „Durch den Austausch mit den Multiplikatoren der Szene erhalten die Kolleginnen und Kollegen laufend ein aktuelles Bild der künstlerischen Entwicklungen im Land. Die zuständigen Referentinnen und Referenten nehmen regelmäßig an Dialogformaten teil. Die Erkenntnisse fließen unmittelbar in die Förderstrategie ein und ermöglichen es, bestehende Förderansätze kritisch zu evaluieren und weit zu entwickeln.“ Und in Brandenburg „gibt es seit 2023 eine gemeinsame Arbeitsgruppe zwischen Fachreferat, Landesfachverbänden und weiteren Akteuren der Popularmusikszene zur Erörterung aktueller Bedarfe und neuer Förderansätze“, die sich aus den überregionalen Dialogen speist.
Konkretes Handeln folgt
Aus den Erfahrungen wird in M-V auch konkretes Handeln konzipiert: „Wir prüfen, eine spartenübergreifende Popkonferenz mit der PopKW zu initiieren. Die Sparten Nachwuchsförderung, Musikspielstätten & Festivals, Musikwirtschaft (z.B. Presswerke, Labels, Tonstudios) würden ähnlich wie auf dem Reeperbahnfestival oder der c/o Pop an mehreren Tagen behandelt und die Acts hätten Auftrittsmöglichkeiten. Mit so einer Konferenz könnten wir im Flächenland stärkere Synergien erzeugen und die überregionale Sichtbarkeit für den Standort MV mit seinen Bands, Spielstätten und Kompetenzen stärken.“
Auch im überschaubareren Rahmen sind Impulse relevant. Brandenburg hat 2025 „erstmals eine Förderung von Einzelkünstlerinnnen und -künstlern, Bands und Djs“ umgesetzt, „deren Bedarf dem Ministerium unter anderem von der Teilnahme an Konferenzen seit Langem bekannt ist“.
Führend in Sachen strukturierter Popförderebenen dürfte seit vielen Jahren Baden-Württemberg sein. Deren Beschreibung von Popkonferenzen ist daher umso mehr von Gewicht: „Sehr positiv ist die offene, niedrigschwellige Atmosphäre, die Begegnungen auf Augenhöhe ermöglicht. Insbesondere der persönliche fachliche Austausch zwischen den unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren der Popkultur ist sehr bereichernd und sinnvoll. Inhaltlich überzeugt vor allem eine gute Mischung aus Formaten, die aktuelle Entwicklungen und Diskurse aufbereiten, mit solchen, die Best-Practice-Beispiele vorstellen. Aus organisatorischer Sicht sind Festivals der kurzen Wege (etwa die About Pop in Stuttgart oder die Dialog.Pop in Bayern) besonders hervorzuheben.“
Infrastrukturförderung ist elementar
Hamburg hat viel für den Popkulturstandort Deutschland getan und sieht bei sich selbst ebenfalls einen „Vorreitercharakter für andere Bundesländer“. Der Kultursenat ist aber sensibel geblieben und schreibt: „Dabei ist der Austausch mit den einschlägigen Verbänden und Institutionen entscheidend, wofür Popkonferenzen und vergleichbare Formate einen wichtigen Baustein bilden.“ Spannend dürfte sein, wie mit dem „Popkultur-Leuchtturm“ Reeperbahnfestival zukünftig verfahren wird, nachdem der Bund eine massive Kürzung angekündigt hat.
Reden und Kommunikation sind eine Seite der Medaille. Strukturen schaffen ist die andere wichtige Seite. Das Land Berlin verfügt mit dem Musicboard über eine Institution, die für diese Aufgabe nicht nur wie geschaffen ist, sondern dafür geschaffen wurde. Ein Senatssprecher: „Über das Musicboard nehmen wir am fachlichen Austausch teil“. Berlin stelle dafür „jährlich seit 2015“ Fördermittel für solche Formate bereit. Allerdings ist Berlins Finanzierungskampf inzwischen auch bundesweit stark im Fokus. Auch Bayern fördert die dem Konferenzformat „dialog.Pop“ und der Messe „Nürnberg.Pop“ zwei wichtige Plattformen und die Popkultur inzwischen jährlich mit rund einer Million Euro.
