Am Rande der (Un-)Spielbarkeit

Neue CDs neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek


(nmz) -
Verblüffend, mit welcher Schlagzahl das Label bastille musique mitten in der Pandemie ein diskografisches Highlight nach dem anderen veröffentlicht: …
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

Claude Vivier genießt heute gewissermaßen Kultstatus und dennoch ist seine Musik auf Tonträger nur unzureichend präsent. Sein spirituelles, von zahlreichen Asien-Aufenthalten geprägtes Schaffen wurde von György Ligeti hoch geschätzt und offenbart in seinen frühen Werken eine noch etwas unentschiedene stilistische Bandbreite. Ganz untypisch erscheint das toccatenhafte Klavierstück „Shiraz“ (1977), dessen Nähe zu den einige Jahre später entstandenen Etüden Ligetis erstaunt! Die Besetzung von „Pulau Dewata“ (1977) ließ Vivier unbestimmt: eine etwas floskelhafte Hommage an Bali mit „infantilen“ Zügen, die von Klaus Simon sehr plastisch und einfallsreich für ein vielfarbiges Instrumentalensemble eingerichtet wurde (Ersteinspielung). Anders die „Love Songs“ (1977), die sich als verspieltes, augenzwinkernd polyglottes Vokaltheater über das Wesen der Liebe auslassen, von den Neuen Vocalsolisten brillant inszeniert. Viviers eigenwilliger, avantgardistischen Konventionen völlig fernstehender Personalstil tritt schließlich so markant wie dekadent zutage in „Lonely Child“ für Sopran und Kammerorchester (1980): Eine aufreizend homophone Stimmführung und betont simple, elegische Melodieformeln treffen auf dramatische Perkussionsakzente. Höhepunkt dieser Produktion ist jedoch die elektrisierende Darbietung der Holst-Sinfonietta von „Zipangu“ für 13 Solostreicher (1980). Eine Interpretation, welche die Geräuschebene der wuchtigen Melodieschübe mit gnadenlosem Bogendruck auskostet. Als wäre das eine böse Vision von Viviers jähem Ende in einer Pariser Absteige. (bastille musique)

Dank Michael Wendeberg gibt es (endlich tatsächlich vollständig) das komplette Klavierwerk von Pierre Boulez zu bestaunen! Wendeberg hat es mit Unterstützung von Nicolas Hodges („Structures pour deux pianos“) mit expressiver Detailverliebtheit und kristalliner Brillanz eingespielt – frühe pianistische Avantgarde als vollendete Klangbildhauerei. Bereits Boulez’ dodekaphone Aphorismen der frühen „Douze Notations“ (1945) kommen wie in Stein gemeißelt daher und geben die Direktive der ganzen Einspielung vor: strukturelle Klarheit und übergreifende Klang-Poesie als untrennbare Einheit. Wendebergs bis in letzte agogische Winkel durchhörbare Gestaltung belebt auch hörbar die streng seriellen „Structures – Premier livre“ (1951/52), dessen punktuelle Automatismen interessanterweise viel zufälliger klingen als die aleatorische 3. Sonate (1955-57). Dass diese Gesamteinspielung auch wirklich eine ist, liegt aber nicht nur daran, dass die späten „Incises“ (1994/2001) mit ihrer pulsierenden Virtuosität ebensowenig fehlen wie einige miniaturistische Gelegenheitswerke. Auch bisher unveröffentlichte Versionen einzelner Sätze der Sonaten wurden berücksichtigt und offenbaren teils erhebliche Unterschiede in Form und Charakter. (bastille musique, 2 CDs)

Christophe Bertrand galt als einer der großen Hoffnungen der „Neuen Musik“ als er sich 2010 mit 29 Jahren das Leben nahm. Hierzulande ist sein herausragendes Werk praktisch unbekannt geblieben, insofern gebührt dieser Beinahe-Gesamteinspielung des WDR ein großes Verdienst. „Beinahe“, weil die wenigen Vokalkompositionen Bertrands nicht enthalten sind. Das schmälert aber keineswegs diese üppig ausstaffierte Edition mit 22 Kompositionen auf drei CDs. Zu hören ist eine Musik, die in ihrer strukturellen Komplexität und virtuosen Bewegungsenergie unglaubliche Energien entwickelt. Egal, ob es sich um ein Stück für Soloinstrument oder größeres Ensemble handelt. Beeindruckend, wie energiegeladen das Zafraan­-Ensemble und KNM Berlin ekstatische Klangprozesse nachvollziehen, die sich oft genug am Rande der Unspielbarkeit bewegen. Dass die energetischen Potentiale von Bertrands Musik im großen Orchesterapparat ihre klangmächtigste Ausformung gefunden haben, beweist eindrucksvoll ein entfesseltes WDR-Sinfonieorchester in „Mana“ (2004/05) oder zusammen mit dem GrauSchumacher Klavierduo im kollektiven Taumel von „Vertigo“ (2006/07). (bastille musique, 3 CDs)

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