Außergewöhnlicher Qualitäts-Instinkt

Prof. Reinhart von Gutzeit erhält das Bundesverdienstkreuz


(nmz) -
Für sein jahrzehntelanges Engagement für „Jugend musiziert“ ist Prof. Reinhart von Gutzeit, hochrangig ausgezeichnet worden. Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier hat ihm den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland 1. Klasse verliehen. Am 25. Januar übergab ihm Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey bei einer Feierstunde in Berlin die Ehrung, in Anwesenheit zahlreicher Gäste seines Wirkungskreises. Die Laudatio hielt Prof. Ulrich Rademacher, Vorsitzender des Beirats von „Jugend musiziert“. Wir drucken die Laudatio hier in Auszügen:
Ein Artikel von Jugend musiziert

„Reinhart von Gutzeit könnten wir für vieles ehren, und er ist auch bereits für vieles geehrt worden: für seine Verdienste um das Deutsche Musikschulwesen, für seine inspirierenden Beiträge als Autor in vielfältigen Veröffentlichungen, als Rektor der Bruckner-Uni in Linz und des Mozarteums in Salzburg, für sein langjähriges Wirken im Präsidium des Deutschen Musikrates, in vielen Hochschulbeiräten, als Ideengeber für spannende Festivals und noch einiges mehr.

Heute aber geht es in erster Linie um Verdienste, die sich Prof. Reinhart von Gutzeit um den weltweit qualitativ und in seiner, das gesamte Instrumentenspektrum umfassenden, Vollständigkeit einmaligen Wettbewerb «Jugend musiziert» erworben hat. Kein anderer Wettbewerb, kein anderes Projekt, kein Curriculum hat das Musikleben in Deutschland so nachhaltig gefördert, geprägt, nach vorne gebracht und mit Leben gefüllt, wie eben dieser Wettbewerb, der jedes Jahr wieder über 20.000 Kinder und Jugendliche mit Ihren Familien und Lehrkräften in 150 Regionen musikalisch infiziert.

In das durch Reinhart von Gutzeit maßgeblich geprägte Vierteljahrhundert fallen zukunftsweisende Weichenstellungen im Kontext der Themen Gleichstellung, interkultureller Dialog, Integration und kulturelle Vielfalt, die nur aufgrund seiner nachdrücklichen persönlichen Überzeugungsarbeit und Überzeugungskraft möglich wurden. Herr von Gutzeit hat sich damit in erheblichem Umfang Verdienste erworben, welche auch im gesamtgesellschaftlichen Rahmen von signifikanter Bedeutung sind:

Früher gab es die Pflicht, im Wettbewerbsprogramm von «Jugend musiziert» wenigstens ein zeitgenössisches Werk vorzutragen. Das Reglement des Wettbewerbs beschrieb minutiös, was darunter zu verstehen ist und was nicht. Dies aber produzierte immer häufiger lieblose Präsentationen von lästigen “Pflichtübungen”. Mit WESPE wurde dieser Zustand beendet. Werben und Überzeugen statt Gängeln war angesagt. Es sollten nicht länger die “Alten” den “Jungen” zeigen, wo die Zukunft der Musik liegt. WESPE ist so zu einer Art Zukunftswerkstatt für «Jugend musiziert» geworden.

Dass dazu ganz selbstverständlich auch ein Sonderpreis für die beste Interpretation eines ganzen Werkes der Klassik gehört, zeigt die Orientierung am Werte-Kompass von Erbe, Vielfalt und Zukunft.
In diesem Sinne ist auch die Aufnahme von Pop-Kategorien in den Wettbewerb «Jugend musiziert» als Überzeugungstat von Reinhart von Gutzeit zu verstehen:

Er glaubt an die Musik als universelle Sprache. Mit der Konsequenz, für die Pflege des musikalischen Erbes, die Wertschätzung musikalischer Vielfalt und die Förderung zeitgenössischer musikalischer Ausdrucksformen im Sinne der Unesco Konvention gleichermaßen konsequent einzutreten.

