Alles von Mozart


(nmz) -

Wer vor drei Jahren den kompletten Bach erwarb, den Helmuth Rillings Stuttgarter Bachakademie beim Hänssler-Verlag veröffentlichte, bekam mit der letzten Teillieferung ein solides schwarzes Holzregal geschenkt, in dem alle 172 CDs mit den rund 1100 Werken J. S. Bachs Platz hatten – ein hübscher Blickfang im Salon. So großzügig ist Joan Records nicht, wenn man Mozarts Gesamtwerk erwirbt, das von seinem Klassik-Label „Brilliant Classics“ jetzt komplett auf 170 CDs in 26 Boxen angeboten wird. Aber das ist auch nicht nötig; denn damals kostete der ganze Bach 2.000 Euro.

Ein Artikel von Diether Steppuhn

Über zwei Boxen dieser Mozart-Edition mit erstaunlich anspruchsvoll interpretierten Chorwerken und über die Edition selber wurde in nmz 10/02, S. 20, schon berichtet. Nun liegt die Gesamtedition komplett vor und wieder verblüfft das überdurchschnittlich hohe Niveau der Einspielungen; auch Nicol Matts großartiger European Chamber Choir ist mit einer weiteren ganz neuen Aufnahme vertreten, diesmal mit allen 41 Mozart-Kanons (Vol. 26). Viele Aufnahmen der Edition stammen als Lizenz-Übernahme von bekannten Labels wie ASV, CRD, Hyperion, Chandos, Novalis, Denon, Koch, Claves, BIS, Nimbus, Telarc, Hungaroton, Edel. So finden sich prominente Musikernamen, etwa Salvatore Accardo und Bruno Canino in den späten Violinsonaten oder die Klarinettisten Karl Leister und Anthony Pay, der Hornist Gerd Seifert, der Oboist Lothar Koch, die Geigerin Elizabeth Wallfisch, der Cellist Rainer Zipperling in Kammermusikwerken. Die Sängernamen – viele werden gleich noch genannt – lesen sich wie Perlen an einem funkelnden Collier und das gilt auch für Dirigentennamen wie Charles Mackerras, Sylvain Cambreling, Leopold Hager, Sigiswald Kuij-ken, Ton Koopman, Colin Davis, Otmar Suitner, Hans Schmidt-Isserstedt.

Mehr als die Hälfte der Mozart-Werke wurde für diese Edition – meist innerhalb der letzten zwei Jahre – neu aufgenommen, darunter bevorzugt von Künstlern, die auch in der „historischen Aufführungspraxis“ einen Namen haben. Das gilt etwa für den hier als Dirigent auftretenden Flötisten Jed Wentz, der mit seiner „Musica ad Rhenum“ einige Bühnenwerke – „La Clemenza di Tito“ (Vol. 23), „Il Re Pastore“ (Vol. 5) – neu einspielte, oder auch für die Interpreten der frühen Violinsonaten, also sowohl der Klaviersonaten mit Begleitung einer Violine KV 6 bis 9 als auch der Sonaten KV 26 bis 31 (Vol. 9): Rémy Baudet, der Konzertmeister des Orchesters des 18. Jahrhunderts von Frans Brüggen, spielt auf einer römischen Tecchler-Geige von 1706; Pieter-Jan Belder, der 2000 den Leipziger Bach-Wettbewerb gewann, spielt erst ein Cembalo, das einem alten Mietke-Instrument nachgebaut wurde, dann ein flämisches Cembalo, wie Mozart es bei seinem Besuch in den Niederlanden und in Paris benutzt haben mag; Bruno Canino benutzt für alle anderen Violinsonaten eine Kopie eines Instruments von Anton Walter in Wien von 1795. Pieter van Winkel, der „Spiritus Rector“ des Labels und selbst Konzertpianist, wirkte bei einigen Klavieraufnahmen auch als Produzent mit, etwa bei allen Klaviersonaten mit der aus Ungarn stammenden Wahl-Niederländerin Klára Würtz (Vol. 7). Vor allem diese Neueinspielungen – neben Kammermusik vor allem die Aufnahmen selten zu hörender oder aufgeführter Opern oder Singspiele wie „Apollo & Hyacinthus“, „Il sogno di Scipione“, „Zaïde“, „Ascanio in Alba“, „Lucio Silla“, „Il Re Pastore“, „Titus“, „Mitridate“, „Schauspieldirektor“, „La Finta Semplice“ oder „La Finta Giardiniera“ – sind hervorragend interpretiert und können sich mit gewichtiger Konkurrenz durchaus messen. So dirigierte Ton Koopman 2001 für diese Sammlung eine ganz neue „Zaïde“ (Vol. 21) mit Sandrine Piau in der Titelrolle.

Fazit: Für wenig Geld bekommt man also, was das mozartliebende Herz begehrt: durchweg exzellente Künstler – selbst unter denjenigen mit bisher unbekannten Namen gibt es prächtiger Stimmen! – mit Bekanntem und Unbekannterem, das gerade in solcher Qualität zu entdecken sich lohnt. Die Jewelboxen der CDs enthalten erwartungsgemäß spärlichen Text, aber – leider nur in Englisch – alle wesentlichen Informationen, bei Bühnenwerken auch die Texte in der Ursprache und kurze Einführungen. Man bekommt aber erstaunlicherweise auch noch Besonderes: etwa die g-Moll-Sinfonie KV 550 in zwei Fassungen Mozarts, einmal ohne und dann mit Klarinetten (Vol. 20), seine Jugendwerke auf dem Hammerklavier (Vol. 13), alle Konzertarien (Vol. 24) – darunter mit „Vorrei spiegarvi, oh Dio“ KV 418 eine der heikelsten und schönsten für Koloratursopran, technisch sicher und so seelenvoll von Francine van der Heyden gesungen, wie man es selten erlebt –, das mitreißende Pianistentrio Kocsis/Ranki/Schiff im Konzert für drei Klaviere KV 242 (Vol. 4) und eben viele selten zu hörende Chorwerke von einprägsamer Schönheit (Vol. 8, 15 und 25).

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