Fußend auf der Kärrnerarbeit von Dirk Metzger von der einstigen Rockstiftung und Udo Dahmen von der Popakademie kann man Baden-Württemberg rückblickend in Punkto Nachhaltigkeit von Popkulturförderung nicht genug dankbar sein. Aktuell resümiert das dortige Kunstministerium: „Die Entwicklung der kulturpolitischen Leitlinien und verschiedenen Fördermaßnahmen im Bereich Popmusik beruhen in Baden-Württemberg auf einem engen fachlichen Austausch mit der Branche (Musikerinnen und Musiker, Spielstätten, Popakademie, Popverbände, regionale Popbüros BW, Nachtkulturbürgermeister, Popbeauftragte etc.).“ Dieser Austausch will gelernt und gepflegt sein. Statt auf Glanz zurückzuschauen, blickt man perspektivisch nach vorne: „Mit dem Dialog Populäre Kultur (kurz: Popdialog) wurde von 2023 bis 2024 erneut eine umfangreiche Bestandsaufnahme im Bereich Pop/Popmusik durchgeführt. Gemeinsam mit einem 12-köpfigen Fachberatungskreis und über 400 Akteurinnen und Akteuren erarbeitete das Kunstministerium in vier Fachkonferenzen Bedarfe und Entwicklungsperspektiven. Auf der Basis dieser Impulse erfolgte dann die Neuaufstellung der baden-württembergischen Popförderung unter dem Stichwort „POPLÄND-Initiative“ mit zahlreichen Fördermaßnahmen“. An den Ergebnissen lässt man auch Ministerien und Entscheider anderer Länder partizipieren: „Der Popdialog und die daraus abgeleiteten Maßnahmen wurden seither auch auf anderen Konferenzen, in Verbandszusammenhängen und in Länderrunden vorgestellt. Ergänzend zu den eigenen Konferenzen findet der Austausch zwischen Ministerium und Branche auch auf Branchenkonferenzen wie der About Pop in Stuttgart, der NØK Nachtkulturkonferenz in Mannheim, der Dialog Pop in Regensburg oder dem Reeperbahnfestival in Hamburg sowie auf Fachtagungen der Musikhochschulen im Land statt.“ Um von diesen Erfahrungen zu profitieren, müssten andere Ministerien jedoch Popkonferenzen, wie die genannten und weitere, besuchen!
Popmusik ist Kultur und Wirtschaft – nicht entweder oder
Die Schaffung des Dialogformats Popkonferenz ging einst einher mit der Diskussion um den Terminus „Kreativwirtschaft“. Ina Keßler erinnert sich, dass man schon 2009 um die gleiche Wertigkeit kämpfen musste: „Popmusik ist Kultur! Popmusik ist Wirtschaft“. Die Reduzierung auf nur einen Aspekt war schon damals falsch. Das hatte für die Popkultur-Förderung stark negative Folgen – und hat sie noch immer! Szene-Aktive werden mancherorts immer noch von einem Ende zum nächsten geschickt – und umgekehrt.
Das Saarland sieht Popkulturförderung und deren Strukturen augenscheinlich etwas eindimensional: „Fragen der Popmusikförderung werden überwiegend im Kontext der Kreativwirtschaft behandelt und liegen daher im Zuständigkeitsbereich des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation, Digitales und Energie.“ Deshalb hätten „Mitarbeitende des Ministeriums für Bildung und Kultur bislang nicht an Popkonferenzen oder vergleichbaren Fachveranstaltungen zur Popmusikförderung teilgenommen“. Allerdings plane „das Ministerium für Bildung und Kultur für den Herbst einen Kulturgipfel unter dem Motto „Kultur im Saarland – (auch) jung und populär“. Ziel ist es, aktuelle Entwicklungen, neue Zielgruppen und zeitgemäße Formen kultureller Teilhabe gemeinsam mit Akteurinnen und Akteuren der Kulturszene zu diskutieren. Immerhin! Obgleich man das Rad ja nicht immer mehrmals erfinden müsse, wenn man sich vorher mit und bei anderen in der Praxis informiert.
Schleswig-Holstein dürfte eines derjenigen Länder sein, das noch den weitesten Weg zum Aufholen hat. Einerseits schreibt man „Mit Popnet Schleswig-Holstein haben wir seit 2023 ein Netzwerk für Popmusik in Land, das von vielen getragen und finanziert wird“. Angesiedelt beim Landesmusikrat, während in anderen Bundesländern insbesondere dort große Fortschritte gemacht wurden, wo Szene-Netzwerke als direkte Partner anerkannt und auch institutionell gefördert wurden und werden. Trotzdem erstaunlich, dass es in einem „Positionspapier“ des Musikrates zur Livekultur heißt: „Daher fordern wir die Landesregierung auf, mit uns als Akteur:innen in den Dialog zu treten.“ Dreht sich da etwas im Kreise? Hätte man das effizientere Netzwerken nicht seit Jahren und Jahrzehnten in anderen Bundesländern eruieren können?
Hat die Popszene Einladungsdefizite?
Die Antwort aus Thüringen fällt ebenfalls überschaubar aus. Sie offenbart allerdings auch ein möglicherweise anderes Defizit. Kommunikation muss in beidseitiger Richtung laufen! Das Kulturministerium antwortet: „Mitarbeitende der Kulturabteilung des Thüringer Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur (TMBWK) haben bisher an keiner Popkonferenz teilgenommen. Für die zeitgenössische Kultur und damit auch die Popförderung ist in Thüringen die Kulturstiftung des Freistaats Thüringen zuständig. Auch diese hat in den vergangenen Jahren an keiner Popkonferenz teilgenommen, wurde jedoch auch nicht zu einer solchen eingeladen.“ Insofern sollten sich alle Ausrichter von Popkonferenzen fragen und überprüfen, ob sie Kontaktdaten nach Thüringen in ihren Einladungslisten haben. Das eruieren wir für eine der nmz-Herbstausgaben bei den Ausrichtenden der Popkonferenzen.
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