Ein in dieser Konsequenz wegweisender (und zunächst heiß umstrittener) interkultureller Brückenschlag war die Aufnahme der „Bağlama“, der türkischen Langhals-Laute, ebenso wie des alpenländischen Hackbretts in den Instrumenten-Kanon von «Jugend musiziert».

Einen weiteren Schritt bedeutete auch die erhebliche Ausweitung der Zusammenarbeit mit den Deutschen Schulen im Ausland. Drei, unseren nationalen Landeswettbewerben gleichgestellte Länderzonen schließen mittlerweile ganz Europa ein. Seit wenigen Jahren freut sich «Jugend musiziert» über die Aufnahme der Region Israel und Palästina mit den deutschen Schulen in Ostjerusalem und Beit Jala. Gemeinsam mit den deutschen Schulen in der Türkei und Ägypten wird der Wettbewerb durch orientalisch arabische Farben bereichert.

Schließlich existiert seit 2016 ein Kooperationsprojekt mit einem Partner in China, dem China Youth Music Competition. Der ehemalige Kulturattaché der Deutschen Botschaft in Peking, Enrico Brandt, der die Entwicklung dieser Partnerschaft von Anfang an beobachtet und gefördert hat, schreibt in einer ersten Bilanz:

„Der Grundgedanke des China Youth Music Competition hat mich von Anfang an überzeugt. Das Element des Austausches junger deutscher und chinesischer Talente ist dabei besonders hervorzuheben. Die Botschaft hat den jungen chinesischen Wettbewerb daher von Anfang an im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützt. Er gehört zu den Projekten, die das Potential haben, eine sehr sichtbare und positive Dauereinrichtung im deutsch-chinesischen Kulturbetrieb zu werden.“

In diesem Sinne fanden auch im September 2018 wieder die „Tage der Deutsch-Chinesischen Begegnung“ statt, in denen aktuelle Preisträgerinnen und Preisträger aus Deutschland und China gemeinsam vornehmlich Werke der Kammermusik einstudierten und mehrfach gemeinsam aufführten. Und wer zum Schluss beob­achtete, wie die Jugendlichen alleine unterwegs waren, Kontaktdaten und Bilder austauschten und hörte, wie sie in den Abschlusskonzerten einen gemeinsamen Klang produzierten, der bei geschlossenen Augen eine Unterscheidung in Deutsch und Chinesisch nicht mehr zuließ, der war glücklich über eine gelungene Begegnung.

Möglich war diese vielfache Bereicherung und Erfrischung von «Jugend musiziert» nur durch Reinhart von Gutzeits außergewöhnlichen Qualitätsinstinkt als Musiker, als Pädagoge, als Analytiker und als Netzwerker. Dies und seine Souveränität im Umgang mit kompetenten Mitstreiterinnen und Mitstreitern prägten sein Wirken für die Wettbewerbe «Jugend musiziert», die er mehr als ein Viertel Jahrhundert lang verantwortlich gesteuert hat.

Wie gut, dass es bei «Jugend musiziert» keine Sieger und Besiegte mehr gibt, dass Preisträger nicht mehr Konkurrenten sind, dass gemeinsames Musizieren auf höchstem Niveau nicht zum Feind exzellenten Solospiels wurde, dass die Balance zwischen kulturellem Erbe und kultureller Vielfalt immer wieder gelingt. Wie gut, dass sich das Spiel auf der Baglama, die Interpretation etwa des Mendelssohn-Oktetts, einer Beethoven-Sonate, einer Akkordeon-Improvisation mit elektronischer Einspielung, ein Pop-Song und noch viel mehr, an gemeinsam akzeptierten Qualitätsstandards messen lässt, die Jahr für Jahr durch die Jurys auf Regional-, Landes- und Bundesebene überprüft werden. Und wie gut, dass sich «Jugend musiziert» weiterhin von öffentlicher und privater Förderung getragen weiß – was nicht davon zu trennen ist, dass Reinhart von Gutzeit über die Seele des Wettbewerbs immer wieder mit einer unendlichen Fülle an Bildern, Bezügen, Erfahrungen so feinsinnig, treffend und humorvoll zu sprechen weiß.“

„Jugend musiziert“ gratuliert Reinhart von Gutzeit von Herzen für diese Auszeichnung!